War lange in der Krise zu ruhig: Bremens Keeper Jiri Pavlenka könnte auch zu den Stützen zählen, die noch verkauft werden.
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War lange in der Krise zu ruhig: Bremens Keeper Jiri Pavlenka könnte auch zu den Stützen zählen, die noch verkauft werden.

Werder Bremen

Neuanfang mit fettem Minus

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Werder Bremen will mit demselben Personal, aber 30 Millionen Euro weniger eine Erneuerung hinbekommen - das wird schwierig.

Es ist erst wenige Tage her, da stützte sich Florian Kohfeldt völlig ermattet im Heidenheimer Stadion auf die Werbebanden und schnappte nach Luft. Während der Fernsehinterviews sackte der Trainer des SV Werder immer wieder erschöpft in die Knie. Aus dem Abstiegskampf war ein unmenschlicher Druck erwachsen. Der 37-Jährige hatte wegen dieser Belastung („im Prinzip über neun Monate“) am Montagabend völlig offen gelassen, ob er seinen bis 2023 laufenden Vertrag erfüllt. Am Freitagmittag bestätigte die Werder-Geschäftsführung mit Klaus Filbry, Hubertus Hess-Grunewald und Frank Baumann, dass der Fußballlehrer im Amt bleiben wird. „Relegation überstanden, ein Bier, schlafen, ein Gespräch – dann war ich durch“, erläuterte Kohfeldt. Einen Abstieg hätte er sich „nie verzeihen können“. Nach der Rettung habe er mit keinem anderen Verein gesprochen.

Zur Aufarbeitung haben sich die Gremien einige Tage bis tief in die Nacht die Köpfe heiß geredet. „Ohne Wenn und Aber haben wir unsere Ziele nicht erreicht“, meinte Filbry eingangs der mehr als 100-minütigen Pressekonferenz. Aufsichtsratschef Marco Bode machte sehr bald deutlich, dass er jene nicht glücklich machen werde, die fordern, dass Köpfe rollen müssten. „Werder muss auch Werder bleiben.“ Gleichwohl wird der Kurs künftig ein anderer sein. „Wir wollen wieder ein einfallsreicher Herausforderer sein. Mit einer jungen, entwicklungsfähigen, hungrigen Mannschaft“, erklärte Baumann. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Vor allem durch die sinkenden Medienerlöse und fehlenden Zuschauer kommt es zu Mindereinnahmen von 30 Millionen Euro. Mit diesem Problem sei man nicht allein, führte Filbry aus, alle Klubs hätten zu kämpfen. „Das bedeutet, dass das den Fußball nachhaltig verändern wird, weil weniger Geld im Kreislauf sein wird.“

Max Kruse wurde vermisst

Der wichtigste Punkt für den Turnaround muss die Kaderplanung sein. Seitdem Chefscout Tim Steidten im vergangenen Sommer zu Bayer Leverkusen abwanderte, ist es nicht mehr gelungen, Spieler wie Milot Rashica, Jiri Pavlenka, Ludwig Augustinsson oder Thomas Delaney aufzutreiben. Ergebnis der phantasielosen Planung ist eine lange Liste von Mitläufern. Nur wenn Transfererlöse für Rashica und Co. fließen, kann der Kader umgebaut werden. „Viele Ideen sind nicht aufgegangen“, gab Baumann zu.

Kohfeldt machte deutlich, dass er zum einen Führungsspieler wie früher Max Kruse vermisst habe, die ihm selbst „als Regulativ“ hätten dienen können, zum anderen habe er viel Kraft vergeudet, um Konflikte in seinem Umfeld zu lösen. Die Teamfähigkeit im Team hinter dem Team habe teilweise arg gelitten. Angedacht ist nun, dass der Ex-Profi Clemens Fritz – analog zur Funktion von Sebastian Kehl bei Borussia Dortmund als „Leiter der Lizenzspielerabteilung“ – eingebunden wird.

Baumann wollte nicht versprechen, „dass nächste Saison alles super laufen wird“, aber: „Wir haben viel gelernt.“ Man weiß, was nicht mehr funktioniert: sich nämlich durch die grün-weiße Brille zu lange die Fußballwelt rosarot zu malen.

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