Kampf um den Ball und dringend benötigte Einkünfte: Der Franzose Adrien Rabiot (vorne) und der Schwede Sebastian Larsson in der Nations League.
+
Kampf um den Ball und dringend benötigte Einkünfte: Der Franzose Adrien Rabiot (vorne) und der Schwede Sebastian Larsson in der Nations League.

Nationalteams am Tropf der Uefa

Nations League: Ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

In der Corona-Krise hängen selbst reichere Landesverbände mit ihren Nationalteams am Tropf der Uefa-Ausschüttungen für den sportlich umstrittenen Wettbewerb.

Es sind ähnliche Bilder, die dieser Tage aus der Nations League übermittelt werden – ob aus der Johan Cruyff-Arena in Amsterdam, im Parken-Stadion von Kopenhagen oder der Friends Arena in Solna bei Stockholm: Großflächig sind Banner in den Farben der Nationaltrikots über die Tribünen gespannt, auf denen auch die Sponsoren prangen, was doppelten Effekt bringt: Die leeren Plätze fallen nicht so sehr auf und die Werbeträger kommen ins Fernsehen. Die Uefa hat wegen der Corona-Krise nirgendwo Zuschauer erlaubt, selbst wenn das Infektionsgeschehen beherrschbar wirkt: nicht in Torshavn auf den Färöern, nicht in Reykjavik auf Island. Bloß keinen Spielausfall riskieren. Das würde nämlich viel, viel Geld kosten.

„Die Uefa ist kein Klub, sondern der Verband der Landesverbände. Es käme uns teuer zu stehen, wenn wir eine Nations-League-Runde absagen müssten“, hat Martin Kallen, der EM-Turnierdirektor, in einem „NZZ“-Interview gesagt. Der internationale Fußball ist so hoch geflogen, dass der Sturz in einer Krise umso heftiger sein kann. Jeder Spieltag sei inzwischen mehr als 100 Millionen Euro wert, führte der Schweizer Kallen aus, der seit einem Vierteljahrhundert für die Uefa tätig ist. „Wenn wir keinen Ersatz finden, müssen wir das den TV-Anstalten zurückerstatten.“ Und das hätte teils verheerende Folgen für die Nationalverbände, von denen viele längst am Tropf der garantierten Erlöse aus der Uefa-Zentralvermarktung ihrer Länderspiele hängen.

Das betrifft selbst so reiche Nationen wie die Schweiz: Der Schweizer Fußball-Verband (SFV) hat seine Einnahmen in zehn Jahren um 70 Prozent auf 72 Millionen Schweizer Franken (67 Millionen Euro) gesteigert. Ursächlich dafür verantwortlich sind Zuwendungen und Prämien von der Fifa, aber vor allem der Uefa. Von dem Geld werden nicht nur die Akteure der A-Nationalmannschaft hofiert, sondern auch der Frauen-, Jugend- und Amateurfußball organisiert, in Programme und Projekte investiert, die sich in der Pandemie nicht einfach über Nacht einstampfen lassen. Jede fehlende Million trifft solche Verbände im Mark.

Nations League ersetzt Freundschaftsspiele

Die Uefa steht noch aus einem anderen Grund unter Druck: Wie Kallen erläuterte, habe man allein durch die EM-Verschiebung „mehrere hundert Millionen Euro“ verloren. Das Geld sei von den Reserven in Höhe einer halben Milliarde Euro genommen worden. Die verlegte EM 2021 soll laut dem 56-Jährigen annähernd die 2,1 Milliarden Euro generieren, die zuvor eingeplant waren. „Die Verbände sollten auf wenig bis nichts verzichten müssten. Das ist die Messlatte.“

Die Nations League wurde 2018 vor allem auf Druck der mittelgroßen und kleineren Verbände eingeführt, die ihre Freundschaftsspiele nur schlecht vermarkten konnten. Wie der Uefa-Finanzreport 2018/2019 ausweist, schnellten die Erträge aus Wettbewerben der Nationalteams ad hoc von zuvor 280 auf 604 Millionen Euro. An Gesamteinnahmen verbuchte die Uefa stolze 3,85 Milliarden Euro: Davon kamen 3,2 Milliarden Euro aus den Vereinswettbewerben (Champions League und Europa League), größter Zahlmeister waren die Fernsehanstalten mit 3,3 Milliarden Euro.

Die Nations League schlägt für die Uefa gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Zum einen stärkt sie die Bindung zwischen Mitgliedern und Dachorganisation. Zum anderen sorgt sie dafür, dass die Nationalmannschaft nicht mehr nur alle vier Jahre durch eine von der Uefa ausgerichtete Europameisterschaft einen signifikanten Erlös einspielen. Zudem lindert es die Abhängigkeit von der boomenden Champions League. Freundschaftsspiele zwischen Nationalteams waren gegen die Königsklasse ein billiger Abklatsch.

Nations League verdoppelt Erträge

Für die Vermarktung aller EM-Qualifikationsspiele, Nations-League-Partien sowie der WM-Qualifikationsspiele in ihrem Hoheitsgebiet rechnet die Uefa zwischen 2018 und 2022 mit Einnahmen von 1,99 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In den vier Jahren zuvor waren es noch 1,03 Milliarden Euro. Die neuen Begegnungen mit dem Nations-League-Logo helfen also, die Erträge mal locker zu verdoppeln. Daher machen alle 55 Nationen bei einem sportlich für viele immer noch fragwürdigen Format mit, zumal die Uefa in 2018/2019 alleine 551,6 Millionen Euro wieder an die Landesverbände ausschüttete. Kallen erklärt das Verteilungsmodell so: „Je nach Größe erhalten die Verbände von der Uefa ein Fixum oder einen Prozentsatz. Im Verhältnis verdienen die kleinen Verbände mehr als die großen.“

Aber: Deutschland, England oder Frankreich hätten kaum zugestimmt, wenn nicht auch bei ihnen genug hängen bleiben würde. Der DFB vereinnahmte in 2019 für seine A-Nationalmannschaft 60 Millionen aus der TV-Vermarktung und Nations League. Im DFB-Finanzbericht heißt es dazu: „Sämtliche Spiele der A-Nationalmannschaft werden durch die Uefa zentral vermarktet. Der DFB erhält für die Überlassung der Vermarktungsrechte pauschale Zahlungen der Uefa.“

Bundestrainer Joachim Löw mag über sportlich wenig sinnvolle Länderspiele schimpfen: Selbst für den noch mit reichlich Rücklagen ausgestatteten DFB sind „Länderspiele eine Art wirtschaftlicher Lebensversicherung“, wie Generalsekretär Friedrich Curtius betont. Daher soll es auch aus deutscher Sicht in der Nations League unbedingt weitergehen, notfalls bis in den Herbst mit Geisterspielen. Interessant, dass Kallen allerdings einschränkte, man könne sich nicht ewig in einer Blase mit Schutzkonzepten und Isolation aufhalten: „Lange können wir das nicht so durchziehen. Es wird irgendwann einen Impfstoff geben müssen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare