Angemessen gekleidet: Joachim Löw.
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Angemessen gekleidet: Joachim Löw.

Die Schmach von Sevilla

Nations League Schlappe gegen Spanien: Wenn eine Mannschaft den Trainer im Stich lässt

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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All das Vertrauen, dass Joachim Löw seinen jungen Leuten geschenkt hat, wurde binnen 90 Minuten aufgebraucht.

Es gibt gerade ernsthaft komplexere Versuchsanordnungen, die einer Lösung harren, als die Probleme der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und ihres Dompteurs Joachim Löw. Andererseits ist eine Debatte über Trainer und Team ja auch eine ganz nette Abwechslung in diesen komplizierten Corona-Zeiten. Man kommt mal auf andere Gedanken. Und außerdem ist es auf den ersten Blick auch viel einfacher: Statt Inzidenzen in Relation zu Wochentagen zu mathematisieren und positive Testungen in Beziehung zu symptomatisch Getesteten zu kategorisieren, braucht man bloß Gegentore zu addieren, zugegeben ganz schön viele. Aber bis sechs zählen können sogar Erstklässler in Quarantäne.

06 gegen Spanien: Die debakulösen Nacht von Sevilla

Für die fußballfachlichen Schlüsse, die aus dem null zu sechs in der debakulösen Nacht von Sevilla zu ziehen sind, braucht es hingegen ein wenig mehr Hirnschmalz und Zeit. Zeit, die der Bundestrainer gerade mal wieder reichlich hat. Wenn er sie denn gegeben bekommt und sich selbst noch gibt. Es ist anzunehmen und anzuraten, dass er von seiner in vierzehneinhalb Jahren im Hochamt lieb gewonnenen igelartigen alljährlichen Winterruhe ablässt und stattdessen die Monate Dezember bis Februar nutzt, um in der gebotenen Tiefe darüber nachzudenken, wie man den Kollektiv-K.o. wieder aus den Klamotten kriegt.

Löw ist erfahren genug, um schon in der Nacht nach dem sportlichen Fiasko zu eralpträumen, welche Namen er in diesen unruhigen Tagen am häufigsten lesen wird: Müller, Boateng, Hummels. Oder andersrum. Hummels, Boateng, Müller. Oder so: Boateng, Hummels, Müller.

Fast hätte man in den vergangenen Wochen glauben können, Löw und seine Leute seien den Deutschen schon ganz egal geworden. Aber ein 0:6 in dieser bescheidenen Form gegen Spanien zeigt dann doch, dass es die Fußball-Nationalmannschaft auf die Titelseiten schaffen kann. So ein Spiel wird beim geneigten Fan auch als persönliche Beleidigung empfunden. Löw muss das jetzt aushalten. Oder er muss gehen. Wenn er das täte, könnte nicht nur der Weg für Ralf Rangnick frei werden, sondern auch der für die Rückkehr der drei alternden Musketiere Hummels (31), Boateng (32), Müller (31).

Für Joachim Löw ist eine solche Situation nicht neu

Am Mittwoch nach der Landung in München sind Präsident Fritz Keller, Direktor Oliver Bierhoff und Löw allerdings übereingekommen, dass es weder eine Entlassung noch einen Rücktritt gibt. Für eine Beurlaubung hätte der DFB auch gar kein Geld mehr in der Kasse. Ein Weltmeistertrainer ist nicht ganz billig.

Schon einmal hat Löw eine ähnliche Situation überstanden. Im Oktober 2012 war das, als Deutschland in der WM-Qualifikation gegen Schweden schon 4:0 führte und die Sterne vom Himmel gespielt hatte, ehe in der Schlussphase noch vier Tore für die Nordländer fielen, derweil Löw hilflos am Spielfeldrand stand. Diesmal saß er im schwarzen Rollkragenpullover, meist etwas in sich zusammengesunken, kraftlos wirkte das, und diesmal war das Desaster natürlich noch ein bisschen größer, weil diesmal der Gegner nicht bloß eine halbe Stunde lang, sondern volle 90 Minuten ein Spielchen der Lächerlichkeit mit den Deutschen trieb: 812 zu 349 gespielte Pässe, 23:2 Torschüsse, 70:30 Prozent Ballbesitz, 54 zu 46 Prozent gewonnene Zweikämpfe, am Ende ein 6:0 für die hervorragenden Iberer, das auch ein 9:1 hätte sein können.

2012 war Löw angeschlagen, weil er damals im Sommer vor dem Schweden-Spiel das EM-Halbfinale gegen Italien vercoacht hatte. 2020 ist seine Autorität im Team sicher größer als draußen im Land. Das Land hätte Löw in diesem Kalenderjahr nur überzeugen können, wenn es gut zu Ende gegangen wäre. Das Gegenteil ist nun der Fall, dazu die Ödnis des Teil-Lockdowns. Den Vertrauensvorschuss, den er den jungen Burschen gegeben hat, ist mit diesem einen Spiel fast schon aufgebraucht. Oder sogar ganz. Eine Mannschaft hat ihren Trainer im Stich gelassen. Aber sie tat das eher nicht, weil sie Löw loswerden werden wollte. Sondern, weil sie überfordert war und nicht imstande, sich gegen diese Überforderung zu wehren.

Genau darüber muss Löw nun lange nachdenken. Niemand kann verlangen, dass dafür eine unruhige Nacht reicht. Zu wuchtig und überraschend kam dieser Rückschlag, der sich mit jeder weiteren Spielminute zur Peinlichkeit ausweitete.

Trotz der Niederlage gegen Spanien: Bierhoff ist von der Qualität überzeugt

Oliver Bierhoff hat am Abend nach der historischen Niederlage ein wenig trotzig gesagt, die Qualität der jungen Spieler stehe „außer Zweifel“. Eine zumindest in der Betrachtung der Abwehrleute eigenartige Erkenntnis. Die Diskussion um die Rückkehr von Müller, Boateng, Hummels? „Irgendwann sollte man auch mal akzeptieren, wenn es so entschieden ist.“ Eine solche sportpolitische Basta-Haltung erfüllt geraden den Tatbestand der Ignoranz.

Löw kritisierte mangelhafte Kommunikation und Körpersprache und außerdem Auflösungserscheinungen schon nach dem ersten Gegentor: „Wir sind einfach irgendwo herumgelaufen.“ Wenn das geschieht, wenn dazu auch noch Toni Kroos sich fast wehrlos ergibt, werden die Rufe nach Anführern laut. Und eine solche Führungsspielerdebatte ist dann auch nicht bloß Populismus, sondern durchaus auch eine vernunftgetriebene Argumentation.

Es geht jetzt darum, das Leistungsprinzip wieder einzuführen. Es wurde von Löw zum Nachteil der Leitwölfe Müller, Hummels und Boateng außer Kraft gesetzt, um den Jungen Raum zur Entwicklung zu schenken. Das ist durch Leistung nicht ausreichend gedeckt worden. Deshalb muss jetzt Schluss damit sein. Was nicht automatisch heißt, dass alle Drei zurückkehren dürfen.

Joachim Löw hat den „guten Weg“, auf dem er sich wähnte, klugerweise in der Vergangenheitsform beschrieben. Also: „Wir waren auf einem guten Weg.“ Er habe angenommen, man sei „schon weiter“. Man müsse jetzt gucken, was der „richtige Weg“ sei. Die Müller-Boateng-Hummels-Liebhaber mögen da schon innerlich jubiliert haben, was sich aber als verfrüht herausstellen sollte, Löw hat nämlich flugs nachgeschoben, er habe „Vertrauen in diese Spieler“. Damit meinte er die, die da sind, nicht die, die er weggeschickt hat. Und ehrlicherweise wäre es auch schäbig gewesen, hätte er nun, eine halbe Stunde nach dem Abpfiff, verkündet, er habe kein Vertrauen mehr.

Nach der Schlappe: Was wird aus Joachim Löw?

Tatsächlich hatte er ja auch ein paar Argumente auf seiner Seite. Bisher. Schnelle Angreifer zum Beispiel, die einen Müller sportlich vergessen machen können. Charakterlich sicher nicht. Betrachtet man allerdings die Defensivleistung und die Abwehrspieler nicht nur in diesem einen Spiel, dann sind noch nicht einmal Fortschritte in Trippelschritten sichtbar. Jonathan Tah und Antonio Rüdiger zeigten vor allem, warum sie in ihren Klubs ein trübes Dasein auf der Ersatzbank fristen. Robin Koch war gegen Spanien nur ein Kellner, Philipp Max nur ein Mäxchen, beide vorher von Trainer und Publikum wohl ein bisschen zu hoch gelobt.

Und doch bleibt die Antwort auf die Frage, ob eine Rückkehr der verstoßenen Drei die richtige Konsequenz aus der Schmach von Sevilla ist, keine einfache. Genauso wenig, wie gewiss sein kann, ob Löw noch einmal die Kraft und Hingabe und Finesse aufbringt, um diese Mannschaft, die ihn jetzt so sehr enttäuscht hat wie noch keine davor, zurück in die Spur zu bringen. Es gibt mehr Menschen als je zuvor, die ihm das nicht mehr zutrauen.

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