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Nationalspieler ohne Atempause

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Von: Frank Hellmann

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Weiter, weiter, immer weiter: Thomas Müller kennt sich im Hamsterrad aus.
Weiter, weiter, immer weiter: Thomas Müller kennt sich im Hamsterrad aus. © dpa

Die Stars in den europäischen Topvereinen spulen in den nächsten sechs Wochen ein enormes Programm ab, das für deren Nationalteams bei der WM in Katar nicht viel Gutes verheißt

Auf den ersten Blick ist es tabellarisch nicht sonderlich spektakulär, was die Bundesliga nach der Länderspielpause anbietet: Der Fünfte erwartet den Tabellen-15. Gerade daraus aber zieht die Paarung FC Bayern gegen Bayer Leverkusen (Freitag 20.30 Uhr/Dazn) ihren Reiz. Der Erfolgsdruck in München ist nach vier sieglosen Ligaspielen mit Händen zu greifen, weshalb Sportvorstand Hasan Salihamidzic im Mitgliedermagazin „51“ benannt hat, wie der ideale Bayern-Profi aussieht: „Das müssen Jungs sein, die gierig sind und gierig bleiben. Wir brauchen Gewinnertypen, und zwar Gewinnertypen mit Empathie, denn letztlich geht es nur über den Zusammenhalt.“

Zusammenrücken sollen sie also, nachdem nicht mal die Nationalmannschaft mehr als Aufbauhelfer dienen kann. Eine schwache Leistung gegen Ungarn (0:1) und eine fahrige Darbietung gegen England (3:3) der DFB-Elf hatten auch mit der schlechten Form der Münchner Entourage zu tun. Deren Sprachrohr Thomas Müller versprach noch in Wembley, jetzt alles für den Verein zu tun: „Na klar ist jetzt für uns Bayernspieler der Fokus voll auf den nächsten Wochen. Das wird anstrengend genug.“ Kann man wohl sagen.

Wettbewerbsübergreifend 13 Spiele in 43 Tagen stehen für die Nationalspieler der Topklubs an, ehe dann nach sechs Englischen Wochen schwuppdiwupp der Schalter auf die WM in Katar (20. November – 18. Dezember) umgelegt werden muss. Wie sich der Branchenführer mit seinen sieben WM-Kandidaten entwickelt, beeinflusst maßgeblich das Leistungsvermögen der Nationalelf. „Da wir viele Bayernspieler haben, wäre es schon von Vorteil, wenn wir so ein natürliches Selbstverständnis, Kombinationssicherheit, Abläufe hätten, auf die man zurückgreifen kann, die auch beim Verein funktionieren“, erklärte Müller.

Bundestrainer Hansi Flick kann nur beobachten und hoffen, dass der Verschleiß nicht zu groß wird. „Das ist in vielen Ländern so: Mit der Situation müssen wir umgehen und daraus das Beste machen.“ Die Kollegen in England, Spanien oder Frankreich hätten ja dasselbe Problem, dass ihre Topkräfte durch ein Herbstprogramm ohne Atempause gejagt werden. Danach geht’s direkt ins größte Ereignis für einen Fußballer. Für Kopf und Beine ein Ritt auf der Rasierklinge.

Sportmediziner wie Simeon Geronikolakis schlagen Alarm. „Diese hohen Belastungen und die nicht ausreichende Regeneration führen auf jeden Fall zu einem erhöhten Verletzungsrisiko“, warnte der ehemalige Teamarzt des VfB Stuttgart und mehrerer DFB-Junioren-Nationalmannschaften wiederholt. Der von der Fifa als Fußballmediziner ausgezeichnete Orthopäde kann es nicht gutheißen, dass die Verbände alle Wettbewerbe in so kurzer Folge durchpeitschen – im Juni verkürzten schon vier Nations-League-Spieltage die Sommerpause. Die Spieler würden nicht nur verletzungsanfälliger, sondern „auch geistig weniger aufnahmefähig, was auch die Leistungsfähigkeit und den Trainingserfolg mindert.“ Dazu kämen die vielen Reisen, die eine „angemessene körperliche und mentale Erholungsphase“ verhinderten.

Vielleicht ist es in dieser Länderspielperiode bereits kein Zufall gewesen, dass weder Deutschland noch England, Spanien oder Frankreich überzeugen konnten: Zusammen fuhren die vier Weltmeister in acht Spielen nur zwei Siege ein, kassierten aber zusammen vier Niederlagen. Es gibt erste Stimmen, die bei der Wüsten-WM jenen asiatischen oder afrikanischen Teams eine historische Chance zuschreiben, die nicht viele Legionäre in den Topklubs Europas beschäftigt haben. Oder die wie die USA mehr Rücksicht auf die WM nehmen: Die Major League Soccer endet bereits Anfang November mit dem Finale der Playoffs. Die Mehrzahl der US-Nationalspieler hat zwei, drei Wochen Vorbereitung.

Definitiv besser in Form sind bereits die Südamerikaner. Argentinien ist seit 35 Spielen ungeschlagen, die bislang letzte Niederlage liegt mehr als drei Jahre zurück – und auf einmal blüht auch Lionel Messi wieder auf. Aber auch Brasilien scheint in bestechender Verfassung: Seit 15 Spielen hat die Selecao nicht mehr verloren, obwohl die Mehrzahl der Stars in Europa spielt. Der verdichtete Terminplan dort ist das Ergebnis, weil im Sommer in Katar wegen der Hitze nicht gespielt werden konnte. Die Verlegung in den Winter war alternativlos, gleichzeitig baden mal wieder die Spieler die Fehlplanung der Funktionäre aus.

Jürgen Klopp nennt die aktuelle Situation „einen Wahnsinn“ und fürchtet sich vor langfristigen Folgen. Er sei sich bewusst, sagte der Kulttrainer des FC Liverpool zuletzt, „dass ich von der ganzen Geschichte extrem gut lebe. Ich habe genug Urlaub. Die Spieler haben es nicht. Das müssen wir irgendwann ändern.“

Doch gerade England nimmt mal gar keine Rücksicht auf die WM-Fahrer. Während die Bundesliga danach wenigstens Winterpause bis zum 20. Januar macht, erwartet die Premier League nach dem Turnier sofort alle Profis zurück. Denn der traditionelle Boxing Day darf nicht ausfallen. Am 26. Dezember, acht Tage nach dem WM-Finale, geht’s also mit dem 17. Spieltag und danach in gewohnter Taktung auf der Insel weiter. Nicht, dass noch jemand diese Saison zum Luftholen kommt.

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