Erfolgsgarant: FCH-Trainer Frank Schmidt.
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Erfolgsgarant: FCH-Trainer Frank Schmidt.

Heidenheim

Nahbar, mutig, irgendwie anders

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Heidenheims Trainer Frank Schmidt glaubt fest daran, die „Lebenschance“ Relegation nutzen zu können und möchte das Märchen zu einem guten Ende bringen.

Es begann für den Fußballtrainer mit nicht weniger als einem historischen Tag, mit einem 9:1-Triumph. So hoch hatte der Klub zuvor noch nie gewonnen. Der damalige Kontrahent, der VfL Kirchheim unter Teck, war zu bemitleiden an diesem 29. September 2007, völlig überfordert im Duell der beiden Oberligisten, und er scheint sich davon seither auch nicht mehr recht erholt zu haben. Zumindest dümpelt er mittlerweile nur noch in der Bezirksliga umher, Gebiet Neckar/Fils. Vergangene Saison sprang immerhin Rang zwei heraus, ein Aufwärtstrend allemal, für den Aufstieg aber reichte es nicht. Der TSV Deizisau hatte am Ende der abgebrochenen Corona-Saison die Nase knapp vorn. Schade.

Doch zurück zum Fußballtrainer, zurück zu Frank Schmidt. Der mittlerweile 46-Jährige übernahm in jenem Herbst vor dreizehn Jahren bei den Heidenheimern die Leitung der Ersten Mannschaft, eigentlich nur als Übergangslösung, bis ein besser geeigneter Coach gefunden sein würde. Zuvor war er Spieler im Verein. Doch es lief prompt so rund, Stichwort 9:1, dass er bleiben durfte – bis heute. Zwölf Jahre und neun Monate ist er nun schon beim FCH auf seinem Posten, länger ist das derzeit kein Trainer im Profigeschäft. Erst Oberliga, dann Regionalliga, Dritte Liga, zweite Liga. Und bald Bundesliga? Zwei Spiele noch sind die Heidenheimer von diesem Traum entfernt, am Donnerstag (20.30 Uhr) müssen sie in der Relegation bei Werder Bremen ran, am drauffolgenden Montag sind die Norddeutschen in der idyllisch gelegenen 50 000-Einwohner-Stadt am Flüsschen Brenz zu Gast.

Hier ist Frank Schmidt geboren, aufgewachsen und zu einem bundesweit bekannten Gesicht des Fußballmetiers geworden. Nicht nur, weil er mit seiner Mannschaft trotz begrenzter Mitteln ständig Grenzen einreißt, sondern auch deshalb, weil er stets authentisch, nahbar geblieben ist. Wer Frank Schmidt zuhört, der glaubt ihm.

Natürlich kann er auch ordentlich aus seiner Haut fahren. Wenn der Ball rollt, ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis Schiedsrichter, Gegner oder auch die eigenen Spieler von Ausbrüchen des Verbalvulkans getroffen werden, stets begleitet von einem hochroten Kopf. Überhaupt: der Kopf, so etwas wie ein Schmidt’sches Markenzeichen, weil er wegen einer Verknöcherung an der Halswirbelsäule immer ein Stückchen zur Seite geneigt ist.

Niederlagen mag Frank Schmidt nicht; wohl noch ein Stückchen weniger als viele seiner Berufskollegen. Leidenschaft, Wille, Einsatz sind Attribute, die der Adrenalincoach von seinen Spielern, aber auch von sich selbst einfordert. Ohne das geht es nicht, vor allem für einen Außenseiterverein, einen ständig unterschätzten wie den 1. FC Heidenheim nicht. „Vielleicht war es nicht verkehrt, vor dem Neuland Relegation zur Bundesliga, richtig einen auf den Sack zu bekommen“, hatte Schmidt am vergangenen Sonntag nach der 0:3-Niederlage in Bielefeld gesagt, die bekanntlich dank des Hamburger Versagens trotzdem zur Teilnahme an der Relegation reichte.

Hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen. So versteht Schmidt den Fußball, und sein Leben. „Die Welt gehört den Mutigen“, sagte er einmal. Die Relegation sei eine „Lebenschance“, sagt er jetzt. „Manche Dinge passieren im Leben häufig, manche bekommt man nie oder ganz selten. Wir haben jetzt die Situation, etwas ganz Außergewöhnliches machen zu dürfen.“

Früher als Kind war Schmidt ein typischer Straßenfußballer. Kicken bis die Knie bluten, das war sein Ding. Dazwischen schwang er ab und zu mal den Tennisschläger. Sportlich begabt war er, das steht fest. Später schnürte er immerhin 76-mal in Liga zwei die Fußballschuhe. Der Mittelfeldspieler stand zeit seiner aktiven Profikarriere unter anderem in Nürnberg, Fürth, Aachen und Mannheim unter Vertrag.

Sein fußballerisches Vorbild war Lothar Matthäus, der ihm einmal gar auf dem Rasen über den Weg rannte: August 1994, Frankenstadion in Nürnberg, 24 000 Besucher und der Oberligist TSV Vestenbergsgreuth setzt sich in der ersten DFB-Pokalrunde mit 1:0 gegen den FC Bayern durch. Der große Lothar Matthäus als Verlierer, der kleine Frank Schmidt als Gewinner, unvorstellbar eigentlich, aber doch bezeichnend für den mutigen Chancennutzer.

Die Laufbahn des Familienvaters, der mit seiner Frau Nadine und mehreren Chihuahuas in einem Reihenhaus im Dörfchen Bachhagel wohnt (15 Minuten vom Heidenheimer Stadion entfernt), mutete im Grunde wie ein Märchen an, wie eine Aneinanderreihung von wundersamen Begebenheiten, die eigentlich niemals wahr sein können. Sind sie aber. Zehn Jahre lang ging es für Schmidt in Heidenheim quasi nur bergauf. Vor drei Jahren erst gab es die erste ernsthafte Krise, der Auftakt in die damalige Zweitligarunde wurde ordentlich versemmelt, manch einer im Heidenheimer Umfeld wünschte sich gar frischen Wind auf dem Trainerposten herbei.

Frank Schmidt durfte bleiben, eine Ablösung stand für den Präsidenten Holger Sanwald nie zur Debatte. Seine Devise: Volles Vertrauen in Schmidt, ohne ihn werde es nie und nimmer besser. Die Folge? Es wurde mit ihm besser. Von den folgenden zehn Spielen verlor Heidenheim nur eines. Seitdem geht es stetig nach oben.

In der gerade beendeten, regulären Saison, der erfolgreichsten der Vereinsgeschichte, die auf die erfolgreichste der Vereinsgeschichte gefolgt war, schafften es die Heidenheimer nicht nur, hinten stabil zu verteidigen, sondern auch vermehrt ansehnlich nach vorne zu agieren. Freilich sind sie gegen Bremen klarer Außenseiter, davor verschließt niemand die Augen, schon gar nicht Frank Schmidt.

Vielleicht aber schafft er mit seiner Truppe das, was dem einstigen Konkurrenten aus Anfangstagen, dem VfL Kirchheim unter Teck, jüngst verwehrt geblieben ist: der Aufstieg. Es wäre der nächste historische Tag für den 1. FC Heidenheim und seinen Trainer.

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