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Nadine Keßler: „Wir haben die Messlatte hoch gelegt“

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Von: Frank Hellmann

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Nadine Keßler, Abteilungsleiterin Frauenfußball bei der Uefa.
Nadine Keßler, Abteilungsleiterin Frauenfußball bei der Uefa. © Imago

Uefa-Abteilungsleiterin Nadine Keßler über Ausrufezeichen bei dieser Frauen-EM in England, der Kritik an zu kleinen Stadien und der Debatte um eine Angleichung der Prämien

Die Frauen-EM 2022 startet am Mittwoch mit einem Ausrufezeichen, wenn das Old Trafford in Manchester zum Eröffnungsspiel zwischen England und Österreich ausverkauft ist. Was erhoffen Sie sich davon?

Ein ausverkauftes Old Trafford ist der Startschuss, um ein Signal zu geben und eine Begeisterung zu schüren. Es ist die größte Bühne, die wir bisher bei einem solchen Turnier hatten. Der historische Ort soll zeigen, wohin die Reise geht. Es ist schon jetzt verrückt, wie groß das Interesse geworden ist.

Wie ist der Stand beim Kartenverkauf?

Ich verfolge das genau, weil ich gefühlt alle fünf Minuten ins Ticketsystem klicke (lacht). Wir sind bereits jetzt bei 500 000 verkauften Karten, was gigantisch ist, wobei ein Fünftel der Kartenverkäufe aus Ländern außerhalb von England stammen. 2017 in den Niederlanden waren es 240 000 Tickets – nach dem Turnier. Dass die Leute sich jetzt schon beim Vorverkauf so bedienen, war im Frauenfußball ja nicht üblich.

Es wurde sogar schon beanstandet, dass zu kleine Spielstätten ausgewählt worden sind, weil die City Academy in Manchester nur 4700 Zuschauer fasst, die Stadien in Wigan & Leigh oder Rotherham auch nur 8000 bzw. 12 000 Plätze bieten. Hat man sogar zu vorsichtig gedacht?

Dass diese Kritik aufkommt, zeigt die Entwicklung. Nur ist es bei einem Bewerbungsverfahren nicht so, dass die Uefa die Stadien auswählt. Dieses Gesamtkonzept hat der englische Verband zusammen mit den Städten und Klubs entwickelt. Wir haben zwei Stadien mit einer Kapazität unter 10 000, zwei liegen zwischen 10 000 und 20 000, vier um die 30 000 und zwei mit einer Kapazität oberhalb von 70 000. Das Gesamtpaket passt. Es stehen rund 700 000 statt 430 000 Tickets bei der EM 2017 zur Verfügung. Dort lag der Zuschauerschnitt ohne Beteiligung der Niederlande bei knapp 5000. Es ist also kein einfaches Unterfangen, die größtmögliche Ambition umzusetzen, ohne die Realität zu verlieren. Deshalb war die Stadienwahl keine Fehlentscheidung.

Hat sich der Frauenfußball international vielleicht selbst überholt? Oder haben Sie damit gerechnet, dass der FC Barcelona im neuen Format der Women’s Champions League zwei Mal im vollen Camp Nou spielt?

Ich würde am liebsten sagen, wir haben genau alles so geplant (lacht). Aber natürlich haben wir uns so etwas erhofft, weshalb wir flexible Regularien geschaffen haben. So können anders als bei den Männern die Stadien im Frauen-Wettbewerb spontan gewechselt werden. Die Zuschauerzahlen sind durch die Decke gegangen, ab dem Viertelfinale wurde in allen Ländern in den großen Stadien gespielt, so dass nicht nur in Spanien Rekorde aufgestellt wurden. Großes Kompliment an die Klubs, die diese Extrameile gemacht haben.

Die EM schreibt nun diesen Trend mit den Nationalteams fort?

Wir haben uns die Messlatte sehr hoch gelegt. Wir wollen zeigen, wie weit der Frauenfußball gekommen ist, was sich medial und kommerziell getan hat. Die Akzeptanz und Wahrnehmung ist viel besser als zu meiner aktiven Zeit, als mir ein bisschen gefehlt hat, dass auch über das Spiel berichtet wurde.

Bei der WM 2011 in Deutschland war das Eröffnungsspiel in Berlin ausverkauft und das Turnier gut besucht, aber der nachhaltige Effekt ist ausgeblieben. Besteht diese Befürchtung für England auch?

Zur Person

Nadine Keßler , 34, ist Abteilungsleiterin Frauenfußball für die Uefa. Die gebürtige Pfälzerin gewann 2013 mit Deutschland die Europameisterschaft, 2010, 2013 und 2014 als Spielerin drei Mal die Champions League und wurde 2014 Europas Fußballerin des Jahres und Weltfußballerin. Nach einer schweren Knieverletzung musste die kampfstarke Mittelfeldspielerin ihre aktive Karriere bereits 2016 beenden. FR

Es ist nicht einfach, diesbezüglich einen nachhaltigen Fußabdruck zu hinterlassen. Zum ersten Male werden der Verband und die Regierung, die lokalen Behörden und die Uefa gemeinsam nach dem Turnier daran arbeiten, um 500 000 mehr Möglichkeiten für Frauen und Mädchen im Fußball zu kreieren – ob als Spielerin, Trainerin oder Schiedsrichterin. Es wurde Personal eingestellt, damit in England mehr als nur ein Turnier bleibt.

Für diese EM hat die Uefa das Preisgeld auf 16 Millionen Euro verdoppelt, jeder Teilnehmer erhält 600 000 Euro Startgeld. Bei der EM der Männer waren es aber 331 Millionen Euro an Preisgeld und allein 9,25 Millionen Euro Startgeld. Sind diese krassen Unterschiede noch zeitgemäß, wenn viele Verbände die Prämienzahlungen inzwischen angleichen?

Im Moment verdient die Uefa kein Geld mit dem Turnier und generell auch nicht mit dem Frauenfußball. Das ist Teil meiner Antwort. Es ist natürlich gut, dass solche Entwicklungen stattgefunden haben, wobei man sich die Equal-Play-Agreements im Detail genau anschauen muss. Die Uefa hat vor einiger Zeit die Rechte für die Frauen-Turniere von den Männern getrennt. Diese Einnahmen werden komplett weitergegeben, das kann ich versprechen. Derzeit sind wir in einer Investitionsphase, denn auch die Ausrichtung, die Teamunterbringung, die Werbung kostet nun rund fünf Mal mehr als die EM 2017 in den Niederlanden. Auf allen Ebenen wurden die Service Levels angehoben, dazu gehört auch der Einsatz des VAR.

Also wären im nächsten Schritt Medien und Sponsoren gefordert, mehr für ein Frauen-Turnier zu bezahlen?

So sieht es aus. Wir brauchen Fernsehsender und Sponsoren, die spezifisch in den Frauenfußball investieren.

Sie haben selbst bis zu ihrem Karriereende auf allerhöchstem Level gespielt. Wo beobachtet eine ehemalige Weltfußballerin die größte Veränderung, wenn Sie das Spiel betrachten?

Ich habe wirklich sehr viele Champions-League-Spiele überall in Europa gesehen; ich werde in England viel herumfahren, um möglichst viele Begegnungen zu erleben: Das Niveau ist enorm gestiegen. Sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Klubebene. Ich hätte keine Chance mehr, da mitzuhalten – das ist physisch, technisch und taktisch komplett eine andere Nummer geworden. Vielleicht schätze ich mich zu schlecht ein, aber so sehe ich das (lacht).

Haben Sie für diese EM einen Favoriten?

Nein, darüber bin ich sogar froh. Viele Mannschaften haben schon Titelambitionen angemeldet, das finde ich super. Das Niveau dieser EM wird auch sportlich nicht vergleichbar sein mit früheren Turnieren.

Für die nächste Frauen-EM 2025 haben sich Frankreich, Polen, die Schweiz, die Ukraine sowie ein Bündnis aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland beworben. Hätte es nicht Charme, der Ukraine dieses Turnier in drei Jahren anzuvertrauen, um ein Zeichen zu setzen?

Das ist vielleicht ein netter Gedanke, aber so werden Bewerbungsprozesse nicht entschieden – und es ist fraglich, ob die Ukraine die Bewerbung aufrecht erhalten kann. Es ist toll, dass aus so unterschiedlichen Regionen Interesse angemeldet worden ist. Voraussichtlich wollen wir im Januar 2023 eine Entscheidung treffen. Ich kann auch verraten, dass es keine Pläne gibt, das Teilnehmerfeld zu erweitern, wir wollen aber daran arbeiten, dass nicht nur die Spitze, sondern auch die Breite besser wird. Daher werden wir demnächst die Qualifikationsformate überarbeiten.

Interview Frank Hellmann

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