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Stets bestens gelaunt: die dänische Stürmerin Nadia Nadim.

Fußball-EM 2017

Nadia Nadim bereichert Dänemark

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  • Paul Schönwetter
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Die Vita der einst aus Afghanistan geflohenen Nadia Nadim ist die bewegendste im dänischen Team.

Am Trainingsplatz an der Sportlaan von Heelsum hängen Banner mit dänischen Slogans, auf denen sinngemäß steht, „Teil von etwas Größerem“ zu sein. Aber Teil einer lustigen Truppe zu sein, hätte am Donnerstagmorgen auf der Sportanlage in dem verträumten niederländischen Örtchen unweit der Stadt Arnheim fast besser gepasst. Nadia Nadim scherzte vor dem Warmlaufen nicht nur mit ihren Teamkolleginnen, sondern nahm auch den kräftig gebauten Assistenztrainer Sören Rand-Boldt auf die Schippe. „Oh, da ist ja unser Diego Maradona“, rief die 29-Jährige, als ein auf sie gerichteter Schuss weit das eigentliche Ziel verfehlte. 

Keine Frage: Die Stimmung bei der dänischen Frauen-Nationalmannschaft ist vor dem prestigeträchtigen EM-Viertelfinale gegen Deutschland in Rotterdam (Samstag, 20.45 Uhr, ZDF und Eurosport) prächtig. Und so hielt die bislang in allen drei Gruppenspielen zum Einsatz gekommene Partnerin von Topstürmerin Pernille Harder mit der Vorfreude beim lockeren Pressetalk am Platzrand nicht hinter dem Berg. „Die Atmosphäre ist fantastisch. Wir hatten zwei, drei Tage zum Relaxen. Deutschland ist sechsmal hintereinander Europameister. Wir hoffen, Deutschland als Erste zu schlagen“, sagte Nadim. 

Warum soll das nicht gelingen? Die Skandinavier kennen sich mit dem Favoritensturz in dieser Runde ja aus: Vor vier Jahren kegelten die zuvor erst per Losentscheid unter die letzten acht vorgerückten Däninnen nach Elfmeterschießen den Topfavoriten Frankreich aus dem Turnier. Zu denjenigen, die damals – und dann auch im verlorenen Halbfinale gegen Norwegen – aus elf Metern verwandelte, zählte auch Nadim, die erst im Frühjahr 2009 für Dänemark debütiert hatte. Einfacher Grund: Eigentlich stammt Dänemarks Nummer neun aus Afghanistan. 

Vater von Taliban verschleppt

Dort wuchs die Frohnatur unter einfachsten Bedingungen auf. Vater Rabani brachte eines Tages einen Fußball mit nach Hause. Ein Relikt aus den 70er Jahren mit schwarzen Fünfecken. „Meine Schwestern und ich wussten gar nichts über Fußball, deshalb haben wir damit Volleyball und andere Sachen gespielt“, erzählte sie einmal bei Fifa.com. Der Vater sei aber völlig verrückt nach Fußball gewesen, „er hat versucht, diese Liebe an seine fünf Töchter weiterzugeben“.

Im Jahr 2000 verschwand er plötzlich. Verschleppt von den Taliban. Als Zwölfjährige wusste sie damals schon, dass er vermutlich nicht zurückkehren würde. Ihre Mutter Hamida lebte in großer Angst um den Rest der Familie, und dann entwickelte die Familie einen Fluchtplan. In einer dunklen Nacht weckte die Mutter ihre Kinder, und sie alle wurden zu Flüchtlingen. Sie durchquerten Afghanistan und Pakistan, gelangten mit gefälschten Pässen bis nach Italien und hofften, es irgendwie weiter nach England zu schaffen. 

Schließlich landeten sie in Dänemark in einer Flüchtlingsunterkunft. Besser dort zu sein, als daheim keine Hoffnung zu haben. „Ich war dort eigentlich ziemlich glücklich, aber natürlich habe ich meinen Vater vermisst.“ Die Nadim-Mädchen begannen, Fußball zu spielen, wenn sie nach der Schule freihatten. Immer und überall. Am Anfang war es chaotisch, aber es dauerte nicht lange, bis Nadia Nadim auf einem Betonplatz von einem Trainer entdeckt wurde. Der Fußball sollte zu ihrem Fluchtpunkt werden, und doch war es nicht leicht, die kulturellen Fesseln zu sprengen: „Selbst in Dänemark, wo Frauen alles tun können, hatte ich noch das Gefühl, dass ich etwas Verbotenes tue.“

Heute sagt die 73-fache Nationalspielerin: „Es ist eine Ehre für mich, Teil des dänischen Nationalteams zu sein.“ Die Staatsbürgerschaft des skandinavischen Landes, das heutzutage der Aufnahme von Flüchtlingen deutlich skeptischer gegenübersteht als früher, bekam sie 2009 und debütierte bald darauf beim Algarve Cup gegen die USA. Übrigens das Land, in dem sie im Verein spielt. Bei den Portland Thorns, dem Klub, bei dem Nadine Angerer als Torwarttrainerin arbeitet. 

Fußball ist aber nicht das, was Nadim allein erfüllt. Erst wollte sie zusätzlich Jura studieren, weil sie ein Film mit Tom Cruise inspiriert hatte. Dann träumte sie von der Wall Street, doch die Realität der Finanzwelt war auch nichts für sie. Derzeit studiert sie in den Wintermonaten – wenn der Spielbetrieb in der nordamerikanischen Profiliga ruht – in Dänemark Medizin. Das vielsprachige Multitalent hat vor, Ärztin zu werden. „Einmal viel Geld zu verdienen und anderen Menschen zu helfen, ist eine Win-win-Situation“, hat sie kürzlich verraten. Ausgesprochen gut gelaunt übrigens.

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