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Leverkusens Fans zeigen ein Plakat mit der Aufschrift „Spieltagszerstückelung, Kollektivstrafen, Lügen – Ihr seid die Feinde des Fußballs!“

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Der nackte Kaiser

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Die Fanproteste verstummen nicht. Ein einziges Wort hat gereicht, um den deutschen Fußball zu demaskieren. Streng genommen müsste man den Ultras dankbar sein, Ein Kommentar.

Die Proteste der aktiven Fanszene in den deutschen Fußball-Stadien gehen weiter. Die Wut der kritischen Anhängerschaft richtete sich auch an diesem Wochenende gegen den DFB und seine Führungsspitze, auch Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp wird erneut verbal angegriffen. Die meisten Schiedsrichter reagieren diesmal aber deutlich gelassener und entspannter, auch weil die Tonlage eine andere, eine leicht gemäßigte, moderatere, zuweilen auch humorvollere geworden ist. Zur Normalität ist man noch nicht zurückgekehrt, wird es wohl so schnell auch nicht können.

Dazu hat diese Woche des Protests zu viel bewirkt: Sie hat Augen geöffnet, hat entlarvt.

Und im Grunde hat ein einziges Wort gereicht, nämlich die Schmähung „Hurensohn“, um aufzuzeigen, was seit Jahren schiefläuft im Fußball, was der zahlenden Anhängerschaft, nicht nur den Ultras, zunehmend gewaltig gegen den Strich geht. Dieses eine Wort und die völlig überzogenen Reaktion darauf, hat zu einer Demaskierung geführt, wie sie klarer, deutlicher, auch brutaler nicht hätte sein könnte.

Das „hässliche Gesicht“, von dem Karl-Heinz Rummenigge in großer Einfalt sprach, hatten nicht die Fans mit ihren teilweise in der Tat geschmacklosen Beschimpfungen gezeigt, sondern die Protagonisten dieses Spiels: Überforderte Funktionäre, wie DFB-Boss Fritz Keller, aufgeregte Verbände, die komplette Liga, die nur dann zusammenhält, wenn es gegen eine der Ihren geht - und die die Augen verschließen vor den Auswüchsen des modernen, vom reinen Kapitalstreben dominierten Fußballs. Der im Zweifel allemal immer rollen muss, allem Rassismus, Sexismus und aller Homophobie zum Trotz.

Streng genommen müsste man den Ultras dankbar sein, die mit einer einzigen simplen Aktion die ganze Scheinheiligkeit, Verlogenheit und Unmoral des heutigen Fußballs entlarvt haben, ohnehin ein einziges großes Geschäft, an dem eine Minderheit sehr, sehr viel verdient. Und so was lässt man sich von einer (wenig) zahlenden Kundschaft auf Stehplätzen nur ungern kaputt machen. Deswegen wird die ganz große Kanone herausgeholt.

Trainingslager und Weltmeisterschaften in Katar, Steuerbetrug in Millionenhöhe, Uhren-Affäre, ein gekauftes Sommermärchen, ein institutionelles Wegschauen, wenn farbige Spieler attackiert werden, eine weitreichende Ökonomisierung eines Volkssports - der Fußball befindet sich momentan in einem rasanten moralischen Sinkflug, Funktionäre eiern herum, drohen hilflos, und merken nicht, wie meilenweit sie sich von der Basis sich entfernt haben.

In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ sagt ein kleines Kind zum Schluss, „er hat ja gar nichts an“ und zeigt auf den nackten Kaiser. Auch der Fußball steht momentan ohne Trikot da.

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