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Die Nacht von Sevilla

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Gleich kracht es. Toni Schumacher springt voll in den heranstürmenden Patrick Battiston. Manfred Kaltz (re.) sieht das Unheil kommen.
Gleich kracht es. Toni Schumacher springt voll in den heranstürmenden Patrick Battiston. Manfred Kaltz (re.) sieht das Unheil kommen. © Imago

Im Turnier 1982 hat sich die DFB-Auswahl wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Eine Niederlage gegen Algerien zum Auftakt, die „Schande von Gijon“ mit dem Nichtangriffspakt beim 1:0-Sieg gegen Österreich, dann Toni Schumachers brutale Attacke auf Patrick Battiston - allerdings im besten Halbfinale der WM.

Von Stephan Klemm

Auf dem Rasen des Stadions Ramon Sanchez Pizjuan in Sevilla sind zwei Fußballmannschaften bereit zum Spiel. Rechts von der Haupttribüne ist das Team aus Frankreich zu sehen, links die deutsche Elf, die das Match eröffnen wird. Es ist 21 Uhr am 8. Juli 1982, Klaus Fischer stupst den Ball zu Pierre Littbarski, das zweite Halbfinale der Weltmeisterschaft in Spanien läuft. Es endet 120 Spielminuten und ein Elfmeterschießen später um 23.41 Uhr. Doch diese Begegnung wird im Gedächtnis haften bleiben: In Deutschland als vorzüglicher Triumph – trotz allem. In Frankreich als traumatische Niederlage wegen allem, was so passierte in jener warmen Nacht von Sevilla.

32 Jahre später, im Frühjahr 2014, treffen sich Torhüter Harald Schumacher und Stürmer Klaus Fischer am FC-Stadion in Köln. Herzliche Umarmung. Zwei Hände klatschen sich ab. Grinsen. Augenzwinkern. Gegenseitige Freude. Die beiden – damals Spieler des 1 FC Köln – wollen über die Nacht von Sevilla sprechen, setzen sich rasch und kommen gleich zur Sache. „Es war ein Jahrhundertmatch“, sagt Schumacher, 60, dunkelblauer Anzug, nun FC-Vizepräsident, „das spannendste und emotionalste Spiel meiner Karriere, weil in 120 Minuten so unglaublich viel vorgefallen ist“. Fischer, 64, graue Haare mittlerweile, Mitglied des Ehrenrates von Schalke 04, sagt: „Das war das beste Spiel, das ich je gesehen und erlebt habe.“

Das Halbfinale von Sevilla ist ein dramatisches und faszinierendes Match. Den Schlusspunkt der Verlängerung, das 3:3, setzt Fischer mit einem herrlichen Fallrückzieher. Zu sehen ist aber auch ein furchtbarer Zwischenfall. Es gibt in Schumacher einen Täter und in dem Franzosen Patrick Battiston ein Opfer. Im Elfmeterschießen hält Schumacher zwei Schüsse und wird, zumindest im Moment des deutschen Triumphes, zum Helden in der Heimat. Und in Frankreich dadurch erst recht zum Hassobjekt.

Frankreich besaß für Schumacher „zu diesem Zeitpunkt die beste Mannschaft der Welt. Die hatten Granatenspieler: Michel Platini, Jean Tigana.“ Fischer: „Bernard Genghini, Alain Giresse.“ Schumacher: „Oh mein Gott: Giresse!“ Fischer: „Das Herzstück einer Elf ist doch das Mittelfeld. Und die spielten alle im Mittelfeld: Platini, Tigana, Giresse, Genghini.“ Schumacher: „Weltklasse!“

Der Kader des aktuellen Europameisters Deutschland wiederum: „Nur die beste Gesellschaft“, findet Platini, damals Frankreichs Kapitän, heute Präsident der Uefa. 18. Minute: Der Kölner Littbarski schießt aus 16 Metern, 1:0. Neun Minuten später fällt das 1:1, Platini verwandelt einen Elfmeter, zuvor hat Bernd Förster den Franzosen Rocheteau im Strafraum gehalten. Die DVD dieser Szene läuft, auf dem Bildschirm ist Schumacher nun in Großaufnahme zu sehen, und spürt, dass ihn damals etwas nervte. Er sagt: „Guck mal, da hatte ich schon so einen Hals.“

Nach 51 Minuten ersetzt Battiston, 25, Verteidiger aus Saint-Étienne, Genghini. In der 57. Minute nimmt Bossis an der Mittellinie Dremmler den Ball ab und überlässt ihn Platini. Der schlägt einen wundervollen Pass in den freien Raum, noch 30 Meter bis zum Tor. Von links sprintet Battiston dem Ball entgegen, von rechts Schumacher. Battiston sagt sich: „Der Ball ist für mich. Aber ich sehe einen Schatten.“ Schumacher. Der erzählt: „Ich denke: Ich kriege den Ball. Ich gehe von einem Lupfer aus. Ich drücke mich also ab. Dann rollt der Ball flach an mir vorbei. Als ich mich abgedrückt habe, habe ich geahnt: Jetzt knallt’s. Ich habe mich in der Luft weggedreht und Patrick mit der Hüfte am Kopf getroffen.“ Battiston: „Und Bumm.“ Ein entsetzlicher, brutaler Kopftreffer. Battiston schlägt auf dem Rasen auf, liegt regungslos im Strafraum. Der Ball kullert ins Aus.

Entsetzen in Frankreichs Team. Battiston wird Minuten später mit der Trage vom Platz transportiert. Seine Verletzungen laut französischer Sportzeitung „Équipe“: Schädeltrauma mit Bewusstseinsverlust, Haarriss eines Halswirbels, vier zerbrochene Zähne. Schumacher bleibt der Szene fern. Jongliert am Fünfmeterraum mit dem Ball. Provoziert.

Gerade sieht er die Bilder auf der DVD, er sagt: „Um den Patrick standen viele Franzosen, ich dachte: Wenn du da hingehst und einer macht dich an, dann eskaliert die Sache. Da habe ich mir gesagt: Bleib‘ lieber hinten in deinem Tor.“ In seinem Buch „Anpfiff“ schreibt Schumacher: „Das war Feigheit.“ Und der erste Fehler.

Für Schumacher handelt es sich um „einen tragischen Zusammenprall, der nicht zu vermeiden war. Aber das war kein Foul.“ Frankreichs Trainer Michel Hidalgo sieht das anders: „Es war ein Foul. Und Elfmeter.“ Das Spiel geht weiter. Ohne Battiston. Ohne Sanktionen. Schiedsrichter Corver aus Holland sagt: „Ich habe nicht die gewaltige Kollision gesehen.“

Nach 90 Minuten steht es 1:1. Verlängerung. Marius Trésor (93.) und Giresse (100.) treffen – 3:1 für Frankreich. Aber jeder spürt: Die Franzosen sind platt. Der angeschlagene und eingewechselte deutsche Kapitän Karl-Heinz Rummenigge verkürzt auf 2:3 (103.). Fünf Minuten später flankt Littbarski von links hoch in den Strafraum, am hinteren Eck des Fünfmeterraums steigt Horst Hrubesch in die Luft, köpft den Ball sanft in die Mitte. Dort steht Fischer mit dem Rücken zum Tor frei und legt sich in die Luft. Fallrückzieher, seine Spezialität. Er trifft den Ball perfekt, Tor. 3:3. Den Treffer betrachtet Fischer jetzt stoisch, aber interessiert auf dem Bildschirm. Dann nickt er und sagt: „Dass ich den Fallrückzieher machte, war einfach in mir drin. Dass das ein Tor wurde, war Glück.“

Es folgt ein Elfmeterschießen, WM-Premiere. Giresse, Manfred Kaltz, Manuel Amoros, Breitner und Rocheteau treffen. Uli Stielike nicht. Nach seinem Fehlschuss bricht er zusammen. Schumacher hebt ihn auf, sagt: „Mach‘ dich vom Hof, den nächsten halte ich für dich.“ Schumacher hält Wort und den Versuch von Didier Six. Littbarski, Platini und Rummenigge treffen, ehe Bossis vergibt. Schumacher pariert erneut.

Als er die alten Bilder sieht, reißt er die Augen groß auf und sagt laut: „Was da in dir vorgeht, ist ... Wahnsinn! Adrenalin pur.“

Hrubesch verwandelt nun, ohne sich den auf dem Punkt liegenen Ball noch einmal zurecht zu legen. Gewonnen! 8:7. Finale. Jubel im deutschen Team. Trauer und Weltschmerz bei den Franzosen.

Battiston verbringt die Nacht im Krankenhaus. Als er mit dem Krankenwagen aus dem Stadion gefahren wird, ist er bei Bewusstsein. Bis zum nächsten Morgen stabilisiert sich sein Zustand.

Drei Abende später, im Finale von Madrid, hat die deutsche Mannschaft keinen guten Tag. Sie verliert mit 1:3 gegen Italien. Doch das Halbfinale hat ein Nachspiel. Die Hauptrolle spielt: Schumacher. Es folgt Fehler Nummer zwei in der Causa Battiston. Ein Journalist sei direkt nach dem Abpfiff auf dem Platz zu ihm gekommen, „der hat mir gesagt: Battiston hat zwei Zähne verloren. Ich war so erleichtert, dass ihm nicht mehr passiert war. Und sagte: Ich zahle ihm die Jacketkronen. Das war unüberlegt, es war keine Häme dabei. Direkt nach diesem Herzinfarktspiel war ich nicht in der Lage, angemessen und überlegt zu antworten. Leider gab’s damals auch keinen in der DFB-Delegation, der mich im Umgang mit dem Fall Battiston beraten oder unterstützt hätte.“ Der dritte Fehler: Schumacher besucht Battiston nicht im Krankenhaus.

Eine französische Reaktion auf den Battiston-Zwischenfall bleibt nicht aus. Die „Équipe“ formuliert: „Toni Schumacher, Beruf Unmensch.“ „France Soir“: „Schumacher, der Scharfrichter Frankreichs.“ Vom „Figaro“ wird Schumacher 30 Jahre später darüber aufgeklärt, dass er in Frankreich für immer als „der Schlächter von Sevilla“ gelte. Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling schreibt: „Die Bösewichte der Weltgeschichte waren nach diesem Spiel auch zu den Bösewichten des Weltfußballs geworden.“

Deutschland hatte schon einen problematischen Start ins Turnier. Das Team hat zum Auftakt 1:2 gegen Algerien verloren und im letzten Gruppenspiel ein 1:0 gegen Österreich in Gijon erreicht. Das genügte beiden Teams auf Kosten der punktgleichen Nordafrikaner, die ihr letztes Match bereits erfolgreich beendet hatten, zum Weiterkommen. Damals wurden die letzten Gruppenpartien noch nicht gleichzeitig angepfiffen. Deutschland und Österreich wussten also, wie sie spielen mussten, um gemeinsam die nächste Runde zu erreichen. Hrubesch traf in der 10. Minute, danach passierte eher nichts mehr. In „Anpfiff“ gesteht Schumacher: „Bei diesem ominösen Spiel ist wirklich nur aufs Ergebnis hingespielt worden.“ Es habe „eine Art stillschweigendes Abkommen“ gegeben. Mit dem Abstand von 32 Jahren sagen Schumacher und Fischer: „Aber es gab keine Absprache.“ Schumacher ergänzt: „Jede andere Mannschaft hätte sich in dieser Situation genauso verhalten. Sowohl die Österreicher als auch wir wären doch die Deppen gewesen, wenn einer noch ein Tor kassiert hätte und ausgeschieden wäre.“ Anschließend hagelt es bereits Kritik, weltweit.

Und nun auch noch Schumacher: Unmensch, Scharfrichter, Schlächter. Damals bekam er Morddrohungen, es gab die Ankündigung, seine Kinder zu entführen. Er erhielt Personenschutz. Bundeskanzler Schmidt und Frankreichs Präsident Mitterrand veröffentlichten gemeinsam ein Kommuniqué, zur allgemeinen Beschwichtigung.

Schumacher spürt, dass er Versäumtes nachholen muss. Eine Woche nach Sevilla trifft er sich mit Battiston in Metz: „Ich habe ihm gesagt, es tut mir leid, was nachher passiert ist, dafür entschuldige ich mich. Er hat die Entschuldigung angenommen. Aber ich habe auch gesagt: Wenn der Ball noch mal so gespielt würde, wäre ich wieder unterwegs.“

Am 18. April 1984 gibt es in Straßburg die Revanche für Sevilla. Battiston ist dabei, Schumacher auch: „Beim Aufwärmen war der Teufel los. Hinter mir hing eine Schumacher-Figur am Galgen. Wir haben 0:1 verloren, aber ich habe eine Riesenpartie gespielt. Die Leute sind aufgestanden und haben applaudiert. Mittlerweile gibt es keine Ressentiments mehr gegen mich in Frankreich.“

Battiston ist jetzt Direktor des Ausbildungszentrums und Trainer der B-Elf von Girondins Bordeaux. Schumacher sei er „nicht böse“, erzählte er vor zwei Jahren der „Équipe“. Sevilla aber habe sein Leben verändert und bei den Menschen etwas ausgelöst, und er frage sich: „Wenn Frankreich gewonnen hätte, würde man dann noch von mir sprechen?“ Seine Antwort: „Jedenfalls nicht in derselben Weise.“ Der Zusammenprall belastet ihn immer noch: „Die Vorderzähne musste ich sechs Mal wegen meines Zahnfleisches wechseln. Der Rücken, der Nacken, das Sehen – ich habe Spätfolgen im Alltag, die mich an Sevilla erinnern.“ Schumacher ist das alles neu. Er reagiert betroffen: „Das höre ich zum ersten Mal. Das ist schlimm. Das tut mir sehr leid.“

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