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Zurück im Leben, aber längst nicht in seinem alten Leben: Lothar Böhm.

Lothar Böhm

Die Nacht, in der alles anders wurde

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Wie der ehemalige Drittligaspieler Lothar Böhm nach einem schweren Schlaganfall sein Schicksal meistert.

Am Abend zuvor hatten sie noch in gemütlicher Runde beieinander gesessen, die Spieler der Nationalmannschaft der Winzer, die „Weinelf“ heißt. Lothar Böhm war ihr Spielertrainer, eine natürliche Autorität, die den Fußball mehr liebte als den Wein. Im Fernsehen lief eine Zusammenfassung des Spiel der Weinelf vom Vorabend beim Sieg gegen die Politiker des hessischen Landtags, die sogenannte „Landtagself“. Die Stimmung hätte kaum besser sein können. Am nächsten Morgen sollte es mit der Weinelf in die Toskana gehen. Koffer und Sporttaschen waren gepackt.

In der Nacht, kurz nach halb fünf Uhr morgens war es, wachte Angelika Böhm auf. Irgendetwas stimmte nicht, das spürte die sensible Frau. Neben ihr lag ihr Mann flach auf dem Rücken, die rechte Hand hing leblos herunter, er starrte an die Decke und reagierte nicht. „Es war furchtbar, ich dachte, er stirbt“, erinnert sich die inzwischen 62-Jährige. Lothar Böhm, damals 54, hatte einen schweren Schlaganfall erlitten. In der Frankfurter Uniklinik sägten sie seinen Schädel auf, um den Druck entweichen zu lassen, acht Wochen später wurde die Schädeldecke wieder sorgsam zusammengefügt. Aber für Angelika und Lothar Böhm, die sich mit Anfang 20 beim Fußball im Nordbremer Stadtteil Blumenthal kennengelernt hatten und schon ein halbes Jahr später zusammengezogen waren, wurde es danach nie wieder so wie vorher.

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Lothar Böhm war ein hervorragender Techniker mit sehr viel Gefühl in seinem starken linken Fuß, ein Spielmacher der alten Schule, dazu fleißig in der Laufarbeit. Natürlich war Werder Bremen bald auf den filigranen Mittelfeldmann aufmerksam geworden. Er wurde dort zur Stammkraft des Deutschen Amateur-Vizemeisters 1982, die zweite Mannschaft des SV Werder gehörte seinerzeit zu den Top-Adressen. Aber es dauerte oft Jahre, ehe Otto Rehhagel Werder-Talente zu Bundesligaprofis beförderte. Lothar Böhm spielte in einer Mannschaft mit Dieter Eilts, Gunnar Sauer, Frank Ordenewitz und Günter Hermann, die es allesamt später mindestens in den Dunstkreis der Nationalmannschaft schafften. Böhm war ihr Führungsspieler. Einmal kam er sogar in der Bundesliga unter Rehhagel zum Einsatz. Am letzten Spieltag der Saison 1983/84 war das. Werder gewann 2:1 bei Eintracht Braunschweig. Lothar Böhm war die letzten drei Minuten dabei. Hat er dabei den Ball mal am Fuß gehabt? Er schüttelt den Kopf.

Zu jener Zeit war er schon 28 Jahre alt, er wusste, dass er – anders als sein mit dem Ball am Fuß weniger talentierter Bruder, der knüppelharte Vorstopper Hans-Joachim beim Zweitligisten OSC Bremerhaven – keine kleine Profikarriere mehr erleben würde, einige Angebote hatte er bereits abgelehnt.

Bald darauf entschieden sich Lothar und Angelika Böhm, nach Wiesbaden umzusiedeln. Das Bundeskriminalamt hatte den Bremer Polizisten gelockt, beim BKA wurde er Kriminaloberkommissar, Fachgebiet Sprengstoffermittlung. Fußball spielte der vormalige Drittligaspieler beim unterklassigen TV Breckenheim, nur so zum Spaß noch, und wurde dort bald Spielertrainer. Zudem wurde der Deutsche Fußball-Bund auf den B-Lizenz-Inhaber aufmerksam. Fortan gehörte Lothar Böhm zu den DFB-Stützpunkttrainern am Stützpunkt Wiesbaden, wo die größten Talente aus den kleinen Klubs jeden Montag ein zusätzliches Spezialprogramm geboten bekamen.

Auch die befreundeten Winzer nutzten das Wissen des inzwischen zum Kriminalhauptkommissar beförderten Fußballfachmanns gern und machten ihn zu ihrem Spielertrainer. Es war eine wunderbar unbeschwerte Zeit, eine Zeit der Leichtigkeit. Die Weinelf reiste spaßeshalber in halb Europa herum, die Böhms genossen das sehr, als Trainer war Lothar Böhm zudem bei den großen Sichtungsturnieren in Duisburg dabei, und Angelika Böhm kämpfte tapfer gegen ihre nun ein wenig langsamer fortschreitende Rheumaerkrankung an, auch die Gemeinschaft der Weinelf half dabei.

Nicht vorhersehbar

Bis das Schicksal ihren Mann einholte. Schon ein paar Jahre zuvor, beim Gesundheitscheck für die (deshalb gescheiterte) Zulassung als Hobby-Rennfahrer auf dem Nürburgring, war dem Motorsportfan Böhm bedeutet worden, dass er an Herzrhythmusstörungen leide. Aber dass der durchtrainierte Fußballer im Frühjahr 2010 einen so schweren Schlaganfall erleiden würde, war nicht vorhersehbar gewesen. Und auch nicht der epileptische Anfall, der ein dreiviertel Jahr später folgte und bei dem er sich die linke Schulter brach. Rechtsseitig gelähmt, linksseitig ein Schulterbruch – Lothar Böhm hätte es kaum schlechter gehen können.

Aber er kämpfte sich zurück ins Leben. „Wir haben in den neun Jahren viel geschafft“, sagt seine Frau, „nur mit dem Sprechen bleibt es schwierig. Er hat alle Worte drin, aber sie kommen nicht raus.“ Jeden Nachmittag üben die beiden, mühsam Worte zu formen, Silbe für Silbe, langsam bis zehn zu zählen, es ist ein harter Kampf. „Jahrelang“, sagt Angelika Böhm, „hat Lothar mir geholfen, jetzt helfe ich ihm.“ Wegen ihres schweren Rheumas hat die zierliche Frau seit ihrem 32. Lebensjahr künstliche Hüften. Bald ist die nächste Operation fällig. Es ist nicht einfach.

Lothar Böhm ging es anfangs nicht nur physisch schlecht, sondern auch psychisch. Die Depressionen wurden bald medikamentös so gut behandelt, dass er sich mental schnell wieder fing. Er arbeitete hart daran, selbstständig im Haushalt klarzukommen. Den Rollstuhl benötigt er nur noch, wenn er den Tisch deckt und das Geschirr abräumt. Angelika Böhm kann ihn problemlos auch mal mehrere Stunden alleine zu Hause lassen, die Woche ist mit Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie durchgetaktet, Lothar Böhm schaut Fußball und Biathlon, Skispringen und Formel 1 im Fernsehen, er löst gern Kreuzworträtsel, spielt Schach und Kniffel, wettet im Internet auf Bundesligaspiele und handelt online mit Aktien. Ein- bis zweimal wöchentlich schafft er es, ein paar hundert Meter langsam am Stock die Straße hinunter und wieder hinauf zu gehen. Und so heftig an der Schwelle der Haustür gestürzt, dass seine Frau gleich mit umfiel und im Busch landete, ist er seitdem nie wieder.

Sein bester Freund Didi kommt regelmäßig vorbei, auch Hennes und Markus, und aus Bremen sind den Böhms Ex-Profi Volker Ohling mit dessen Frau verlässlich geblieben, „aber die Freunde werden weniger“, sagt Angelika Böhm. Sie ist traurig darüber.

Aber sie ist auch froh, dass sie diese gemeinsamen Jahre noch haben. Sie wohnen schön in Wiesbaden mit Blick hinunter auf die Stadt, einmal im Jahr fliegen sie in den Urlaub, auch wenn das jedes Mal schwierig ist wegen der schweren Behinderung. Neulich hat Lothar Böhm gemeinsam mit Kumpel Didi das Relegationsspiel des SV Wehen Wiesbaden gegen Ingolstadt besucht. Als Mainz 05 vorige Saison gegen Werder Bremen spielte, war er dabei. Sein Herzensverein hat auch nicht vergessen, ihm zum 60. Geburtstag ein Trikot mit allen Autogrammen zukommen zu lassen. Es hängt in einem Rahmen in seinem Zimmer. In einem anderen Rahmen sieht man ihn auf mehreren Bildern im Werdertrikot. Lange dunkle Haare, Schnauzbart, enge Ballführung, den Blick wach nach vorn gerichtet.

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