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Damals im Mai: Rudi Assauer (rechts) präsentiert Uefa-Cup und Zigarre, daneben Trainer Huub Stevens.

Rudi Assauer

Ein Leben und Leiden

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Zum Tode des Fußballmanagers Rudi Assauer, der breitbeinig durchs Leben ging, ehe ihn das harte Schicksal traf.

Der Tod eines nahen Angehörigen löst eine Tiefe des Schmerzes aus, die sich nur schwer aushalten lässt. Rudi Assauer haben sich viele Menschen ähnlich nahe gefühlt, die ihn gar nicht kannten. Ein Gefühl der Nähe zuzulassen, auch wenn es sich rau anfühlte, gehörte zu den besonderen Stärken dieses kantigen Kerls. Entsprechend allumfassend und mitfühlend präsentiert sich nun die Trauer über das Ableben eines Mannes, an dessen Leidensgeschichte die Zerbrechlichkeit des Lebens in besonders berührender Ausprägung fühlbar geworden ist: Weil er über Jahrzehnte so furchtbar stark erschien und am Ende, schwer gezeichnet vom der unvermeidlich fortschreitenden Demenz, so unendlich schwach war.

Rudi Assauer, der am Mittwoch im Alter von 74 Jahren in den Armen seiner Tochter Bettina in Herten eingeschlafen ist, war als größter Macho der Fußball-Bundesliga Legende. Ein Mann ohne erkennbare Selbstzweifel, einer, der breitbeinig durchs Leben ging und ruchlos in der Sauna Zigarren qualmte, während der Arbeitszeit, weil ihm gerade dann die besten Ideen kamen.

Rotz-Rudi durfte seine „Alte“ als „Teilzeit-Gefährtin“ beschreiben, weil der 14-Stunden-Job bei Schalke 04 ihm wichtiger erschien, ohne dass sich die seinerzeit noch weniger aufmüpfige Frauenbewegung dagegen verwahrt hätte – vielleicht auch deshalb, weil sich selbst die „Alte“ aus dem Munde des Kashmere-Hooligans Assauer noch nach echter Liebe anhörte.

Auch später, als er einige Jahre mit der Schauspielerin Simone Thomalla ging, durfte er ungestraft behaupten: „Vom Fußball hat sie keine Ahnung, aber sonst ist die Alte schwer in Ordnung.“ Die Alte war satte 21 Jahre jünger als er.

Harte Schale, weicher Kern

Assauer lebte sein raues Image aus wie niemand sonst, er zelebrierte es geradezu charismatisch. Aber jeder, der hinter den Nebel des Zigarrenqualms blicken konnte, wusste, dass sich ein weicher Kern unter der Schale verbarg. Man kann wohl kaum erfassen, wie schwer die Transformation vom dicken Maxe zum schwer Erkrankten Rudi Assauer gefallen sein muss, damals, als er noch nachvollziehen konnte, wie unbarmherzig das Schicksal ihn getroffen hatte. Enge Wegbegleiter hatten es schon geraume Zeit düster geahnt. Er selbst hatte es lange nicht wahrhaben wollen, ehe er sein 2010 diagnostiziertes Leiden 2012 auch öffentlich machte, seinerzeit noch in der Wortwahl des Malochers mit dem Herz auf der Zunge: „Mein Hirn, die Rübe funktioniert nicht mehr. Ich muss mich damit abfinden. Verdammte Hacke.“

Der Journalist Patrick Strasser kommt in der bald darauf veröffentlichten Biografie „Wie ausgewechselt – verblassende Erinnerungen an mein Leben“ dem Leben und Leiden des Rudi Assauer bedrückend nah. Er ist in einfachen Verhältnissen großgeworden, „ich habe lange in einem Zimmer mit meinen Eltern geschlafen und meine Schwester auf dem Sofa im Wohnzimmer. Fußball habe ich im Sommer barfuß gespielt, bis ich 14 wurde. Die Hornhaut kann man heute noch sehen“, erzählte er einmal.

Als Spieler war Assauer ein wahrer Haudegen in der Abwehr, jüngstes Mitglied des ersten deutschen Europapokalsiegers Borussia Dortmund 1966. Später hat er den deutschen Fußball in die Moderne überführt und ist dabei wunderbar altmodisch geblieben. Sein Credo: „Ich bin derjenige, der auf die Birne kriegt. Wenn ich sage, es wird so gemacht, dann wird es so gemacht.“ Unter seiner Management- und Meinungsführerschaft entwickelte der FC Schalke 04 die überdachte, 2001 eröffnete Arena neben dem Parkstadion. Interviews führte er seinerzeit unkompliziert verbal ohne Schienbeinschützer, nicht aus strategischen Gründen mit wohlfeil abgewogenem Wording, wie im Bundesligageschäft inzwischen üblich, und verzichtete dabei in seinem Büro mit Blick auf den Trainingsplatz mit Rücksicht auf die Fragesteller schon mal auf die geliebte Zigarre.

Es war ein trüber Tag im Januar 1998, als die FR-Redakteure Kilchenstein und Müller sich in aller Früh nach Gelsenkirchen aufmachten, der Termin war für neun Uhr angesetzt, Assauer hätte das Gespräch lieber schon in der Früh um sieben geführt. Dann schwärmte er von den Plänen zur Arena und tat seine Abneigung gegen das weitläufige Parkstadion kund: „Von der Nordkurve sind es 140 Meter bis zur Mittellinie, das ist doch Mist, da kommt doch nichts rüber. Wenn du da ein Bierchen halb ausgetrunken hast, ist der Pappbecher bei Regen im Nu wieder voll. Und dazu sitzt du dir noch einen kalten….“ Die Autorisierung erfolgte komplikationslos, Assauer bat lediglich darum, die selbst ihm zu brachial erscheinende Wortwahl „kalten Arsch“ durch „kalten Hintern“ zu ersetzen. So war er nun mal.

Und er war, fast vergessen, der Mann, der als Manager (und selbsternannter Trainer) den bislang einzigen Abstieg von Werder Bremen (im Jahr 1980) zu verantworten hatte, ein Betriebsunfalls den er postwendend wieder ausbügelte. Er managte die Eurofighter 1997 zum Uefa-Cup-Sieg unter dem knorrigen Kerkrader Huub Stevens, er war da zwischen Triumph und Tränen, als 2001 der Meister der Herzen gekürt wurde. Die Zerbrechlichkeit des sportlichen Glücks hat er da mit einer beispiellosen Wucht zu spüren bekommen. Aber was war die Minuten-Meisterschaft schon gegen diese tückische Krankheit? Bloß Fußball, sein Leben.

Zur Person

Rudi Assauer wurde am 30. April 1944 in Sulzbach-Altenwald im Saarland geboren. Der ausgebildete Stahlbauschlosser führte zwei Ehen und hatte zwei Kinder - Bettina (Jahrgang 1965) und Katy (Jahrgang 1970). Als Spieler holte er mit dem Schalker Erzrivalen Borussia Dortmund 1965 den DFB-Pokal und ein Jahr später den Europapokal. Als Manager führte Assauer die Schalker zum Uefa-Cup-Triumph 1997 und zwei DFB-Pokalsiegen in den Jahren 2001 und 2002. FR

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