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Das aktuelle Ensemble von Schachtjor Donezk beim letzten Champions-League-Auftritt.

Schachtjor Donezk

Nach dem Willen des Oligarchen

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Beim Frankfurter Europa-League-Gegner Schachtjor Donezk hängt alles am Eigner Rinat Achmetov.

Ohne ihn ginge nicht viel. Weder bei Schachtjor Donezk noch in der Industriestadt im Osten der Ukraine selbst. Rinat Achmetov ist der wichtigste, reichste und bekannteste Mann seiner Region. Unterstützer für den aus der Champions League in die Europa League versetzten Gegner von Eintracht Frankfurt und Helfer für eine kriegsgeplagte Stadt.

Achmetov ist stolz auf seinen Klub und seine Heimat. Die Hessen treten am 14. Februar bei einem Gegner an, an dessen Spitze ein Mann voller Widersprüchlichkeiten steht, der aber sagt: „Wir haben gezeigt, dass wir Typen mit Siegermentalität besitzen – und das trotz aller Schwierigkeiten. Wir haben alle nationalen Titel gewonnen und haben auch in der Champions League attraktiven Fußball geboten.“ Die Rückversetzung in die Europa League ist für den 52-Jährigen nicht zwingend ein Rückschlag. Der in Donezk geborene Impresario mag den Fußball auch deshalb, weil es ihm Anerkennung auf internationalem Parkett verschafft, die er für sein Selbstverständnis, aber auch seine Geschäftstätigkeit mit einem weit verzweigten Firmengeflecht braucht. 

Seine Arbeit bei Schachtjor Donezk begann vor mehr als 20 Jahren, als Achmetov zum Präsidenten gekürt wurde. Zig Millionen hat er seitdem in den Klub gepumpt. Mit der Europa League 2019 könnte sich sogar ein Kreis schließen könnte. 

Am 20. Mai 2009 bezwang in Istanbul den SV Werder Bremen mit 2:1 nach Verlängerung im ehemaligen Uefa-Cup, der danach in die Europa League überführt wurde. Beim Bundesligisten stand noch Tim Wiese im Tor, Naldo und Per Mertesacker bildeten die Abwehr, Mesut Özil führte Regie. Aber ohne den gesperrten Diego hatten die Bremer trotzdem zu wenig zu bieten. Nach dem Triumph ließ sich Rinat Achmetov, der sonst nach Möglichkeit das Licht der Kameras scheut, im Sükrü-Saracoglu-Stadion von Istanbul nach der Siegerehrung sogar auf dem Rasen blicken und gemeinsam mit dem damaligen Trainer Mircea Lucescu legten die beiden Hand an die Trophäe. Ein Bild mit Seltenheitswert. 

Seitdem ist viel passiert. Der mittlerweile in Kiew beheimatete Oligarch, dessen Frau und zwei Kinder in London leben sollen, muss seinen Verein durch eine schwere Zeit steuern, seit russische Separatisten 2014 die Gebiete von Donezk besetzt haben. Seit der Belagerung verteilt Achmetovs Stiftung Lebensmittel, Medikamente, Babynahrung und Kleidung. 85 Prozent der Einwohner der Donbass-Region geben an, ohne die Unterstützung Achmetows nicht überleben zu können. Zu seiner Firmengruppe zählen unter anderem Energieversorger, Telekomfirmen und Banken. Seine Drähte zur ukrainischen Regierung, speziell Präsident Petro Poroschenko gelten als ausgezeichnet. 

Skurrile Umstände

Unklar ist, wie viel der Oligarch von seinem Vermögen im Verlauf durch die kriegerischen Auseinandersetzungen verloren hat. Angeblich beläuft sich sein Vermögen aber noch auf zwölf Milliarden Dollar, andere rechnen vor, dass er 30 Prozent des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts kontrolliert. Über seinen Aufstieg kursieren die wildesten Geschichten. Fakt ist: Der Sohn eines Bergmanns und einer Verkäuferin studierte in der Universität seiner Heimatstadt Wirtschaft, war in den 80er Jahren Mitbegründer einer Bank und stieg in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Strippenzieher auf. Mit Hoheit über die ostukrainischen Stahl- und Kohleindustrie. Ohne seine Unterstützung beim Ausbau des Flughafens oder dem Bau eines neuen Stadions wäre Donezk kaum wichtiger Schauplatz für die EM 2012 geworden. Inzwischen ist die Donbass-Arena durch Gefechte beschädigt worden. 

Der Verein hat seine Zentrale ins Botschafterviertel von Kiew verlegt, wo auch die Trainingseinheiten stattfinden. Heimspiele werden im Metalist-Stadion von Charkiw, 300 Kilometer entfernt von Donezk ausgetragen, nachdem in Lwiw, im Westen der Ukraine, zuvor der Zuschauerzuspruch zu gering war. 

Trotz dieser Erschwernisse hat Schachtjor Donezk diese Saison als einziger Klub aus der Ukraine in der Königsklasse mitgespielt. Die Erfolge erscheinen eingedenk des skurrilen äußeren Rahmens in einem besonderen Licht. Das letzte Champions-League-Gruppenspiel gegen Lyon (1:1) musste sogar in Kiew ausgetragen werden, nachdem die ukrainische Regierung ein bis 26. Dezember geltendes Kriegsrecht verhängt hatte, das auch für den Regierungsbezirk Charkiw galt.

Sofern dieses nicht verlängert wird, dürfte Mitte Februar gegen Frankfurt in Charkiw gespielt werden. Die andere Variante wäre das Olympiastadion in Kiew, in das gegen Lyon immerhin 39.000 Zuschauer kamen. Viel mehr als die Schachtjor-Verantwortlichen erwartet hatten, aber viele Menschen aus der Donbass-Region haben eine Zuflucht im Dunstkreis der durchaus sehenswerten Hauptstadt gefunden.

Viele Spieler kennen die Stadt Donezk bis heute nur vom Hörensagen. Aber gerade der brasilianischen Fraktion ist das offenbar egal. Schachtjor bedient sich seit langem auf dem Spielermarkt in Südamerika. Auch vor dieser Spielzeit, nachdem der WM-Teilnehmer Fred zu Manchester United und Landsmann Bernard zum FC Everton gingen. Zuvor hatten bereits Topstars wie Fernandinho (Manchester City), Willian (FC Chelsea) oder Douglas Costa (Juventus Turin) ihrer Karriere in Donezk den entscheidenden Schub gegeben. 

Diesmal kamen Akteure wie Fernando (Palmeiras), Cipriano (Sao Paulo) und Junior Moraes (Dynamo Kiew). Der Plan B (Brasilien) greift seit mehr als einem Jahrzehnt, die Kontakte an den Zuckerhut sind vorzüglich. Und stets gilt die Faustregel: Je mehr sich das Spiel nach vorne verlagert, umso wichtiger werden die Ballkünstler. 

 „Wir brauchen smarte, junge Spieler. Der Fußball und die Ausbildung sind so komplex geworden, dass es auf viele kleine Details ankommt“, erklärt Trainer Paulo Fonseca. Der Portugiese kann sich in der Heimatsprache mit seiner Samba-Fraktion verständigen. Der 45-Jährige beerbte im Juli 2016 den immerhin zwölf Jahre lang tätigen Lucescu und hat seinen Kontrakt um zwei Jahre verlängert. Fonseca soll umgerechnet vier Millionen Euro pro Jahr verdienen. 

Die Mischung passt

Kurz nach seinem Amtsantritt sorgte der heutige Eintracht-Trainer Adi Hütter mit seinem damaligen Verein Young Boys Bern für einen herben Dämpfer, als die zweite Runde der Champions-League-Qualifikation anstand. „Donezk hatte damals eine Mannschaft, die noch spielstärker war als heute“, erinnert sich Hütter. „Das Hinspiel haben wir 0:2 verloren, aber wir hätten 0:5 verlieren müssen. Im Rückspiel haben wir einen 2:0-Sieg geschafft und das Elfmeterschießen gewonnen.“ Riesig war die Freude bei dem Schweizer Team und seinem österreichischen Trainer, der die aufregenden Begegnungen nicht vergessen hat und die Erinnerungen in die Vorbereitung auf das Sechzehntelfinale einfließen lassen wird.

Kollege Fonseca gewann trotzdem auf Anhieb zweimal das Double, formte ein Team, in dem sich die Ukrainer und Brasilianer in guter Tradition ergänzen. Die Mischung passt, das Team pflegt einen technisch anspruchsvollen Stil. Oft sagen die Spieler hinterher, dass ihre Siege den Menschen Ablenkung verschaffen sollen. Aber das ist in den besetzten Gebieten fast unmöglich, so beschwerlich und gefährlich, kalt und grau ist der Alltag. In vielen Gegenden der isolierten Region von Lugansk und Donezk herrscht graue Tristesse. Jede Schilderung von vor Ort wirkt bedrückend.

Regelmäßig kommt es zu Versorgungsengpässen, Wasser, Strom und Gas werden oft monatelang abgestellt. Die Schlangen vor den Geldautomaten sind lang und erfordern oft viel Geduld. Bezahlt wird in Rubel, auf dem Schwarzmarkt mit Euro oder US-Dollar. Ukrainische Pässe, Dokumente oder Autokennzeichen sind ungültig.

In der Ukraine wird im nächsten Jahr  eine neue Regierung gewählt. Schwer einzuschätzen, was das für die Zukunft von Schachtjor Donezk bedeutet. Einen Zeitplan für die Rückkehr gibt es wegen der instabilen politischen und wirtschaftlichen Lage für den Verein vorerst nicht. Keiner bedauert das wohl mehr als Rinat Achmetov.

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