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Spontanfrust bei Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann im Spiel gegen Eintracht Frankfurt.

RB Leipzig

Nagelsmanns kalkulierter Groll

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Der junge Leipziger Trainer zeigt sich nach der Niederlage in Frankfurt schwer empört - doch hinter der Kritik an seiner Mannschaft dürfte ein Plan stecken. Der Kommentar.

In den Schlussminuten zeigte Julian Nagelsmann vollen Körpereinsatz. Der Leipziger Fußballlehrer fuchtelte wild mit seinen Armen herum, nach links, nach rechts, vorne und hinten, als wolle er die Attacke einer lästigen Biene wegschmettern. Wollte er natürlich nicht im Eisschrank von Frankfurt. Stattdessen versuchte er nur, das Chaos mit für Laien ziemlich chaotisch anmutenden Verrenkungen einzudämmen. Er bedeutete den Außenspielern, dass sie weiter nach innen rücken sollten, dem Stürmer, dass er nur noch ein hängender Stürmer sein sollte. Und so weiter und so fort. Zweifelsohne probierte er alles, vermutlich zu viel. Satte sieben Leipziger Offensivleute schickte er auf den Rasen, sie standen sich sprichwörtlich gegenseitig auf den Füßen. Angefangen bei den Torjägern Werner, Schick und Poulsen, weitergeführt bei den Dribblern Nkunku und Lookman, endend bei den Zuarbeitern Sabitzer und Forsberg. Geballte Angriffspower, die geballt verpuffte.

Wer dachte, der Jüngste der coachenden Gilde könnte sich verausgabt haben bei diesem Schlussakkord, sollte sich getäuscht haben. Denn kurz drauf legte er erst richtig los – verbal diesmal. Ob bei der Pressekonferenz oder gegenüber den verschiedenen TV-Anstalten, jeder bekam zu hören, wie Nagelsmann sich fühlte. Nicht gut. Offenbar gar so schlecht, dass er sich bis zu einer Grundsatzrede hinaufgipfelte. Auf verschiedene Arten – mal ernst, mal witzig, auch selbstironisch – grollte der 32-Jährige und sprach seinem Team die nötige Gier ab, um tatsächlich den Meistertitel holen zu können. Er, das wurde klar, besitzt diesen unbedingten Willen, schließlich sei ja auch die gewählte Taktik super gewesen. Eine Logik, die bei der Suche nach Schuldigen einzig die Spieler in die Pflicht nahm. Gewagt.

Bei allem Spontanfrust dürfte die Standpauke so früh zu Rückrundenauftakt aber auch einem gewissen Kalkül entsprungen sein. Denn natürlich hatten die Leipziger Kicker in Frankfurt kein ganz tolles Spiel gezeigt, aber im Grunde auch kein ganz schlechtes. Vor den wichtigen Wochen mit den Spitzenspielen gegen Gladbach und Bayern soll interne Reibung entstehen. Ein Kniff, den Nagelsmann schon einmal Ende Oktober probierte, nicht ganz so ausführlich, dafür aber noch prägnanter: Nach dem 1:2 in Freiburg sprach er seiner begabten Truppe das Attribut Spitzenmannschaft ab. „Wir sind halt keine“, sagte er damals. Es folgten dreizehn Pflichtpartien ohne Niederlage, darunter zehn Siege, ehe es nun in Frankfurt mal wieder eine Niederlage gab. Eine ebenso positiv ausfallende Reaktion könnte am Saisonende für RB Leipzig tatsächlich den Titel bedeuten.

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