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„Ich bin super ehrgeizig“, sagt Almuth Schult.  

DFB-Team

Nach Geburt von Zwillingen: Almuth Schult will zurück ins Tor

Nach der Geburt von Zwillingen will Torhüterin Almuth Schult zurück auf den Fußballplatz - und in die Nationalmannschaft.

Nia Künzer weiß nicht erst seit der Corona-Krise, wie schwierig es ist, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Die ehemalige Nationalspielerin, die sich mit Golden Goal im WM-Finale 2003 einen historischen Platz für den deutschen Frauenfußball erwarb, arbeitet seit mehr als zwei Jahren als Dezernatsleiterin für Integration, Sozialbetreuung und Ehrenamt im Regierungspräsidium Gießen. Die zweifache Mutter ist in ihrer Abteilung zuständig für Flüchtlingsangelegenheiten, Erstaufnahme und Integration – und betreut derzeit aus dem Homeoffice ihre 38 Mitarbeiter. Um alles unter einen Hut zu bekommen, sagt die 40-Jährige, „braucht es den richtigen Mann oder Partner“. Mutter wurde die in Wetzlar geborene Künzer erst nach der Fußballkarriere. „Das war in meiner Zeit einfach nicht üblich“, erinnert sie sich.

Nun ist die Nationaltorhüterin Almuth Schult mit der Geburt von Zwillingen (22. April) fest entschlossen, ein Terrain zu betreten, das seltsamerweise Tabuzone für die deutschen Fußballerinnen ist: die Familie mit dem Sport zu verbinden. „Für Deutschland ist es auf jeden Fall ungewöhnlich. Das gab es nicht unbedingt in den professionellen Ligen. Ich möchte auf jeden Fall weiterspielen“, verriet sie drei Wochen vor der Entbindung eines Sohnes und einer Tochter in einem WDR-Podcast.

Oma mit Kinderwagen

„Bei den Männern hat jeder Profi gefühlt mit 23 schon eine Familie.“ Sie sei sicher, dass sie den Hochleistungssport mit dem Privatleben vereinbaren könne. „Ich sehe das eigentlich gar nicht so dramatisch.“ Beim Training könne doch beispielsweise die Oma mit dem Kinderwagen daneben stehen, erzählte die im Dörfchen Lomitz im Kreis Lüchow-Dannenberg beheimatete 29-Jährige, die ganz in der Nähe des von ihrer Schwester übernommenen elterlichen Bauernhofs lebt. Ihr Vorbild ist dabei die Kugelstoßerin Christina Schwanitz, die als Zwillingsmutter nach einer Babypause bei der Leichtathletik-WM 2019 in Katar Bronze gewann. Mit 33 Jahren.

„Es ist eine Motivation, dem Frauenfußball zu zeigen, dass man mit Kindern auch weiter spielen kann. Bis jetzt gibt es das in der Frauen-Bundesliga nicht. In der deutschen Nationalmannschaft hat es das bis Martina Voss-Tecklenburg nicht gegeben“, sagt Schult. Tatsächlich ist pikanterweise die aktuelle Bundestrainerin das einzige Vorbild

Deren Tochter Dina, inzwischen 27, kam in ihrer besten Zeit als Fußballerin zur Welt. „Der DFB war damals auf die Situation nicht vorbereitet, deshalb durfte ich Dina auch nicht zu den Lehrgängen mitnehmen. Das war für mich schon ziemlich belastend“, erinnert sich Voss-Tecklenburg. Sie schaffte den Spagat nur mit Mühe, wurde als junge Mutter Vize-Weltweltmeisterin 1995 und gewann noch zwei weitere EM-Titel. „Heute haben wir ganz andere Möglichkeiten, um Mütter in der Nationalmannschaft zu unterstützen. Die Vereinbarung von Kind und Karriere ist für den DFB mittlerweile grundsätzlich ein wichtiges Thema. Wenn Almuth also plant, auf den Platz zurückzukehren, dann freuen wir uns auf sie und werden vorbereitet sein“, versichert die 52-Jährige, die inzwischen mit dem Bauunternehmer Hermann Tecklenburg verheiratet ist.

Celia Sasic hörte mit 27 auf

Länder wie Norwegen oder die USA leben seit langer Zeit ein offenes Rollenverständnis vor: Christie Rampone, Spielführerin des Weltmeisterteams von 2015, brachte wie andere Spielerinnen ihre beiden Töchter mit zum Turnier nach Kanada. Seit 1996 bezahlt der US-Verband jeder Mutter eine Nanny samt Flug und Unterkunft.

Für den DFB möchte Schult ein halbes Jahrhundert nach der Aufhebung des Verbots für den Frauenfußball die Vorreiterin geben. Was zur meinungsfreudigen Querdenkerin passt, die rund um die WM 2019 immer wieder fehlende Anerkennung beklagte. In Frankreich hatte sie mit dem verlorenen Viertelfinale gegen Schweden ihren bislang letzten Einsatz, denn danach folgte noch eine komplizierte Schulter-OP.

Schult hat direkt miterlebt, wie die Torjägerin Celia Sasic unmittelbar mit der WM 2015 ihre Karriere beendete, um mehr Zeit fürs Privatleben zu haben. Mit 27 Jahren. Ein Jahr später kam ihre Tochter zur Welt. Als Fatmire Alushi 2015 ihre Schwangerschaft nach dem verlorenen Champions-League-Finale mit Paris öffentlich machte und auf die WM verzichten musste, sprach sie häufiger über ein mögliches Comeback. Um dann doch 2017 endgültig aufzuhören. Heute ist sie zweifache Mutter.

Schult hingegen will ihre sportlichen Ziele nicht aufgeben: „Ich bin super ehrgeizig. Eine WM habe ich nur bei der U20 gewonnen. Ich werde auch gerne noch mal Europameisterin, Champions-League-Siegerin oder Pokalsiegerin.“ Vertraglich ist sie bis 2022 an den VfL Wolfsburg gebunden. Dass derzeit wegen der Corona-Krise überall der Ball nicht rollt, könnte der Torfrau entgegenkommen. Für die Männer-EM 2020 war sie im Expertenteam der ARD eingeplant, das Turnier findet nun erst nächsten Sommer statt. Und die durch die Pandemie nötigen Verschiebungen haben auch dafür gesorgt, dass die Frauen-EM in England erst 2022 steigt. Ein Jahr später steht bereits die nächste Frauen-WM an. Steht Schult dann zwischen den Pfosten? Künzer traut es ihr zu, sich die Stammplätze im Verein und in der Nationalmannschaft, die derzeit an Hedig Lindahl (Wolfsburg) und Merle Frohms (DFB) vergeben sind, wieder zurückzuholen. „Körperlich wird das eine große Herausforderung. Aber wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern, ist das auf jeden Fall möglich.“

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