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Mutiger Auftritt auf großer Bühne

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Von: Jan Christian Müller

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Scheut sich nicht, den hohen Fifa-Herren die Stirn zu bieten: DFB-Präsident Bernd Neuendorf. afp
Scheut sich nicht, den hohen Fifa-Herren die Stirn zu bieten: DFB-Präsident Bernd Neuendorf. afp © AFP

DFB-Präsident Bernd Neuendorf macht sich auch in Katar nicht klein, sondern findet kritische Worte zum umstrittenen Weltverband Fifa und deren Boss Gianni Infantino.

Auf der großen Bühne einer zum Medienzentrum umgebauten Turnhalle in Al Ruwais/Katar hat sich Bernd Neuendorf nicht als kleines Licht präsentiert. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes kritisierte die Fifa und deren Präsidenten Gianni Infantino zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2022 in Katar so deutlich, wie das noch nie ein Boss des DFB je gewagt hätte. Er habe einige Entwicklungen registriert, „die mich in letzter Zeit bei der Fifa irritiert und verstört haben“, sagte der am 11. März zum Chef des weltweit größten Einzelsportverbandes gewählte Neuendorf. Seine Worte waren bei der Auftaktpressekonferenz des DFB vor Ort im WM-Ausrichterland wohlgesetzt.

So könne er etwa nicht nachvollziehen, dass die Fifa es Dänemark untersagt habe, Trainingsshirts mit dem Aufdruck „Human rights for all“ zu tragen. Dabei gehe es nicht um eine politische Botschaft, sondern „um Menschrechte, die allgemeingültig auf der ganzen Welt sind. Dahinter sollten wir uns alle versammeln können.“ Auch zur Situation im Iran äußerte sich der ehemalige SPD-Politiker Neuendorf, ohne dabei diplomatische Floskeln zu verwenden. Er habe wenig Verständnis, wenn sich die Fifa hier wegducke. „Generell sollte man dazu Position beziehen. Diese mutigen Frauen im Iran verdienen jede Aufmerksamkeit. Die iranische Nationalmannschaft hat Zeichen gesetzt, indem sie auf Distanz geht zum Regime. Die Fifa dagegen hat sich wieder nicht positioniert – zu Dänemark dagegen schon.“

Auch die Debatte um die „One Love“-Binde, die die Kapitäne mehrerer Verbände bei der WM tragen wollen, verfolgt Neuendorf mit Interesse. Die Fifa hat sich dazu bisher nicht geäußert. Der englische Verbandschef Mark Bullingham hatte jüngst angekündigt, es drohe womöglich eine Geldstrafe, die die Football Association (FA) zur Not halt zahle. Dem schloss sich Neuendorf an: „Ich wäre bereit, eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen.“

Unter der Woche hatte der DFB in einer Präsidiumssitzung entschieden, die Nominierung des 2016 gewählten Infantino zu einer dritten Amtszeit ausdrücklich nicht zu bestärken. Die große Mehrheit der 211 der Fifa angeschlossenen Nationalverbände stützt allerdings den Schweizer. Er fühle sich deshalb „nicht isoliert“, so Neuendorf: „Ein Kontinentalverband hat Infantino nämlich nicht nominiert – die Uefa.“ In den kommenden Wochen in Katar will Neuendorf sich mit vielen Funktionären anderer Nationalverbände und des WM-Ausrichters treffen. Er schreckt vor kontroversen Debatten nicht zurück.

Zuletzt hatte Infantino öffentlichen Gegenwind von zehn europäischen Verbänden inklusive des DFB bekommen, nachdem er dazu aufgerufen hatte, nicht zuzulassen, „dass der Fußball in jeden politischen und ideologischen Kampf gezogen wird“. Neuendorf sieht dringenden Handlungsbedarf, dass die Fifa bis zum März beim Wahlkongress in Kigali/Ruanda „in die richtige Richtung geht“. Eine Wiederwahl Infantinos, der sich am Samstagmorgen auf einer Pressekonferenz zu Wort melden wird, hält er gleichwohl für hochgradig wahrscheinlich. Es sei deshalb auch nicht förderlich, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. „Er wäre chancenlos. Das sollte man niemandem antun.“

Anders als viele seine Vorgänger ist Neuendorf ein gern gesehener Gast im WM-Quartier. Mit den Spielern kam der 61-Jährige jetzt überein, dass diese mit Blick auf rund 400 000 in Katar beschäftigte Arbeitsmigrant:innen aus Nepal insgesamt eine Million Euro für ein SOS-Kinderdorf im nepalesischen Kavre spenden. „Wir wollen da unterstützen, wo die Menschen herkommen.“ Das Geld werde über die 2021 gegründete Stiftung der Nationalmannschaft „zusätzlich“ bereitgestellt, und zwar in fünf Tranchen über fünf Jahre hinweg. Macht pro Profi exakt 7692,30 Euro pro Jahr, die bis 2027 nach Nepal gehen.

Der Fanorganisation „Unsere Kurve“ geht das nicht weit genug. Die Initiative fordert, jeden Euro, den der DFB bei der Endrunde einnimmt, „in einen Fonds einzuzahlen, der den Entrechteten vor Ort zu Gute kommt“. Das würde bedeuten, dass im Falle des fünften WM-Titelgewinns einer deutschen Nationalelf keine 400 000 Euro pro Spieler vom DFB aus WM-Überweisungen der Fifa weitergeleitet würden, sondern sämtlich dem guten Zweck bestimmt wären – ein unrealistisches Szenario. Neuendorf wies darauf hin, dass viele Spieler sich in eigenen Stiftungen engagieren würden. Außerdem stellte er in Aussicht, dass es noch weitere Aktionen des DFB-Teams in Katar geben könnte, „das haben wir uns ausdrücklich vorbehalten“.

Kritische Fragen, die Mannschaft engagiere sich nicht mit dem ganz großen Eifer für Menschenrechte, wehrte Neuendorf ab: „Sie hat immer wieder Zeichen gesetzt. Das bitte ich zu honorieren.“

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