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Selfie mit Bundestrainer: Jimmy Hartwig neulich mit Joachim Löw bei der Grundsteinlegung der DFB-Akademie in Frankfurt.

Jimmy Hartwig

„Mut ist toll“

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Ex-Profi Jimmy Hartwig, der heute 65 wird, über seine Art, mit Rassismus umzugehen.

immy Hartwig fiel schon immer auf, äußerlich, durch Leistungen oder sein hessisches Schlappmaul. Am Samstag wird der gebürtige Offenbacher, der einer der ersten dunkelhäutigen DFB-Auswahlspieler war, 65 Jahre alt. Im Interview spricht das „Besatzerkind“ über seine Ex-Vereine, Rassismus, die integrative Kraft des Sports und seine Schauspielkarriere.

Herr Hartwig, Sie mussten in gesundheitlicher Hinsicht mehrere heftige Nackenschläge verkraften, welchen Stellenwert haben Geburtstags diesbezüglich für Sie?
Für mich zählen nur noch drei Dinge: Familie, Leute, denen ich helfen kann, und welche, die Klartext reden. Die Krankheiten haben mich nachdenklich, aber zugleich stark gemacht. Und sie haben mir geholfen, meinen Weg zu finden. Ich hatte zweimal Krebs, habe einen Herzschrittmacher. Aber damit komme ich klar.

Geboren wurden Sie in Offenbach. Was verbindet Sie noch mit dieser Stadt?
Ich verteidige Offenbach mit meinen Leben. Ich bin Hesse, aber vor allem bin ich Offenbacher. Von Frankfurtern kommen dann oft Sprüche – auch über die vielen Ausländer. Aber wir reden in Offenbach nicht nur über bunt, wir sind bunt. Ich liebe Offenbach.

Wie sehr leiden Sie mit dem OFC?
Die aktuelle Situation ist schon deprimierend. Wenn man sieht, dass Wehen Wiesbaden in der 2. Liga spielt, der OFC aber nur in der Regionalliga, macht man sich Gedanken. Es liegt vor allem an den Personen, die in den vergangenen Jahren das Sagen hatten.

Als Sie bei den Offenbacher Kickers spielten, war der Verein Bundesligist. Inzwischen hängt er seit sieben Jahren in der vierten Liga fest. Gab es mal Bemühungen, Sie in irgendeiner Funktion zurückzuholen?
Außer Ehrenpräsident Waldemar Klein (Anm. d. Red.: Klein verstarb 2010) hat leider nie jemand angefragt. Da sieht man bereits das Problem. Als Präsident oder Manager würde ich den OFC garantiert in die zweite Liga führen – mindestens. Einige halten mich deshalb für ein Großmaul, aber ich weiß, wie es geht, und hätte auch Geldgeber.

Im internationalen Fußball gab es zuletzt rassistische Vorfälle. Sie waren zu Ihrer Zeit als Aktiver selbst davon betroffen. Haben sich Häufigkeit und Intensität seitdem verändert?
Grundsätzlich gab es zu meiner Zeit nur einzelne Betroffene. Und heutzutage spielt sich das ja nicht nur in den Stadien, sondern auch im Internet ab. Da verstecken sich Leute hinterm Computer und hetzen von dort aus in großer Zahl gegen Andersaussehende. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Ich habe Angst, dass in ein paar Jahren Dunkelhäutige mit Affe auf der Schulter rumlaufen wie früher die Juden mit dem Stern auf der Jacke, wenn die Regierung da nicht einschreitet.

Wie hat sich der Rassismus zu Ihrer Zeit in den Stadien dargestellt?
Ich wurde früher im Stadion von Tausenden als „Negersau“ beschimpft. Ich habe auf meine Art reagiert, indem ich die Zuschauer dirigiert habe. Ich fand es geil, weil viele nicht kapiert haben, wie ich sie lächerlich gemacht habe.

Was muss sich ändern, um Rassismus im Stadion einzudämmen?
Ich rufe die schweigende Mehrheit dazu auf, den Mund aufzumachen. Mut ist toll. Wer schweigt, ist aber nicht mutig. Wenn rassistische Sachen gerufen werden, muss der Rest aufstehen und seine Stimme dagegen erheben.

Sie sind einer der DFB-Integrationsbotschafter. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Idioten wird es immer geben: schwarze, weiße oder gelbe. Aber die große Mehrheit ist in Ordnung. Und Fußball ist der größte Sympathieträger der Welt, überall wird gespielt. Keiner fragt dabei, woher jemand kommt. In den Vereinen und Landesverbänden muss man jedoch aufpassen, dass man sich nicht in Eitelkeiten verliert und Ältere zu sehr an ihren Posten hängen. Da muss man auch mal einen Syrer in den Vorstand holen. Das setzt Respekt auf beiden Seiten voraus. Ich bin Jimmy, das Besatzerkind aus Offenbach, habe selbst viel erlebt. Es ärgert mich daher, dass mich aus Hessen nie jemand fragt, ob ich auf diesem Gebiet etwas machen kann. Da reden Leute über Integration, die damit so viel zu tun haben wie Delfine mit dem Main. In Bayern habe ich hingegen die Staatsmedaille für besondere soziale Verdienste erhalten.

Interview: Christian Düncher

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