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Löw muss die "richtigen Schlüsse" ziehen

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Von: Jan Christian Müller

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Joachim Löw bleibt - aber wie weiter?
Joachim Löw bleibt - aber wie weiter? © dpa

Joachim Löw sollte sich die Mühe machen, das WM-Desaster in gebotener Tiefe zu erklären. Bis zum Start der Nations League im September will der Bundestrainer die "richtigen Schlüsse" ziehen.

Manchmal hilft ein Blick zurück, um zu verstehen, wie die Dinge sich fügen. Ende August 2016 saß Joachim Löw am nördlichen Stadtrand von Düsseldorf im ersten Stock eines Autohauses jenes DFB-Partnerwagenbauers, dessen Cabriolet älterer Bauart der Bundestrainer zwei knappe Jahre später in seiner vermeintlich schwersten Stunde beschwingt durch seine Heimatstadt Freiburg dirigieren sollte. 50 Tage waren seinerzeit vergangen seit dem 1:2 gegen Frankreich im EM-Halbfinale. Die versammelte deutsche Fußballpresse harrte gespannt der Dinge. Denn Löw hatte gleich nach der EM eine tiefergehende Analyse angekündigt darüber, warum seiner Mannschaft etwas gefehlt hatte in Frankreich – eine Portion Gier, eine Prise Esprit, ein paar Stundenkilometer Tempo vielleicht? – und welche Konsequenzen er daraus ziehen würde. 

Aber dann präsentierte sich der Bundestrainer so entschleunigt wie ein alter Mercedes mit Kolbenfresser und hatte nur Belanglosigkeiten zu bieten. Die FR berichtete seinerzeit ein bisschen entrüstet, Löw habe „lediglich die recht oberflächliche Lehre aus der EM zu vermelden: Chancenauswertung mangelhaft, Umschaltspiel verbesserungswürdig“. Zu einem „späteren Zeitpunkt“, teilte der Bundestrainer lapidar mit, könne er „gern mehr in die Tiefe gehen“, ehe er freimütig einräumte, selbst mit dem neuen U21-Trainer Stefan Kuntz noch kein Sterbenswörtchen geredet zu haben. Die Reporter tauschten verstohlene Blicke aus, die Unfassbarkeit dokumentierten – und vergaßen die Episode bald wieder. Denn Löw navigierte die deutsche Mannschaft komplikationslos durch die WM-Qualifikation und zelebrierte ein Fest der Jugend beim Confederations Cup. 

Beweggründe weiter unklar

Gern wüsste man Anfang Juli 2018 mehr über die Beweggründe des Bundestrainers fürs Weitermachen nach der ungemütlichen Verabschiedung aus Russland. Aber der Deutsche Fußball-Bund erhörte Löws Wunsch, sich über die karge Botschaft in einer DFB-Pressemitteilung („Mit ganzem Einsatz den Neuaufbau gestalten“) hinaus derzeit nicht weiter lästig öffentlich erklären zu müssen. Immerhin kündigte er zeitig zum Auftaktspiel der neuen Nations League am 6. September gegen Frankreich an, die „richtigen Schlüsse“ aus dem in Russland Erlebten ziehen zu wollen. 

Man darf wohl sicher sein, dass nach einem unruhigen Sommer nicht wieder nur vergleichbar nachlässig karge Botschaften präsentiert werden wie weiland am 29. August 2016 im gläsernen Düsseldorfer Autohaus. Die fettgedruckten Schlagzeilen schenken keinen Interpretationsspielraum: „Löw muss liefern!“ Dazu gehört, wie Ehrenspielführer Philipp Lahm aus seinem improvisierten Outdoorstudio am Tegernsee richtig anmerkte, auch die Bereitschaft, diese Lieferung nicht bloß vorm gemeinen Volk auszuschütten wie eine Halde Bauschutt, sondern deren giftigen Inhaltsstoffe zu erklären und nachvollziehbar zu erläutern, wie sie professionell entsorgt oder zur weiteren Nutzung aufgearbeitet werden könnte. 

Begleitet von der ultimativen „Löw-muss-liefern“-Forderung im Fußballland ist vor allem die ausgesprochene Gutmütigkeit augenfällig, mit der die „Bild“-Zeitung das Volk zur Mäßigung aufruft und erklärt: „Gut, dass Löw bleibt.“ Ist es vor diesem Hintergrund nur purer Zufall, dass die Nachricht am Dienstag zuerst über den „Bild“-Newsticker verbreitet wurde? Ist das den Spürnasen der fleißigen Reporter geschuldet oder werden im Gegenzug zur partnerschaftlichen Deutungshoheit des Boulevard im Angesicht eines geschwächten Bundestrainers und eines erschöpften Dachverbandes auch die medialen Machtverhältnisse wieder neu geordnet?

Viele Torschüsse, kein Tor

Auffällig im medialen Resonanzraum ist auch die unleidliche Haltung des traditionell stocknüchternen Fußball-Zentralorgans „Kicker“ in seiner „Aufarbeitung einer hausgemachten Krise“ unter der beißend sarkastischen Überschrift ‚Zsmmnbruch eines Weltmeisters“. 

Und auffällig ist ebenso die Formvollendung, in welcher Elitedirektor Oliver Bierhoff sich vor Kritik verbarrikadiert: „Da wird auch von Entfremdung gesprochen. Aber wir haben hohe Einschaltquoten, wir haben großes Interesse. Man sieht an der Emotionalität, an den Reaktionen, dass die Bindung da ist.“ Der DFB verweist zudem darauf, es seien 2018 mehr Nationaltrikots verkauft worden als 2014. Keine anderes Team habe überdies in der WM-Vorrunde 2018 öfter aufs Tor geschossen als „Die Mannschaft“. Alles nur ein böser Spuk? 

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