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"Es reicht nicht, wir müssen Tore schießen": Steffi Jones.

Frauenfußball-EM

"Es muss einfach mal knallen"

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Der Abschluss gilt als großes Manko bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, doch die Ursachen für die holprigen Auftritte könnten tiefer liegen.

Das putzige Kleinod für die sportliche Abwechslung liegt nicht weit entfernt vom Teamquartier der deutschen Frauenauswahl. Dort sind auf einem frisch gemähten Rasen Fußballtore aufgestellt, im Sand stecken Kleinfeldtore und auf einem Gummiplatz stehen Handballtore. Darüber hängen zwei Basketballkörbe, auf die Lina Magull, Hasret Kayikci und Co. am Wochenende muntere Zwei-gegen-Zwei-Spielchen veranstaltet haben, um sich ein bisschen Abwechslung zu verschaffen. In dem Video, welches die DFB-Frauen über ihr Facebook-Profil öffentlich gemacht haben, sind Volltreffer aus allen Lagen verewigt. Es geht also doch. Problem nur: Der Ball muss bei den deutschen Fußballerinnen eigentlich ins Tor. Und nicht in den Korb.

Und das scheint bei der Frauen-EM in den Niederlanden das Kardinalproblem. Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Russland am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) ist Steffi Jones bei allem Vertrauen in ihre Mannschaft an einem Punkt angelangt, an dem die Bundestrainerin unmissverständlich gesagt hat: „Es reicht aber nicht – Tore müssen wir schießen.“ Ein klarer Erfolg soll und muss nun helfen.

Der Ton wird schärfer

Die schärfere Tonart war schon nach der „emotionalen Fahrt“ (Jones) beim 2:1-Arbeitssieg gegen Italien unüberhörbar. Die 44-Jährige rätselt über so viel Wankelmütigkeit und so wenig Selbstvertrauen. Warum löste die Überzahl für die Schlussphase bloß so viel Hektik aus wie der Fuchs, der in den Hühnerstall einbricht?

„Wir müssen daraus lernen, sonst wird es schwer, unsere Ziele zu erreichen“, mahnte die Trainerin und verlangte: „Wir müssen souveräner spielen.“ In der aktuellen Verfassung mit Passagen der allgemeinen Verunsicherung könnte der Traum vom neunten EM-Titel schnell platzen. Etwa in einem ersten K.o.-Duell gegen den Gastgeber Niederlande, den euphorisierten „Oranje Leeuwinnen“.

Kein anderes System erforderlich

Weshalb es morgen gegen Russland mehr denn je auf den Abschluss ankommt. Ein Remis reicht zum Weiterkommen, aber im Fernduell mit Schweden um den ersten Gruppenplatz entscheidet mutmaßlich das Torverhältnis. „Der Knoten muss platzen – es muss einfach mal knallen“, hat Mannschaftsführerin Dzsenifer Marozsan gefordert. Ansonsten schwant Abwehrchefin Babett Peter nichts Gutes: „Wenn man so ineffizient spielt, geht es irgendwann nicht weiter.“

Zur Befreiung braucht es nach Meinung der führenden Köpfe gegen die Italien-Kopie Russland (Jones: „Die spielen genauso körperbetont und stehen so tief“) kein anderes System – obwohl die Trainerin ihre 4-4-2-Wunschformation mit Mittelfeldraute am Freitag alsbald in ein 4-3-3 verwandelte. „Natürlich ist das ein sehr mutiges System, aber wir haben begnadete Spielerinnen: Wir sind davon überzeugt“, insistierte Peter.

„Déjà-vu-Gefühle“

Die Probleme bei den DFB-Frauen sind offensichtlich: Es gibt keine Ausnahmestürmerin, wie sie beim EM-Titel 2009 noch die unvergleichliche Birgit Prinz und beim EM-Triumph 2013 die unermüdliche Celia Sasic gaben. Es fehlen die Automatismen in der neuen Grundordnung, die nicht über einen längeren Zeitraum mit einem Stammpersonal eingespielt werden konnte. Und mangelt es nicht auch an prägenden Persönlichkeiten, die in Krisenzeiten vorangehen?

Fast manisch wehrte sich die in die Führungsrolle gedrängte Marozsan gegen jede Parallele von vor vier Jahren. In Schweden hatten nach einer holprigen Vorrunde die Meinungsmacher Nadine Angerer und Saskia Bartusiak auf der Urlaubsinsel Öland eine Aussprache angestoßen, um die alte und junge Garde zusammenzubringen. Ohne die damalige Trainerin Silvia Neid. Die Vergangenheit tauge nicht als Vorbild für die Gegenwart. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir sind eine ganz anders zusammengestellte Mannschaft“, entgegnete die Kapitänin, die derzeit auf dem Platz genug zu tun hat, ihrem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Auch die Torschützinnen aus dem Italien-Spiel stemmten sich gegen jede Grundsatzdebatte. „Jede von den Mädels will zu 100 Prozent. Daran scheitert es nicht“, sagte Josephine Henning. Darüber soll beim gemeinsamen Abendessen im nahe gelegenen ‚s-Hertogenbosch am Samstagabend Einigkeit bestanden haben. Oder wie es Abwehrkollegin Peter formulierte: „Das Glas ist für mich halbvoll.“ Nicht halbleer. Die 29-Jährige erlebt bei ihrem siebten großen Turnier nach eigener Aussage „Déjà-vu-Gefühle“. Denn: „Wir werden von außen kritisiert, aber am Ende waren wir immer erfolgreich. Wir sind optimistisch, dass das so bleibt.“

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