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Greift nach 22 Monaten ohne Job wieder ein: Markus Gisdol.

1. FC Köln

Muskelspiele unterm Büßerhemd

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Wie die Kölner Macher Horst Heldt und Markus Gisdol den FC auf Vordermann bringen wollen.

Seit seinem Einstieg beim VfB Stuttgart im Januar 2006 hat Horst Heldt als Sportchef viele Erfahrungen gesammelt. Nach viereinhalb Jahren im Ländle zog es den gebürtigen Rheinländer weiter nach Gelsenkirchen – und von dort, nach neun Monaten Pause, im März 2017 zu Hannover 96. In dieser Woche nun wurde Heldt als neuer Sport-Geschäftsführer des 1. FC Köln vorgestellt – und legte gleich fest, aus welcher Warte er sein Einstiegsspiel beim abstiegsgefährdeten Aufsteiger verfolgen wird.

Am Samstagabend gastiert der Tabellenvorletzte bei den torwütigen Leipzigern. Und Heldt sollte vorab verraten, ob er die Kölner Partien fortan auf der Tribüne oder auf Grasnarbenhöhe neben dem Trainer beäugt. „Ich habe“, berichtete der 49-Jährige daraufhin, „als Manager schon beide Plätze eingenommen, fühle mich aber am Spielfeldrand wohler.“ Zusatzforderung an die eigene Adresse: „Ich muss mich nur selber im Griff haben.“

Dass Heldt ab sofort versucht, sich direkt neben ihm unter Kontrolle zu haben, begrüßte Markus Gisdol aufs Wärmste. Der frühere Chefübungsleiter der Hoffenheimer und Hamburger, die er vor seiner Entlassung jeweils vor dem Abstieg bewahrte, ist schließlich ebenfalls ganz frisch am Geißbockheim. Er wurde am Dienstag parallel zu Heldt als neuer Bank-Vorstand vorgestellt.

Dabei pries der gebürtige Schwabe mit dem gemütlichen Singsang in der Stimme nicht nur die Vorzüge von Heldts Kölner Ortskenntnissen – der frühere Mittelfeldspieler kickte von 1990 bis 1995 für den FC in der Bundesliga. Sondern betonte auch seinen Wunsch nach viel Nähe zum Sportchef: „Wenn Horst gesagt hätte, dass er auf die Tribüne will, hätte ich ihn gebeten, mit runter zu kommen.“ Das hat sich nun erübrigt.

Schließlich bilden die beiden Herren im Kölner Grüngürtel ab sofort eine Art Schicksalsgemeinschaft – in der sie sich nach sieben (Heldt) respektive 22 Monaten auf dem beruflichen Nebengleis (Gisdol) wieder beweisen wollen. „Wer mich kennt, weiß, dass ich abgenommen habe. Ich habe seit April vieles umgestellt in meinem Leben – und jetzt wollte ich wieder arbeiten“, erklärte Heldt, der in Köln vor knapp zwei Jahren schon mal loslegen sollte – damals als Nachfolger von Jörg Schmadtke.

Hannovers Boss Martin Kind ließ den Wechsel des leitenden Angestellten von der Leine an den Rhein damals platzen. Doch Heldt, der vom „Gemeinsamen Ausschluss“, einem der zahlreichen Gremien beim FC, diesmal zunächst abgelehnt worden war, schlüpfte nun flugs ins Büßerhemd und stellte klar: „Dass es 2017 nicht geklappt hat, lag nicht an Martin Kind allein. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen.“

Ein bisschen Demut kann nicht schaden – das dachte sich auch Markus Gisdol, der keineswegs als Topkandidat zu dem Job in Köln kam. Huub Stevens, sein einstiger Chef auf Schalke und späterer Nachfolger in Hoffenheim, erwähnte gerade Gisdols übertriebenen Ehrgeiz und eine gewisse Illoyalität seines damaligen Assistenten in den gemeinsamen S04-Zeiten.

Nur nicht zu bescheiden sein

Und eine von Gisdols Botschaften lautet nun: „Es darf kein ‚Ich‘ sein. Es muss ein ‚Wir‘ sein. Dieses ‚Wir‘ wollen wir auf die Mannschaft übertragen.“ Auf Fortbildungsreisen durch englische Stadien oder durch Gespräche mit Spielanalysten habe er in den letzten zwei Jahren „versucht, ein besserer Trainer zu werden“, erzählte Kölns neuer Chefcoach noch. Doch zu viel Bescheidenheit mochte sich der 50-Jährige dann doch nicht auferlegen. Genau so wenig wie Horst Heldt.

Für die Partie in Leipzig, vor der er auch die Meinung des Mannschaftsrates einholte, will Gisdol in seinem Team vor allem die Defensive stärken. Im Angriff könnte der zuletzt in den Hintergrund gerückte Anthony Modeste, mit dem Gisdol am Ende der gemeinsamen Hoffenheimer Zeit ein eher gespanntes Verhältnis verband, eine neue Chance in der Startformation bekommen.

„Ich muss etwas zusammenmixen, in dem sich die Mannschaft wiederfindet. Vielleicht muss man dabei auch Mut zur Lücke haben, ein bisschen mit dem Feuer spielen“, zwinkert der FC-Trainer den Leipzigern und deren Coach Julian Nagelsmann, in Hoffenheim 2013 mal für neun Partien Gisdols Assistent, frech zu. Und auch der neue Sportchef der Kölner lässt unter seinem Büßergewand schon mal die Muskeln spielen. „Wir haben nicht viel Zeit, aber wir müssen uns auch nicht neu erfinden“, betont Heldt und bläst die Wangen auf: „Erfahrung ist sehr hilfreich – um gleich in die Vollen zu gehen.“

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