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Kontrastprogramm: Virgil van Dijk trifft in der Nachspielzeit zum Ausgleich.

Deutschland - Niederlande

Murren in der Straßenbahn

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Das 2:2 gegen die Niederlande passt für die deutsche Nationalmannschaft irgendwie zum verkorksten Länderspieljahr 2018.

Mit seiner schwarzen Weste und der blau-weiß gestreiften Strickmütze war Toni Kroos hinterher genauso winterfest gekleidet wie die meisten Besucher, die sich aus der Arena auf Schalke auf den Heimweg machten. Nur werden deutsche Nationalspieler mit Polizeieskorte im Mannschaftsbus zum Hotel gefahren, während die gemeine Kundschaft entweder bei der Abreise mit dem Auto im Stau steht oder sich in die Straßenbahn zwängt.

Den Ton des Fußballvolkes traf Taktgeber Kroos trotzdem. „Wir hätten das Erfolgserlebnis ein Stück weit gebraucht. Das ist ärgerlich, sehr ärgerlich“, sagte der Champions-League-Dauergewinner von Real Madrid. „Wenn es in der 85. Minute 2:0 steht, muss es reichen. Diese zwei Aktionen passen hervorragend zu diesem Jahr. Am Ende stehen wir wieder da.“ Ziemlich nackt nämlich.

Die später mit der Linie 302 Richtung Hauptbahnhof fahrenden Anhängern debattierten leidenschaftlich über den vorzeitigen Spielabbruch der DFB-Auswahl bei diesem eigenartigen 2:2 gegen die Niederlande. Wenn schon eine 80-minütige Überlegenheit und eine 2:0-Führung nicht zum positiven Jahresabschluss reichen, verblassen die vielen ansehnlichen Ansätze. Und so hingen neben dem Geruch von Bier und Bratwurst zwischen Haltestellen wie „Ernst-Kuzorra-Platz“ und „Schalker Meile“ auch die Gefühle von Enttäuschung und Ernüchterung in der Luft.

Zwei Unentschieden und zwei Niederlagen bedeuten in der Nations League die Strafversetzung in die B-Kategorie. „Wir kommen wieder, keine Frage“, prangte auf dem Transparent des hauseigenen DFB-Fanklubs, aber in zwei Jahren muss sich die Nationalmannschaft gegen Israel oder Rumänien, Wales oder Serbien aufraffen. Das macht es fast unmöglich, die größeren Stadien zu befüllen, was nicht mal im „ewigen Klassiker“ (DFB-Stadionmagazin) auf Schalke gelungen war, wo Tausende der königsblauen Sitze leer blieben.

Und La Ola der zweiten Halbzeit stand bei Abpfiff ein fluchtartiger Aufbruch gegenüber. Den schalen Beigeschmack schien Bundestrainer Joachim Löw zunächst gar nicht mitbekommen zu haben. „Ich glaube nicht, dass so viele Zuschauer enttäuscht nach Hause gegangen sind. Ich habe andere Reaktionen vernommen.“ Er hatte „viel mehr Positives als Negatives gesehen“.

Tatsächlich war das Publikum am Anfang sehr dankbar für die Wiedergutmachung mit hohem Tempo und Toren von Timo Werner (9.) und Leroy Sané (19.), aber am Ende zählt eben auch das Ergebnis. „80 Minuten waren wir klar besser, hatten überhaupt keine Probleme: In den letzten fünf Minuten waren wir ein wenig wacklig“, stellte Löw fest. Man habe den Preis des Umbruchs gezahlt. „Eine junge Mannschaft braucht manchmal eine solche Erfahrung, um es in Zukunft besser zu machen.“

Eine Argumentationskette, die vor allem den Trainer selbst stützte: Seht her, wenn all diese Überflieger und Himmelsstürmer mitmachen, dann bleibt das nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. Dabei trug der 58-Jährige seinen Anteil am späten Systemversagen. Bondscoach Ronald Koeman wunderte sich, dass ihm sein Gegenüber mit der kompletten Auswechslung der anfangs wieder prächtig harmonierenden Sturmreihe geholfen hatte.

„Das ist eine gute Frage für Herrn Löw“, sagte Koeman, doch der Kollege fühlte sich nicht wirklich schuldig. Serge Gnabry sei am Limit gewesen, der Muskel habe ein „bisschen zugemacht“. Und die Torschützen Werner und Sané? Beide seien weite Wege gegangen, „sie waren ein bisschen müde.“

 „Spiegelbild des ganzen Jahres“

Dummerweise sorgten weder Marco Reus noch der Jubilar Thomas Müller (siehe Artikel rechts) und erst recht nicht Leon Goretzka für Stabilität. Der Revierjunge Goretzka, der bislang weder beim FC Bayern noch im Nationalteam den Sprung zum Leistungsträger geschafft hat, leistete sich an alter Wirkungsstätte einen überflüssigen Ballverlust, der den Oranjes den Weg zum unverhofften Happy End durch Quincy Promes (85.) und Kapitän Virgil van Dijk (90.) ebenso bereitete wie eine unglückliche Kopfballverlängerung von Joshua Kimmich. Letztlich fehlten Widerstandskraft, aber auch Wettkampfqualität. Es reicht nicht, wenn diese Mannschaft „einen Gegner in Bedrängnis bringen kann“, so Löw, sondern sie muss ihn auch auf die Bretter zwingen, wenn es in Pflichtspielen um Punkte geht. Mit nur vier Siegen, drei Unentschieden und sechs Niederlagen bei nur 14 geschossenen Toren geht ein historisch schlechtes Jahr 2018 zu Ende.

Für Werner war der letzte Auftritt ein „Spiegelbild des ganzen Jahres“. Nur Löw wäre nicht Löw, wenn der lässige Genießer aus Südbaden nicht schon längst die nächsten Sonnenstrahlen ausgemacht hätte. Er gehe nach den Spielen gegen Russland und die Niederlande mit einem guten Gefühl in die Winterpause. „Weil ich schon gesehen habe, dass wir viel Potenzial haben.“ Das mache ihm Mut für nächstes Jahr. „Mein Gefühl ist einfach, dass wir wieder auf einem sehr guten Weg sind.“ Was  2019 auf Strecke einer ganzjährig ausgespielten EM-Qualifikation allerdings erst noch zu beweisen ist.

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