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Da greifst du dir doch an den Kopf: Selbst Manuel Neuer ist nur noch ein "normaler" Torwart.

Krise im Nationalteam

Wie morsche Holzpfähle

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Der Bayern-Block mit Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller ist der Nationalmannschaft gerade gar keine Hilfe ? einer erregt sogar Mitleid.

Uli Voigt weitet seine Funktion als Mediendirektor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gerne auch mal aus. Bei der WM in Russland spielte der Wahl-Rheinländer eine unrühmliche Rolle, als der ehemalige RTL-Fußballchef sich beim Last-Minute-Sieg gegen Schweden wenig gentlemanlike aufführte. Dafür setzte es vom Weltverband Fifa eine Geldstrafe. Drei Tage vor seinem 66. Geburtstag hat sich Voigt für die Nationalmannschaft mal wieder nützlich gemacht, als er in der Amsterdamer Arena den Geleitschutz gab. Und mit Jerome Boateng einen der Hauptangeklagten der 0:3-Demütigung gegen die Niederlande eng an den orange getünchten Werbewänden zum Bus führte, damit dieser jedem Verhör entging. 

Eine Erklärung vom schwächsten deutschen Feldspieler wäre allemal interessant gewesen. Kam aber nicht zustande. Dafür erläuterte Joachim Löw etwas nebulös, warum er den gedanklich wie körperlich zu langsamen Abwehrspieler nicht schon zur Halbzeit von der Überforderung mit einer Auswechslung erlöste. Der Bundestrainer: „Es gab zur Pause noch keinen Grund, alles aufzulösen. Wir wollten die Wechsel vorne machen.“ Was allerdings zur Folge hatte, dass der Koloss am Schluss, allerdings muskulär angeschlagen, wie ein Ritter in einer viel zu schweren Rüstung seinen Gegnern hinterhechelte. Solche Szenen erregten beinahe Mitleid und wirkten grotesker als manch ein Fehlpass des 30-Jährigen. 

„Wie Vollamateure“

Der in Berlin sozialisierte Boateng hat unbestritten große Verdienste für den deutschen Fußball, gerade was die Integrationsarbeit angeht, und er wäre gerne zwischenzeitlich als erster dunkelhäutiger Spieler auch Nationalmannschaftskapitän geworden, aber die Wahrheit ist aktuell: In dieser Verfassung ist der Mann keine Hilfe. Sollte irgendein Verantwortlicher von Paris St. Germain zugeschaut haben – was ja sein kann, weil die deutsche Mannschaft am Dienstag beim Weltmeister Frankreich antritt – dann sind sie vermutlich heilfroh, dass sie sommers den beabsichtigten Transfer des einst weltbesten Innenverteidigers nicht hinbekommen haben. Dieser Profi des FC Bayern steckt seit Wochen im Leistungsloch.

Die deutsche Sicherungszentrale scheint ohnehin auf solch einem tückischen Untergrund errichtet wie die alten Handelshäuser der niederländischen Hauptstadt, von denen viele entlang der Grachten in gewaltige Schieflage geraten sind. Ihren Eigentümer kostet die Stabilisierung mit dem Einsetzen von Betonpfählen ein Vermögen. Auch Löw wäre gut beraten, sich von morsch wirkenden Stützen irgendwann mal zu trennen. Der Zahn der Zeit nagt nämlich auch an den Prominentesten: Manuel Neuer ist nicht mehr der beste Torwart der Welt, nur noch ein „normaler“. Der 32-Jährige fügte der irritierenden Flatter im Verein noch einen folgenschweren Fehler in der Nationalmannschaft bei: Sein zögerliches Herauslaufen war ursächlich für das 0:1 durch Virgil van Dijk (30.). Er hatte sich hinterher lediglich „eine Mitschuld“ geben wollen, es sei „eine Torschussflanke“ gewesen, „dann auch wieder zwei Kopfballduelle“. Selbstkritik hört sich anders an.

Es ist dann kein Wunder, dass die Verunsicherung den Klassensprecher ergreift: Mats Hummels sah bei jenem Gegentor auch nicht gut aus, und die Klasse des 29-jährigen Zentralverteidigers verpufft, wenn die Gegner um seine Wichtigkeit in der Spieleröffnung wissen. Was nicht zu erahnen war: Wie wütend sich Hummels später in der Mixed Zone nicht über das kollektive Versagen der Mannschaft, sondern die aus seiner Sicht ungerechte Bewertung gebärdete. „Es wird ja momentan auf alle und jeden draufgeschossen, es ist respektlos! Wir werden teilweise behandelt wie Vollamateure. Aber damit müssen wir leben.“ Aus seiner Sicht habe man immer noch „eine wirklich gute Mannschaft, das Große und Ganze, die Spielanlage ist wahrlich nicht schlecht.“ 

Doch eingedenk eines Ausscheides in der Vorrunde der Weltmeisterschaft und eines drohenden Abstiegs aus der A-Gruppe der Nations League muss das gesamte Personal auf den Prüfstand. Dazu gehört zwingend Thomas Müller, der zur Symbolfigur des verloren gegangenen Selbstverständnisses geworden ist. Seine Chance in der ersten Halbzeit, befand Löw, hätte er „normal in der Vergangenheit immer genutzt.“ Nun aber flog der Ball ans Außennetz. Müllers Selbstvertrauen ist angeknackst. Auch der 29-Jährige, seit Monaten in einer Schaffenskrise, flüchtete übrigens kommentarlos vom Ort der Schmach.

Zu viele Ausflüchte

Immerhin gab Leidenskollege Hummels noch zu, dass die Ursache der Misere „eine Mischung aus vielem“ sei. Und: „Wir haben ein ähnliches Problem wie im Verein.“ Dass die bayrische Sinnkrise direkt ins Nationalteam geschwappt ist, bestätigte Joshua Kimmich, der als mit Abstand bester Münchner Mitstreiter sagte: „Das war ein bisschen ein Spiegelbild unserer Spiele bei Bayern.“ Ansonsten auffällig, dass die bayrische Fraktion nicht zu tief den Finger in die Wunde legen wollten. Und dabei ist leider Kapitän Neuer einer, der viel zu häufig Ausflüchte statt Erklärungen anbietet. Sein Statement nach dem Nackenschlag gegen die Niederlande ging so: „Im Training haben wir gesehen, dass jeder Spieler gute Leistungen gebracht hat. Wenn wir verlieren, spricht natürlich wieder jeder negativ. Dass das anders hätte laufen könne, hat jeder gesehen.“ Zumindest derjenige, der eine schwarz-rot-goldene Brille mit rosa Rand trug.

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