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Austria's forward Marko Arnautovic (L) is comforted by Hungary's goalkeeper Gabor Kiraly at the end of the Euro 2016 group F football match between Hungary and Austria at the Matmut Atlantique stadium in Bordeaux on June 14, 2016. / AFP PHOTO / TOBIAS SCHWARZ

Marko Arnautovic

Der Möchtegern-Ronaldo

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Marko Arnautovic will bei dieser EM sein schnöseliges Image endgültig abstreifen – gegen Portugal hat der Außenstürmer dazu eine gute Gelegenheit.

Nein, sein Mund wird sich kaum bewegen. Marko Arnautovic gehört nämlich im Nationalteam Österreichs zu denjenigen, die die Bundeshymne vielleicht still vor sich hinsummen, aber nicht mitsingen. „Volk begnadet für das Schöne, vielgerühmtes Österreich“ – diese Passagen gibt zum zweiten EM-Gruppenspiel Österreichs gegen Portugal (Samstag 21 Uhr/ARD) die altbekannte Garde um Julian Baumgartlinger, Christian Fuchs oder Sebastian Prödl zum Besten.

Auch in der Alpenrepublik wird immer wieder leidenschaftlich debattiert, warum die Spieler mit Migrationshintergrund – der in Wien geborene Arnautovic hat einen serbischen Vater – in den Chor nicht einstimmen, aber im Moment bestehen wirklich andere Sorgen. Soll Cristiano Ronaldo doch voller Pathos seine Hymne herausschreien, wenn später Arnautovic ein feines Tor beisteuert, ist das nach der peinlichen Pleite gegen Ungarn (0:2) allemal wichtiger. Zum EM-Auftakt war da nämlich nur ein Möchtegern-Ronaldo unterwegs.

Ungeachtet dessen, dass Werbewert und Bekanntheit, Klasse und Torquote unweigerlich für das Original sprechen: Der Quervergleich ist vor dieser Partie im Pariser Prinzenpark unvermeidlich. Beide tragen die Nummer sieben, beide kommen über die linke Außenbahn – und beide pflegen den Hang zur Extravaganz.

Bei „Arnie“, wie ihn die Heimat nennt, markieren ein ulkiger Zopf oder verschiedenfarbige Schuhe die Eigenwilligkeit. Und manche Pose verrät: Noch immer pflegt diese Figur eine gewisse Schnöseligkeit. Speziell dieses Image aber möchte Arnautovic eigentlich mit der Europameisterschaft abstreifen – dazu hat der Außenstürmer eine gute, aber vielleicht schon vorletzte Gelegenheit.

„Wir haben noch zwei Spiele, und es ist alles noch offen. Ob da jetzt Portugal kommt oder ob es Island ist, darf keine Rolle spielen“, hat Teamchef Marcel Koller angemahnt und dazu angefügt: „Die Spieler müssen schauen, dass sie ihre Leistung individuell bringen und dass wir als Team eine kompakte Einheit bilden.“

Beides ist nämlich seinem besten Offensivspieler vergangenen Dienstag ganz und gar nicht gelungen. Bezeichnend, wie Arnautovic erst wunderschön mit der Ferse dem jetzt verletzten Zlatko Junuzovic (Außenbandteilanriss) den Ball in den Lauf legte, um dann ins Nirgendwo zu passen. Nie knüpfte der 53-fache Nationalspieler an seine formvollendeten Vorstellungen in der Qualifikation an.

Im Grunde erlitt der 27-Jährige einen Rückfall in überwunden geglaubte Bundesligazeiten, als das „größte Talent des österreichischen Fußballs“ (Andreas Herzog) beim SV Werder drei Spielzeiten lang mehr Wahnsinn als Genie darstellte. In Bremen waren sie nach zahllosen Eskapaden froh, ihr millionenteures Missverständnis im Spätsommer 2013 für einen Spottpreis an Stoke City abzustoßen.

Doch seit seinem Wechsel auf die Insel hat der einst Unbelehrbare eine Menge richtig und ziemlich wenig falsch gemacht. Beim Tabellenneunten trumpfte der österreichische Nationalspieler vergangene Saison so stark auf (34 Einsätze/elf Tore), dass es sich sein Bruder und Berater Danijel leisten kann, Stoke-Vereinschef Tony Scholes trotz eines bis 2017 laufenden Vertrags zappeln zu lassen. Eine Ausstiegsklausel ist bei 16 Millionen Euro klar definiert. „Ich kann nichts ausschließen. Aber ich will in England bleiben“, sagte Arnautovic zuletzt zu den Gerüchten, Everton oder sogar Chelsea kämen als neue Arbeitgeber infrage.

Die Wertsteigerung hat der 1,92-Meter-Mann selbst bewirkt. Weil er irgendwann zur Einsicht gelangt ist, dass es so nicht weitergehen kann. Auch beim österreichischen Nationalteam drohte ja nicht nur einmal der Rauswurf. Unrühmlicher Höhepunkt, wie er einen Wiener Polizisten mit den Worten beleidigte: „Ich verdiene so viel, ich kann dein Leben kaufen.“ ÖFB-Präsident Leo Windtner plädierte für die sofortige Suspendierung des Sorgenkinds. Koller gab ihm damals eine letzte Chance – und schaffte es, Arnautovic wieder in die Spur zu setzen.

„Es war wichtig für mich, ihn als Menschen kennenzulernen. Ich habe nicht auf die Stimmen gehört, was vorher passiert ist“, erklärte der Schweizer erst kürzlich. „Wir haben ein bisschen Geduld gebraucht, aber er hat jetzt Familie und Verantwortung, und die übernimmt er auch auf dem Platz.“ Arnautovic selbst erläutert, dass ihn die Rolle als Vater zweier Töchter verändert habe. „Man bekommt eine andere Sicht auf das Leben, wenn man Kinder hat. Man kann sich das nicht mehr leisten.“

Der Geläuterte stieg sogar zum Aushängeschild auf: Eine Elektronikmarktkette spannte ihn für eine EM-Kampagne als Werbefigur ein. Und vor einer Woche durfte Arnautovic zusammen mit David Alaba aufs Pressepodium im ÖFB-Medienzentrum. In Mallemort kam eine überaus launige Runde zustande, in der über Musik, Tattoos und Frisuren geplaudert wurde.

Aber natürlich ging es auch um Fußball, und Arnautovic beteuerte: „Wir sind auf einer herausragenden Bühne. Champions League, Europameisterschaft, Weltmeisterschaft. Das ist es. Die Welt schaut auf dich, schaut auf uns. Deshalb wollen wir hier viel erreichen.“ Jetzt müssen solchen Worten noch Taten folgen. Nicht beim Singen, sondern beim Spielen.

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