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Mittelfeldstar Sara Däbritz: die Fleißige

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Von: Frank Hellmann

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Immer im Dienst des Teams unterwegs: Sara Däbritz beackert das deutsche Mittelfeld.
Immer im Dienst des Teams unterwegs: Sara Däbritz beackert das deutsche Mittelfeld. © afp

Sara Däbritz hat sich in den letzten Jahren zu einer Achsenspielerin entwickelt, die sich ganz in den Dienst der deutschen Mannschaft stellt.

Es sind nur wenige Themen, zu denen eine deutsche Nationalspielerin wenig bis nichts sagen möchte. Bei denen auch sie plötzlich kurz angebunden ist. Bei Sara Däbritz war das bis vor kurzem die Frage nach einer Begegnung mit Lionel Messi oder Neymar. Es gab bei Paris St. Germain nämlich keinerlei Berührungspunkte für sie. Und deshalb hatte die 27-Jährige auch keine Lust, darüber zu reden. Insofern gut, dass man sie vor dem EM-Halbfinale Deutschland gegen Frankreich (Mittwoch 21 Uhr/ZDF) nicht mehr darauf angesprochen hat. Zumal das Kapitel PSG bei ihr abgeschlossen ist: Sie steht seit dem 1. Juli bei Olympique Lyon unter Vertrag.

Mitten im Sommer der Frauen-EM 2022 wechselt sie zwischen den beiden französischen Topklubs (ablösefrei) die Seiten. „Für mich ist das der richtige Ort, um den nächsten Schritt zu gehen – ich kenne die Liga, die Sprache und die Fußball-Kultur“, hatte sie schon im Trainingslager in Herzogenaurach gesagt. Nun schob sie in London am Sonntag nach, was sie an ihrer Wahlheimat außerhalb des Fußballs schätzt: „Mir gefällt dort die Gemütlichkeit und kulinarisch ist es dort auch sehr gut.“ Sportlich gibt es sowieso keine bessere Adresse als ihren künftigen Arbeitgeber.

Große Bühne in Lyon

Lyon ist mit seinen acht gewonnenen Champions-League-Titeln, zuletzt eindrucksvoll im Finale gegen den FC Barcelona (3:1) siegreich, der erfolgreichste Klub der Welt. Olympique-Eigentümer Jean-Michel Aulas hat vielleicht als einer der ersten Klubbosse einer renommierten Männer-Marke das große Potenzial des Frauenfußballs erkannt. Es kann bestimmt nicht schaden, dass die nächste prominente deutsche Neuerwerbung – 2016 kam bereits die derzeit verletzte Dzsenifer Marozsan (Kreuzbandriss) – auf der großen Bühne ihre Vorzüge zeigt. In England beeindruckt sie als fleißige Arbeiterin, die aus gewonnenen Zweikämpfen, geraubten Bällen und zugestellten Passwegen viel mehr Befriedigung schöpft als früher. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg schätzt ihre „Energie und Physis“; aber gegen Dänemark und Finnland glänzte ihre „Achsenspielerin“ auch mit Passquoten um die 90 Prozent und vielen Schlüsselpässen. Was im Viertelfinale gegen Österreich auffiel: Da hatte die Mittelfeldspielerin in Brentford plötzlich nur 30 Ballkontakte. Verdammt wenig für ihre Qualitäten. Da geht im Halbfinale in Milton Keynes wieder mehr.

Sie gibt ein unverzichtbares Scharnier im deutschen Gefüge. Aber aus der Dirigentin ist eine Dienerin geworden. Das will für eine Hochbegabte viel heißen, die als 18-Jährige schon mit dem EM-Titel dekoriert wurde, als der damaligen Bundestrainerin Silvia Neid 2013 vor dem Turnier reihenweise die Stammkräfte wegbrachen. Aber die 90-fache Nationalspielerin erweckt nicht den Eindruck, als würde sie der Rollentausch stören. Im Gegenteil: Sie hat die Kampfeslust gepackt, wenn sie an die Adresse die Französinnen die Botschaft richtet, dass sie sich auf eine hochmotivierte deutsche Mannschaft einstellen sollen, denn: „Wir werden super vorbereitet sein und 1000 Prozent geben.“

Niemand hat ein solches Insiderwissen über die Stärken und Schwächen des Gegners wie die deutsche Nummer 13, die vor drei Jahren nach der WM in Frankreich ihre Wohlfühlzone beim FC Bayern aufgab. Klar, dass sie sich mit Voss-Tecklenburg „ein bisschen ausgetauscht und über die Spielerinnen unterhalten hat“, wie sie sagte. Sie lobte auch deren Stärken im Umschaltverhalten „mit vielen schnellen Spielerinnen“.

Die mentale Schwäche eines Nationalteams, das gemessen am Talent im letzten Jahrzehnt mindestens einmal im Finale hätte stehen müssen, erwähnte die bodenständige Oberpfälzerin nicht. Aber natürlich erinnerte sie sich gut an das WM-Viertelfinale 2015, als die DFB-Frauen mit 5:4 im Elfmeterschießen triumphierten – sie wurde damals in der 70. Minute für Alexandra Popp auf den Kunstrasen von Montreal geschickt. „Für uns war das ein cooles Erlebnis“, sagte Däbritz. Für einige ihrer künftigen Mitspielerinnen war es eine traumatische Erfahrung, die sie nie ganz abschüttelten. Sie versteht nach drei Jahren an der Seine inzwischen das Meiste, aber in der Kabine, wenn oft mit Dialekt gesprochen wird, eben auch noch nicht alles. Was sie aber weiß: Über welche Männer-Stars auch die PSG-Frauen nie geredet haben, wenn sie nicht drauf angesprochen wurden.

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