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DFB-Team vor der Nations League: „Mit Wut im Bauch“

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Von: Jan Christian Müller

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Noch mal gutgegangen: Jamal Musiala wird versorgt, Hansi Flick kann sich dem Training widmen.
Noch mal gutgegangen: Jamal Musiala wird versorgt, Hansi Flick kann sich dem Training widmen. © dpa

Die deutsche Nationalmannschaft soll gegen Ungarn und England gewinnen, um sich für die WM in Katar und die EM im eigenen Land Rückenwind abzuholen.

Frankfurt – Es ist durchaus unüblich, dass ein leibhaftiger deutscher Fußball-Bundestrainer sich vor dem Training höchstpersönlich aufmacht zur Medientribüne, um den dort im Herbstwind ausharrenden Reportern zu erläutern, dass sie an diesem ganz besonderen Tag nicht nach einer Viertelstunde weggeschickt werden, sondern der Übungseinheit der Nationalmannschaft bis zum Schluss beiwohnen dürfen. Hansi Flicks Erlaubnis war der Tatsache geschuldet, dass aus gegebenem Anlass sämtliche der rund 500 Angestellten des Deutschen Fußball-Bundes eingeladen worden waren, dem ersten Training einer deutschen Männer-Nationalmannschaft auf dem Gelände des neuen Campus beizuwohnen. Da durften die Journalisten fairerweise natürlich nicht schlechter gestellt werden.

Oliver Bierhoff, der Vater des 150-Millionen-Euro-Projekts auf der alten Frankfurter Galopprennbahn, hockte derweil in einem Meeting – mit Fensterfront zum bestens präparierten Trainingsplatz. Dafür gibt es ja jetzt einen eigenen DFB-Greenkeeper, der seinen Job augenscheinlich versteht. Genauso hat es sich der Manager Bierhoff vorgestellt: zufriedene Spieler (Joshua Kimmich: „Der Rasen ist sehr, sehr gut“), zufriedene Mitarbeiter, die zur Feier des Tages sogar mit Currywurst und Pommes beschenkt wurden, und am Ende des Tages nur ein paar zahm grantelnde Journalisten: Es gibt zu wenige Steckdosen im neuen Presseraum.

Kimmich über die schwächelnden Bayern: „Man ärgert sich schon brutal“

Auf dem Geviert war es zuvor zur dualen Vorbereitung auf zwei Spiele der Nations League und die alsbald stattfindende WM in Katar ganz schön zünftig zugegangen. Jamal Musiala musste nach gewonnenem Zweikampf und anschließender Kollision mit Thomas Müller mit einem Verband um die Wade vorzeitig in die Großraumkabine schlurfen, gab aber bald Entwarnung: nichts Schlimmes passiert.

Musiala und Müller gehören gemeinsam mit Kimmich, Leon Goretzka, Manuel Neuer, Serge Gnabry und Leroy Sané zur ein wenig zerzaust aus München angereisten Reisegruppe. Es läuft bei den Bayern ja gerade nicht ganz rund. „Man ärgert sich schon brutal“, beschrieb Kimmich nach getaner Trainingsarbeit die magere Ausbeute der vergangenen Bundesligawochen.

Vom zum BVB übergewechselten alten Kumpel Niklas Süle habe es schon entsprechend Häme und Spott gegeben: „Der Niki kommt jetzt rausgekrochen.“ Kimmich sucht gerade nach Wegen, das mit Humor zu nehmen. Aber es fällt ihm als bekanntermaßen Getriebenem schwer.

DFB-Team in der Nations League – Flick peilt Gruppensieg an

Bierhoff spürt „bei dem einen oder anderen“ gar „Wut im Bauch“ und meint damit auch die verkorksten Turniere 2018 und 2021. Sollte diese Wut bei den Spielen am Freitag in Leipzig gegen Ungarn (20.45 Uhr/ZDF) und Montag in London gegen England (20.45 Uhr/RTL) sorgsam kanalisiert werden, wäre das Hansi Flick nur allzu recht. Der Chefcoach möchte nämlich aus der nicht ganz unkomplizierten Gruppe mit dem derzeitigen Tabellenführer Ungarn, England und Italien als Sieger hervorgehen. Das wäre „ein Statement“, erläutert Bierhoff und sieht dabei hoffnungsfroh aus. Dem DFB-Team würde dieses Statement ein Final-Four-Turnier im Juni 2023 gegen große Gegner bescheren, was deshalb hilfreich wäre, weil die Mannschaft nach der WM in Katar keine weiteren Pflichtspiele mehr im Programm hat. Sie ist nämlich als Gastgeber automatisch für die EM 2024 qualifiziert.

Und natürlich auch für die allgemeine Grundstimmung im Vorlauf des umstrittenen Turniers im Wüstenemirat (20. November bis 18. Dezember) wären zwei Siege eine schöne Sache. „Man kann viel erzählen“, sagt Flick und spricht dabei den Bayern-Profis aus dem Herzen, „wenn die Ergebnisse nicht stimmen, sinkt irgendwann die Überzeugung. Deshalb macht ein 2:1 im Vergleich zu einem 1:1 einen großen Unterschied.“

Flick weiß, wovon er spricht: Nach vier 1:1-Remis gegen die Niederlande, Italien, England und Ungarn in Folge war im Sommer schon leises Murren zu vernehmen gewesen. Nicht so laut wie derzeit in München natürlich, wo der allgemeine Aggregatzustand aller Beteiligten immer noch ein bisschen aufgeregter erscheint,

DFB-Team – ein echter Knipser fehlt

Flick wirkt seit Übernahme des Bundestraineramtes und mittlerweile 13 Spielen ohne Niederlage ohnehin ja meistens so, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Der 57-Jährige macht sich ob der aktuellen Bayern-Malaise und einer lediglich einwöchigen Vorbereitungszeit Mitte November auf die Weltmeisterschaft „keine Sorgen“, auch deshalb, weil die meisten seiner Auserwählten aus Topvereinen kommen, „in denen ein ähnlicher Fußball gespielt wird wie bei uns“.

Der Bundestrainer erinnert im „SZ“-Interview an den WM-Titel 2014: „Da war Peps Fußball bei Bayern auch nah dran an dem, was wir bei der Nationalmannschaft wollten. Und was Julian Nagelsmann jetzt bei den Bayern macht, ähnelt unseren Ideen ja auch. Das erleichtert einiges.“ Auch Kimmich verweist ausdrücklich auf „ähnliche Prinzipien“ bei den Bayern und im Nationalteam.

Das klingt erst einmal verlockend, birgt aber die latente Gefahr des sogenannten Chancenwuchers. Denn sowohl im Klub als auch im Land fehlt ein echter Knipser. Kimmich ärgerte sich nach der Morgeneinheit nicht von ungefähr: „Das Trainingsspiel war wieder sinnbildlich: Wir hatten eine Vielzahl von Chancen und haben am Ende verloren.“ Timo Werner rannte zwar ein paarmal mit Ball am Fuß aufs Tor zu, konnte aber regelmäßig noch gestoppt werden. In Flicks WM-Masterplan ist der beim FC Chelsea gescheiterte Leipziger die zentrale Figur im deutschen Angriff, sollte dann aber den Torriecher besser wieder angeschaltet haben. Auf der Zugfahrt am Donnerstag in Werners alte und neue Heimat bleibt ausreichend Zeit für Gespräche. (Jan Christian Müller)

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