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Mit Leuchten in den Augen und Lächeln auf den Lippen

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Von: Frank Hellmann

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Verschworene Einheit: Costa Ricas Fußballnationalmannschaft.
Verschworene Einheit: Costa Ricas Fußballnationalmannschaft. © afp

Der krasse Außenseiter gibt sich entspannt vor dem Gruppenfinale gegen Deutschland. Zu verlieren haben die Mittelamerikaner um Legende Bryan Ruiz rein gar nichts.

Eine Portion Pragmatismus muss mitbringen, wer sich auf einen schlichten Plastikhocker in der prallen Sonne setzt. Luis Fernando Suárez, geboren in Medellín, Kolumbien, jetzt der Nationaltrainer von Costa Rica, scheint noch immer die Momente zu genießen, wenn er seiner Mannschaft am Rande des Trainingsplatzes im Al-Ahli-Stadion mit zwei Minaretten im Hintergrund ungestört zuschaut. Auch die sportliche Perspektive hat gewissen Reiz: Costa Rica kann im dritten Gruppenspiel gegen Deutschland (20 Uhr/ARD) im Stadion Al Bayt den Spielverderber für den vierfachen Weltmeister spielen. Ein Remis würde das Achtelfinale bedeuten, wenn Spanien im Parallelspiel Japan schlägt. Allein diese verlockende Aussicht bereitet einer Delegation, die sich dem Slogan „La Pura Vida“ verschrieben hat, die pure Freude.

Seit Suarez im Juni 2021 seinen Job antrat, forderte er von seinen Spielern ein, das harmoniebedürftige Naturell ein bisschen beiseite zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt war die WM-Qualifikation fast schon eine Fata Morgana, die später mit Ach und Krach gewonnen Playoff-Partie gegen Neuseeland (1:0) weit weg. Vor jenem Entscheidungsspiel am 14. Juni in Doha klebte der Coach einen von seinem Enkel bemalten Zettel zu Hause an die Kühlschranktür, auf dem schon die WM-Gegner standen. Weil er sehr viel Wasser trinke, habe er oft draufgeschaut. Das Papier war sein Wegweiser.

Der Costa Ricaner, findet der 62-Jährige, sei generell zurückhaltend und skeptisch, was im Fußball mitunter dem Fortschritt im Wege stehe. Tatsächlich hatte die Friedfertigkeit schon der Schweizer Scout Urs Siegenthaler als Schwäche identifiziert, als er zum WM-Eröffnungsspiel 2006 vor deutschen Nationalspielern wie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger einen Vortrag über die Wesenszüge beim Gegner hielt. Deutschland siegte danach beschwingt 4:2 gegen Costa Rica. Alle hatten irgendwie Spaß.

Legende Ruiz auf der Bank

Suarez war damals der Verantwortliche bei Ecuador; und bereits vor dem letzten Gruppenspiel gegen den Gastgeber (0:3) fürs Achtelfinale qualifiziert. Er weiß bis heute nicht, ob es richtig war, damals so viele Reservisten aufs Feld zu schicken, aber dieser Versuchung wird er jetzt nicht erliegen. Vermutlich würde ein neuer Nationalfeiertag für die etwas mehr als fünf Millionen Menschen starke Bevölkerung an der Landenge zwischen Nord- und Südamerika ausgerufen, wenn der zum insgesamt sechsten Mal und dritten Mal nacheinander für eine WM qualifizierte Außenseiter weiterkommen würde.

Für die Sensation müssen die „Ticos“ über natürliche Grenzen gehen, sagt Bryan Ruiz, ein edler Techniker, den in seiner Zeit bei Twente Enschede mal Werder Bremen unbedingt verpflichten wollte, der Transfer kam damals nicht zustande. Seine Klasse zeigte der Schöngeist dann bei der WM 2014 in Brasilien, wo er als Kapitän einen Legendenstatus erreichte. Erst die sogenannte Todesgruppe mit Uruguay, Italien und England überlebt, dann Griechenland niedergerungen – und beinahe auch die Niederlande, wenn nicht Louis van Gaal noch den Elfmetertöter Tim Krul eingewechselt hätte, an dem auch Ruiz vom Punkt scheiterte. Er ist mittlerweile 37 Jahre alt – und anders als Keeper Keylor Navas (35), Stratege Celso Borges (34) oder Stürmer Joel Campbell (30) kein Stammspieler mehr, aber er erklärt, was der neuen Generation im Vergleich zu den alten Helden fehlt: „Wir müssen uns mehr Chancen erarbeiten.“

So unterschiedlich die Spiele gegen Spanien (0:7) und Japan (1:0) verliefen: die Angriffsbemühungen wirkten eher einfältig. Suarez kennt das Problem: „Costa Rica hat in den vergangenen Jahren weder viele Tore geschossen noch viele kassiert.“ Ihr Vorteil im Wüstenzelt von Al-Chaur ist, dass sie keinen Druck haben, was im Teamcamp zu spüren war. Trainingseinheiten werden hier nicht nach 15 Minuten geschlossen, sondern ungefähr nach einer halben Stunde. Es kommt auf die eine Minute mehr oder weniger nicht an, weil die Uhr in der zu einem provisorischen Pressezentrum umfunktionierten Turnhalle ohnehin falsch geht. Wenn Talente wie der für den FC Sunderland spielende Außenstürmer Jewison Bennette (18) und der bei Nottingham Forest unter Vertrag stehende Brandon Aguilera (19) reden, haben sie ein Leuchten in den Augen und ein Lächeln auf den Lippen.

WM 2026 quasi um die Ecke

Ihre beste Zeit kommt wohl erst noch. Etwa bei der Mammut-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko – für Costa Rica ist das ja fast um die Ecke. Dass dieses Turnier noch richtig lange dauert, glauben nicht einmal die Akteure mit den weit mehr als 100 Länderspielen. Routinier Ruiz hat sich für den Tag vor dem WM-Finale bereits was Wichtigeres vorgenommen: Dann kommt Twente Enschede zu seinem Abschiedsspiel mit Deportiva Alajuelense in ein Land, das bei Öko-Touristen wegen seiner Naturschönheiten und Nachhaltigkeit hoch im Kurs steht. Und in dem man sich einfach entspannt irgendwo hinsetzen kann, um alles zu genießen. So wie Luis Fernando Suárez es in Katar auch gerne macht.

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