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Mit Leib und Seele

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Von: Frank Hellmann

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Erst im Tor gelandet, dann im Krankenhaus: Christian Pulisic, der beim Erzielen des Siegtreffers gegen den Iran eine Beckenprellung erlitt.
Erst im Tor gelandet, dann im Krankenhaus: Christian Pulisic, der beim Erzielen des Siegtreffers gegen den Iran eine Beckenprellung erlitt. © afp

Das hochtalentierte US-Team riskiert alles für den Achtelfinaleinzug, auch die eigene Unversehrtheit. Auf die junge Mannschaft wartet nun das Lern- und Lustspiel gegen die Niederlande.

Dass Gregg Berhalter vorangeht, wenn es auch mal ungemütlich wird, hat der US-Amerikaner als Spieler hinlänglich bewiesen. Bei Energie Cottbus und später bei 1860 München haben sie ihn für sein kompromissloses Zweikampfverhalten geschätzt – und Gegenspieler gefürchtet. In seiner zweiten Karriere als Trainer der USA sind gerade diplomatischere Eigenschaften gefragt. In einem kinoähnlichen Saal des Stadions Al Thumama von Doha hat der Coach versucht, das Erreichen des Achtelfinals mit dem 1:0-Zittersieg gegen den Iran so einzuordnen, dass die Heimat den Stolz heraushört, ohne den Gegner zu beleidigen. Während US-Präsident Joe Biden eine Rede im fernen Michigan unterbrach, um voller Pathos mitzujubeln, beließ es Berhalter bei der simplen Botschaft: „We deserved to be here.“ Wir verdienen es, hier zu sein.

„Wir haben eine Menge Energie gesehen, aber auch guten Fußball“, betonte der 49-Jährige. „Das alles mit einem der jüngsten Teams der Geschichte, und wir haben den amerikanischen Spirit gesehen.“ Die US-Gewinnermentalität ist im Basketball, Eishockey oder American Football fest verankert, aber im Fußball standen dafür bislang meist nur die Frauen. Deshalb sind Megan Rapinoe oder Alex Morgan mit zwei gewonnenen Weltmeisterschaften nacheinander auch so populär. Nun können die Männer mächtig aufholen: Die mit Kanada und Mexiko veranstaltete Mammut-WM 2026 soll einen Turbo zünden für den gesamten Soccer-Betrieb in Nordamerika.

Ein Straucheln in der Vorrunde in Katar hätte nicht gepasst, zumal die Vereinigten Staaten von Amerika ein hoffnungsvolles Ensemble in die Wüste geschickt haben: Selbst Irans Nationaltrainer Carlos Queiroz verortete die Offensive der US-Boys auf einer Qualitätsstufe mit den Engländern, zumindest was deren Tempo angeht. „Das sind alles Ferraris – um die aufzuhalten, musst du die Straßen schließen.“ Eine Halbzeit lang gelang das seiner Mannschaft gar nicht, in der Christian Pulisic das Siegtor glückte (38.).

Erst ein Mal im Viertelfinale

Eingeleitet hatte den Spielzug Weston McKennie, ein weiterer ehemaliger Bundesligaspieler. Dass aber sowohl der Ex-Schalker als auch der Ex-Dortmunder Pulisic – nach seinem Zusammenprall mit dem iranischen Torhüter Ali Beiranvard – raus mussten, sorgte zunächst für besorgte Gesichter. Doch am Tag danach kam Entwarnung: Der vorsorglich ins Krankenhaus gebrachte Pulisic hat nur eine Beckenprellung erlitten. Schmerzhaft gewiss, aber kein Grund, das Achtelfinale gegen die Niederlande (Samstag, 18 Uhr) zu verpassen. „Ich bin so unfassbar stolz auf die Jungs. Und keine Sorge – am Samstag bin ich wieder bereit“, teilte der Profi vom FC Chelsea auf Instagram mit. Seine Mitspieler hatten sich per Videocall bereits im Krankenhaus beim 24-Jährigen gemeldet. Später wurde im Hotel gemeinsam gefeiert.

„Wir sind dankbar, dass er seinen Körper aufs Spiel gesetzt hat. Wir lieben ihn“, versicherte Timothy Weah, der ein besonders prominentes Mitglied der Rasselbande ist. Als Spross des liberianischen Fußballidols und Staatpräsidenten George Weah wurde ihm auffällig viel Talent in die Wiege gelegt. Wie so manch anderer wirkt der bei OSC Lille in Frankreich spielende 22-Jährige so, als müsse er fürs Topniveau noch reifen. Daher kommt das K.o.-Duell gegen Holland wie gerufen, sagte Berhalter. „Es ist eine große Möglichkeit, um Erfahrungen zu sammeln.“ Seine teils herrlich unverbraucht wirkenden Jungs sollen in diesem Spiel einfach lernen und lächeln.

Bislang sind die 2018 in Russland nicht mal qualifizierten US-Amerikaner nur einmal bei einer WM bis ins Viertelfinale gekommen. Vor 20 Jahren, als Gregg Berhalter noch mitkickte. Und er war derjenige, der 2002 im so unglücklich verlorenen Viertelfinale gegen Deutschland (0:1) im südkoreanischen Ulsan in jene strittige Szene verwickelt war, als der Ball an den Arm des auf der Linie rettenden Torsten Frings sprang. Eine Situation, die heutzutage ein Videoassistent noch mal genau überprüfen würde.

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