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Totale Leere: Simon Kjaer liegt minutenlang nach dem Abpfiff auf dem Rasen - Tröster Kasper Schmeichel will helfen. afp
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Totale Leere: Simon Kjaer liegt minutenlang nach dem Abpfiff auf dem Rasen - Tröster Kasper Schmeichel will helfen. afp

EM 2021

Stolzes Dänemark: Mit dem Herzen gekämpft

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Die dänische Nationalmannschaft berührt mit ihrer EM-Geschichte die Fußballwelt – nach dem Aus gegen England schwankt die Stimmung zwischen Ärger und Stolz.

Simon Kjaer fehlte am Ende sogar die Kraft dazu, richtig sauer zu sein. Kein erboster Gang zum Schiedsrichter, kein Meckern ob der strittigen und aus seiner Sicht gewiss falschen Elfer-Entscheidung, nein, einfach nur hinlegen. Noch als der Abpfiff gerade dabei war, sich in die Ohren der fanatischen 60 000 im weiten Rund zu bahnen, sank er nieder auf den Rasen von Wembley. Traurig, wohl auch wütend, vor allem aber platt. Er lag dann da, minutenlang, die Beine ausgestreckt, den Hinterkopf fest in den Rasen gedrückt, die Hände sanft über die Augen gelegt, ganz so als wolle er sich schützen, nichts mitbekommen von dem, was da um ihn herum passiert, von der emotionalen Eruption eines ganzen Stadions, einer Stadt, eines Landes.

Simon Kjaer, der Anführer der dänischen Fußballer, der mit seinem intuitiven Handeln nicht nur die Dänen, sondern Millionen von Fans rund um den Globus gerührt hat, der Christian Eriksen in die stabile Seitenlage drehte, der noch auf dem Platz dessen Frau tröstete und eine ganze Fußballwelt gleich mit. Dieser Mann war einfach nur leer.

Die dänische Nationalmannschaft also ist ausgeschieden im spannenden, fußballerisch aber durchwachsenen EM-Halbfinale gegen den Gastgeber England, 1:2 hieß es nach der Verlängerung. Rein sportlich betrachtet ein gerechter Ausgang der Partie, die Dänen brachten mit Ausnahme ihrer tollen Freistoßführung von Mikkel Damsgaard wenig zustande im Londoner Fußballtempel – außer natürlich Kampf, Laufbereitschaft, Wille, was überleitet zu einer zweiten Betrachtung des Spiels, nicht jener sportlichen, sondern der gefühlten.

Ärger über Elfmeterpfiff

Die Dänen, so der bleibende Eindruck, sind trotz ihres Ausscheidens die wahren Sieger der EM, die Sieger der Herzen, vor allem die Sieger des Lebens. Auf das menschliche Wunder, das Überleben von Eriksen, ließen sie ein fußballerisches folgen. Die beiden Auftaktniederlagen gegen Finnland und Belgien steckten sie weg, das nahende Aus blendeten sie aus, sie überrollten Russland und Wales im heimischen Parken-Stadion, sie heulten hemmungslos, erst vor Angst, später vor Freude. Sie wühlten sich gegen Tschechien bis unter die besten Vier des Turniers durch. Sie lieferten den überlegenen Engländern mit allerallerletzten Kräften einen heroischen Kampf. „Diese Jungs sind außergewöhnlich, die ganze Nation kann stolz sein“, sagte Trainer Kasper Hjulmand noch am Abend des Ausscheidens: „Unsere Zukunft ist voller Hoffnung und Glaube.“

Tags drauf stimmten andere in die Huldigungen mit ein. „Auch wenn die Party jetzt (für dieses Mal!) zu Ende ist, sind wir alle stolz auf die tolle Leistung, die wir gesehen haben. Danke, dass ihr mit eurem Herzen gekämpft und alles gegeben habt“, ließen das dänische Kronprinzenpaar Frederik und Mary sowie Prinz Christian ausrichten, die ja selbst dem Spektakel von Wembley beigewohnt hatten. „Ihr habt ganz Dänemark um euch versammelt“, ergänzte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen: „Eine außergewöhnliche Teamarbeit, wenn es wirklich darauf ankam. Selten waren wir stolzer. Danke für die Reise.“

Na klar, im Fußball geht es um Tore und Titel, um Tricks und Tritte, die Dänen aber zeigten erneut auf, wie wesentlich für den hochgejazzten Sport doch immer noch die uralte Romantik ist. Es sind diese kollektiven Momente der Freude, des Frustes, die die Fans überall auf der Welt den Fußball lieben lassen.

Freilich konnte sich die dänische Mannschaft darauf am späten Mittwoch und frühen Donnerstag noch nicht besinnen, sie war schlicht enttäuscht und – mal mit Ausnahme ihres Kapitäns Kjaer, der ja auch noch ein Eigentor zum 1:1 erzielt hatte - auch mächtig sauer. Den Elfmeter in der Verlängerung, den Harry Kane zum englischen Weiterkommen im Nachschuss verwandelte, „hätte es nicht geben sollen“, wie Trainer Hjulmand befand: „Wir waren so nah dran am Finale. Dass es so entschieden wird, ärgert mich.“ Er habe keinen Elfmeter in dieser Szene gesehen, auf keinen Fall. Eine Berührung seiner Verteidiger mit dem dahinsinkenden Raheem Sterling, das schon, aber einen Elfmeter? „Es fühlt sich nicht gerecht an“, so Hjulmand.

Laserattacke auf Torwart

Das Duell gegen den Favoriten war ein ungleiches am Mittwochabend. Dort die wuseligen, hochbegabten, von ihren Fans angepeitschten Engländer, hier die müden, willensstarken, auf sich allein gestellten Dänen. Die dann auch noch gepiesackt wurden. Beim entscheidenden Strafstoß blendete Torhüter Kasper Schmeichel ein grüner Laserstrahl ins Gesicht, eine unfairer Einmischung des Publikums, weshalb die Uefa nun Ermittlungen eingeleitet hat. Ebenso wie wegen einiger „Störungen“ bei der dänischen Nationalhymne und dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern im Stadion.

Für Dänemark wird sich dadurch nichts mehr ändern, am Sonntag spielt England gegen Italien um den Titel, während die Skandinavier längst ihre Urlaube verbringen. Sie haben ihn sich verdient. Simon Kjaer übrigens, der Anführer, erhob sich erst nach drei, vier Minuten wieder vom Rasen in Wembley und machte sich als einer der letzten seines Teams auf den Weg in die kleine Gästekurve. Bedanken für die „fantastische, gemeinsame Reise“ (Kjaer) wollte er sich. Die dänischen Fans klatschten ihrem Kapitän entgegen, minutenlang. Nicht alle, aber etliche Engländer stimmten mit ein. Ein verdienter Trost für den müden Sieger der Herzen.

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