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Mit dem Gewicht ganz Argentiniens in den Handschuhen

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Von: Frank Hellmann

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Sicherer Rückhalt für sein Team: Emiliano Martinez.
Sicherer Rückhalt für sein Team: Emiliano Martinez. © Xinhua/Imago

Dass Emiliano Martinez bei der WM einem Lionel Messi auf seiner Mission helfen kann, ist seit der Copa América für Argentinien eine beruhigende Botschaft

Viele Frauen befinden sich ja nicht auf den Tribünen der katarischen Prachtstadien. Insofern ganz gut, wenn die männlichen Hauptdarsteller ihren weiblichen Anhang mitbringen. So wie im Falle von Emiliano Martinez, dem argentinischen Nationaltorwart, dessen Ehefrau Mandinha zum WM-Achtelfinale gegen Australien (2:1) erstmals Sohn Santi mitgebracht hatte. Beim ersten Tor von Lionel Messi habe er vor Angst geweint, so ohrenbetäubend sei der Lärm im Ahmed bin Ali Stadium gewesen, schrieb später die Mama. Dann schlief der Vierjährige und wachte kurz vor Schluss wieder auf: gerade rechtzeitig, um Papas Prachtparade mitzuerleben. Wie einer in roter Kluft den Feuerwehrmann spielte, um mit ausgebreitetem Arm den letzten Brand zu löschen.

Die Erlösung war gewaltig – und der bravouröse Ballfänger berichtete, es hätte ihm nicht mehr Motivation geben können, als das Gewicht „von 45 Millionen Argentiniern in meinen Handschuhen zu fühlen.“ Es war der Moment, in dem auch die Fußballwelt merkte, dass es für den dritten WM-Titel der Argentinier nach 1978 und 1986 wesentlich mehr benötigt als nur einen tricksenden Messi. Sondern zum Beispiel auch einen tüchtigen Martinez im Tor, der nun im Viertelfinale mit Argentinien gegen Niederlande (Freitag 20 Uhr/ARD) gefordert ist. Er wird im leuchtenden Lusail Stadium vor einer stimmgewaltigen Anhängerschaft wieder die 23 auf dem Rücken tragen, ist aber unter Nationaltrainer Lionel Scaloni die Nummer eins.

Länderspieldebüt 2021

Alle nennen den 30-Jährigen bei der „Albiceleste“ nur „Dibu“, wobei sich der Spitzname von Dibujo ableitet, eine animierte Figur aus einer argentinischen Telenova. Bessere Ablenkung von den allgegenwärtigen Sorgen bietet immer noch der Fußball. Bestes Beispiel lieferte der Triumph bei der Copa América 2021, als der Schlussmann über Nacht zum Volkshelden aufstieg. Vor dem Finalsieg im Maracana gegen den Gastgeber Brasilien hatte das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Kolumbien entschieden. Martinez erhielt den Preis als bester Torwart eines Turniers, das sein Land in den Ausnahmezustand versetzte. Was davon vor allem in Europa ankam: Der große Lionel Messi als bester Spieler gewinnt endlich seinen ersten Titel mit Argentinien.

Der in Mar del Plata geborene Schlussmann ist der typische Spätstarter unter der Latte, das verbindet ihn mit seinem Gegenüber Andries Noppert. Sein erstes Länderspiel absolvierte er am 3. Juni 2021 in der WM-Qualifikation gegen Chile; also erst kurz vor der glorreichen Copa. „Ich habe viel Scheiße durchgemacht“, sagte Martinez nach dem geglückten Endspiel. Mit gebrochener Stimme und tränenden Augen. Er hat nicht vergessen, dass der Fußball früh die Familie zerriss. Bereits mit zwölf Jahren ging er in die Akademie von CA Independiente in die Provinz Buenos Aires. Vater Beto, ein Hafenarbeiter, und Mutter Susana, eine Hausangestellte, konnten es sich nicht leisten, die Küstenstadt zu verlassen. Sie sparten das Geld, um sich wenigstens ein Auto zu kaufen, um ihren Sohn hin und wieder zu besuchen.

Mit Hilfe einer Psychologin

Der entwickelt sich sportlich prächtig, glänzte in der argentinischen U17-Nationalelf. Noch nicht volljährig, lockten das Torwarttalent Scouts von Arsenal London auf die Insel. Doch mit dem Durchbruch dauerte es. Immer wieder wurde er in England verliehen und musste bis zu einer Verletzung des deutschen Stammtorwarts Bernd Leno warten, um in den letzten acht Spielen der Saison 2019/2020 bei den „Gunners“ wirklich aufzufallen. Danach zahlte Aston Villa mehr als 20 Millionen Ablöse für einen, der danach endlich in der Premier League zeigen durfte, was er kann.

Sein privates Glück in London hatte Martinez da längst gefunden. An einer Bushaltestelle, wie er einmal erzählte. Dort bat er seine heutige Ehefrau, eine erfolgreiche Innenarchitektin aus Portugal, nämlich um ein Date. Beim ersten Abendessen sprachen sie nur Englisch, dann brachte sie ihm Portugiesisch und er ihr Spanisch bei. Die gemeinsamen Kinder – vor einem Jahr kam noch Tochter Ava mitten während der laufenden Copa auf die Welt – sind die eine Kraftquelle für ihn. Ansonsten helfen ihm Yoga, Pilates oder Boxen, sein Torwartspiel zu vervollständigen.

Und er macht keinen Hehl daraus, sich regelmäßig mit einem Psychologen auszutauschen. Sollte es zu einem WM-Halbfinale gegen Brasilien kommen, dann lasten nämlich fast unmenschliche Erwartungen auf Argentiniens Nationalspielern, die gerade nicht nur ihren Familien gefallen müssen.

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