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Mit dem DFB-Team zurück in die Zukunft

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Von: Jan Christian Müller

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Alle hören auf sein Kommando: Hansi Flick.
Alle hören auf sein Kommando: Hansi Flick. © dpa

Genau dort, wo Joachim Löw vor einem Jahr durch die Hintertür ging, kommt Hansi Flick jetzt durchs große Tor.

Normalerweise würde der ewige Bundestrainer Joachim Löw jetzt seine auserwählten Nationalspieler in Eppan in Südtirol oder in Ascona am Lago Maggiore betulich auf eine im Juni beginnende Fußball-Weltmeisterschaft trimmen. Aber weil Löw vor Vertragsende schon längst weg ist und weil die WM in diesem Jahr aus Gründen der Korruption und Gesundheitsvorsorge auf den Winter verlegt wurde, ist alles anders, als es sonst immer war.

Der Bundes-Jogi ist jetzt ein Bundes-Hansi. Und die Wahl des Domizils zur Vorbereitung auf vier Spiele der Nations League gegen Italien, England und Ungarn hat ergeben, dass Flick am 30. Mai 2022 genau dort durchs große Tor eingezogen ist, wo Löw am 21. Juni 2021 nach dem EM-Aus durch die Hintertür ausziehen musste: in den Home Ground, ein gut abgeschirmtes Villendorf auf dem Gelände von Ausrüster Adidas im fränkischen Herzogenaurach mit bestens gepflegtem Fußballplatz und nahen Einkaufsmöglichkeiten in den Sport-Outlets großer Marken.

Löws Ende vor knapp einem Jahr war auch wegen der Corona-Pandemie an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. In einem abgeschlossenen Raum ohne Kontakt zur Außenwelt saß er 58 Minuten lang wie paralysiert neben dem inzwischen ebenfalls zurückgetretenen Pressesprecher Jens Grittner und Manager Oliver Bierhoff vor einer Kamera und versuchte matt, das Aus in Wembley zu erklären. Bis zum heutigen Tag ist es nicht dazu gekommen, dass der Ex-Bundestrainer sich persönlich von langjährigen Wegbegleiter:innen außerhalb der Blase Nationalmannschaft verabschiedet hätte. Zumal auch im November, als die Lebewohl-Jogi-Zeremonie in Wolfsburg als reichlich verunglückt wahrgenommen wurde, noch verstärkte Corona-Schutzmaßnahmen galten.

Am Home Ground in Herzogenaurach, darüber waren sich alle einig, hat es im Sommer 2021 nicht gelegen, dass das DFB-Team bei der EM nicht recht ins Laufen kam. Die Bedingungen waren derart perfekt, dass sie alle wieder gerne kommen – wobei viele aus de 2021er Tross nicht mehr dabei sind: Neben Löw und Pressechef Grittner fehlen auch der nicht mehr im Amt befindliche Torwarttrainer Andi Köpke, der direkt nach der EM zurückgetretene Toni Kroos und nicht nominierte Spieler wie Bernd Leno, Matthias Ginter, Robin Gosens, Christian Günter, Marcel Halstenberg, Mats Hummels, Robin Koch, Emre Can, Florian Neuhaus und Kevin Volland.

Man sieht: Flick hat den halben Kader ausgetauscht. Er hat vergangene Woche mit den Spielern fünf Tage mit vier Trainingseinheiten in Marbella verbracht und mehr gelobt als kritisiert. Aber wahr ist auch: Würde die WM wie üblich im Sommer stattfinden, hätte er jetzt eine Menge Spieler dabei, die in der Rückrunde dieser Saison ihre Bestform suchten und nicht fanden. Insoweit hat der vielfach beschworene Austausch zwischen Trainerteam und Klubs, der unter Flick intensiviert wurde, bisher noch keine positiven Auswirkungen.

Gerade hat das Fachblatt „Kicker“ seine „Rangliste des deutschen Fußballs“ veröffentlicht und dabei ein eher vernichtendes Urteil gefällt: Erstmals seit 2019 schaffte es kein einziger Bundesligaprofi in die Kategorie „Weltklasse“. Vor einem Jahr waren es noch fünf Spieler. Vor allem die Bayern, die mit derzeit noch acht Spielern den Kern der Nationalmannschaft bilden, leiden an einem dramatischen Formverlust.

Insoweit ist die bei Flicks Vorgänger Löw noch so unbeliebte Nations League plötzlich sogar nützlich, mögen die Klubs noch so murren. Ein Mini-Turnier mit vier Spielen im Juni, darunter zweimal gegen Italien und einmal gegen England, kann durchaus als Generalprobe für den November und Dezember in Katar angesehen werden. „Unter Hansi ist einiges anders geworden“, sagt Bierhoff. In Herzogenaurach geht es zurück in die Zukunft.

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