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Mit Brummschädel und genähter Kopfwunde auf dem Platz: Timothy Chandler. imago images
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Mit Brummschädel und genähter Kopfwunde auf dem Platz: Timothy Chandler. imago images

Kopfverletzungen im Fußball

Wenn der Brummschädel zur Gefahr wird

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Der Profifußball ist zwar für das Thema Kopfverletzungen sensibilisiert, aber der richtige Umgang bleibt eine Gratwanderung.

Es gibt keine Bundesliga-Partie in jüngerer Vergangenheit, die von so einem Crash-Potenzial geprägt war wie der Abnutzungskampf zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln (1:1): ständige Unterbrechungen, weil Fußballspieler wie Rammböcke aufeinanderprallten. Die Bilanz: drei Auswechslungen nach Kopfverletzungen, zwei blutende Nasen und eine Platzwunde. Auf Frankfurter Seite erlitt Erik Durm eine Gehirnerschütterung und wurde ausgewechselt, Timothy Chandler holte sich eine Platzwunde und spielte mit einem Turban weiter. Der 31-Jährige sagte direkt danach: „Es war ein größerer Cut. Ich habe am Anfang gedacht, dass es nicht weitergeht. In der Halbzeit wurde ich die 15 Minuten genäht. Es war ein Brummschädel.“ Tags darauf teilte sein Klub mit, weder von Spieler- noch Medizinerseite habe ein Risiko bestanden habe.

Über die Eintracht-Homepage versicherte Chandler zudem, dass keine Nachwirkungen zu befürchten seien. „Wenn etwas zu befürchten gewesen wäre, hätte ich mich sofort auswechseln lassen. Es bleibt nichts als eine Narbe. Sieht nicht schön aus, aber es geht immer weiter.“ Nicht so schnell weiter ging es bei Timo Baumgartl von Union Berlin, der bei einer dramatisch anmutenden Situation im Heimspiel gegen Arminia Bielefeld (1:0) eine schwere Gehirnerschütterung erlitt.

Betroffen war nicht nur Eintracht Frankfurt

Die Häufung von Kopfverletzungen am achten Spieltag war gewiss nicht das Produkt von Rücksichtslosigkeit, aber betroffen waren Teams, die hohen körperlichen Einsatz als Wesenskern ihrer Herangehensweise begreifen. Frankfurts Trainer Oliver Glasner wertete den Umstand, dass zeitweise „fünf Spieler mit Kopfverletzungen am Boden lagen“, als Beleg, „dass sich keiner was geschenkt hat“.

Mehr Sensibilität für die Thematik hat wiederholt Robert Percy Marshall als Mannschaftsarzt von RB Leipzig angeregt. Seine These: „Hirnverletzungen sind immer noch eine im Profifußball unterschätzte Problematik, insbesondere da Spätschäden wie neurodegenerative und neuropsychiatrische Erkrankungen auch nach Karriereende möglich sind.“ Wenn im Kopfballduell Schädel an Schädel prallen, würden „bis zu 40 G auf das Gehirn einwirken“. Schädelhirnverletzungen würden in mehrfacher Hinsicht, so Marshall, für Vereine und die betreuenden Mediziner „eine große Herausforderung“ bedeuten.

Erschreckende Ergebnisse

Eine Untersuchung von Forschern der Universität Glasgow, die die Todesursachen von 7676 ehemaligen schottischen Fußballprofis (geboren zwischen 1900 und 1976) mit rund 23 000 Nichtsportlern verglichen, lieferte erschreckende Ergebnisse: Ex-Profis sterben dreieinhalbmal häufiger an den Folgen einer neurodegenerativen Erkrankung. Bei Alzheimer als mitverantwortlicher Todesursache ist das Risiko um das Fünffache erhöht.

Als aus der National Football League (NFL) aus den USA alarmierende Zahlen zu Gehirnschäden an die Öffentlichkeit kamen, gab der hoch angesehene Berliner Hirntumorexperte Peter Vajkoczy in einem Beitrag der „Sportärztezeitung“ den Hinweis, dass sich dem Problem der Prävention und der sicheren Isolation Betroffener bei Kopfverletzungen „nicht nur die klassischen Risikosportarten wie American Football oder Eishockey annehmen sollten, sondern auch der europäische Fußball“.

Negativbeispiel Benjamin Pavard

Der ignorierte lange die Gefährdung durch ein Schädelhirntrauma im Eifer des Gefechts. Zwar bilden sich in den meisten Fällen die Beschwerden innerhalb von sieben bis zehn Tagen vollständig zurück; aber bei zehn bis 15 Prozent bestehen die Symptome über einen längeren Zeitraum fort – mit entsprechender Gefahr von Langzeitschäden. 

Ein negatives Beispiel lieferte diesen Sommer der beim FC Bayern spielende Benjamin Pavard. Der französische Nationalspieler blieb im EM-Gruppenspiel gegen Deutschland benommen am Boden liegen, nachdem ihn das Knie von Robin Gosens im Gesicht getroffen hatte. Der Verteidiger spielte nach kurzer Behandlung weite, obwohl er später zugab: „Ich war für zehn bis 15 Sekunden ausgeknockt.“

Mannschaftärzte stehen unter Druck

Damit wäre er eigentlich ein Fall für eine Auswechslung gewesen, zumal alle EM-Teilnehmer die sogenannte Concussion Charter der Uefa unterschrieben hatten, demnach ein Spieler mit Verdacht auf Gehirnerschütterung vom Platz genommen werden soll. Neurologen unterbreiteten danach den Vorschlag, in diesen Fällen eine zeitweilige Auswechslung zu erlauben. Ein weiteres Problem ist, dass wohl so mancher Mannschaftsarzt am Spielfeldrand nicht nur unter Zeitdruck entscheidet. Der Leipziger Teamarzt Marshall sieht eine große Herausforderung für alle Vereine und betreuenden Mediziner „aufgrund der Komplexität und zum Teil der Bagatellisierung“. 

Dem Thema hat sich die von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer geleitete Medizinische Kommission des Deutschen Fußball-Bundes immer wieder angenommen, um das medizinische Management bei Kopfverletzungen zu verbessern. Fortbildungen wurden für die Mannschaftsärzte durchgeführt, das Trainer-Kolloquium bearbeitet. Zudem können sich die medizinischen Helfer der 1. und 2. Bundesliga an den Trainerbänken eine Szene auf Video anschauen.

Auch Baseline-Testungen sind Standard, wie Meyer mit der Einführung 2019 erklärte: „Das bedeutet, dass man Spieler einmal neurologisch und neuropsychologisch untersucht. Mit diesem Ausgangswert kann später im Falle einer Kopfverletzung verglichen werden. Ein Instrument, das hilft zu entscheiden, wann ein Spieler wieder fit ist. Ich denke, dass wir mit dieser Batterie an Maßnahmen eigentlich ganz gut aufgestellt sind.“

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