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Alles war gut: Cacau (vorn) und Mesut Özil bejubeln Cacaus Tor gegen Australien bei der WM 2010.
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Alles war gut: Cacau (vorn) und Mesut Özil bejubeln Cacaus Tor gegen Australien bei der WM 2010.

Integration

Fußball und Migration: Zwischen Trauerspiel und Mustermann

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Integrationsbemühungen bedeuten für viele Vereine ein zusätzliches Engagement, das sie überfordert. Migranten sind oft die schwächsten Glieder in der Kette, die am ehesten herausfallen.

  • Die Integration im Fußball ist nicht immer ein leichtes Thema, denn sie beginnt an der Basis.
  • Viele Vereine sind von dem zusätzlichen Engagement überfordert.
  • DFB leistete zunächst mit Hilfe der Bundesregierung beachtliche Vorarbeit.

Frankfurt - Es gibt bewundernswerte und bedauernswerte Beispiele für Zusammenhalt über nationale Befindlichkeiten hinaus auf dem Fußballplatz. Ein besonders bewundernswertes: Der Brasilianer Cacau, 1999 als Niemand in München gelandet, schaffte es bis in die deutsche Nationalmannschaft und ist seit vielen Jahren schon stolzer Integrationsbeauftragter des Deutschen Fußball-Bundes. Man hätte keinen finden können, der diese Rolle überzeugender mit eigenem Leben erfüllt. Außer vielleicht: Mesut Özil.

Aber alles, was es an Gemeinsamkeiten mit dem Vorzeige-„Deutsch-Türken“ des DFB gab - Höhepunkte: die weltweit gefeierten „Multikulti“-Mannschaften bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 -, ist seit Sommer 2018 nur noch ein Trümmerhaufen. Aus dem in Gelsenkirchen geborenen Mustermann für Migration, der er nie sein wollte, wurde ein Role Model misslungenen Miteinanders - und am Ende ein einziges Trauerspiel nach 92 Länderspielen!

Wie konsequent die Integration im Fußball stattfindet, entscheidet sich an der Basis

Der DFB schrieb nach Özils in den Sozialen Netzwerken inszenierter Rücktrittserklärung, er bedaure den Abschied. „Das ändert aber nichts an der Entschlossenheit des Verbandes, die erfolgreiche Integrationsarbeit weiter konsequent und aus tiefer Überzeugung fortzusetzen.“ Wie „konsequent“ und mit wie „tiefer Überzeugung“ das jedoch tatsächlich geschieht, entscheidet sich an der Basis, in den rund 25.000 Vereinen - mit dem Verhalten, den guten Worten, der Körpersprache jedes Vereinsvorstands, jedes Amateurtrainers, jedes Mitspielers und zudem auch der Bereitschaft und Widerstandskraft derjenigen, die als Migranten dazukommen.

Für sie ist es viel, viel schwieriger, sich einzuleben, als für diejenigen, die schon da sind, die Neuen mit offenen Armen aufzunehmen. In der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015/16 ist das besonders deutlich geworden. Und ehrlicherweise ist es kühn, die Entwicklung der fünf Jahre bis heute als „erfolgreiche Integrationsarbeit“ zu beschreiben. Zu wenig ist wohl geblieben.

DFB leistete in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung beachtliche Vorarbeit

Der DFB hatte seinerzeit in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung beachtliche Vorarbeit geleistet. Unter der Überschrift „1:0 für ein Willkommen“ erfuhren die Vereine Hilfestellung, sogar eine Einmalzahlung von 500 Euro für die Ausrüstung Geflüchteter konnte abgerufen werden, internationale Wechsel - etwa aus Syrien oder Afghanistan - wurden maximal unbürokratisch binnen eines Monats vom DFB über die Landesverbände möglich gemacht. Später berichtete der Verband nicht ohne Stolz, so hätten „54.300 geflüchtete Menschen in den Spielbetrieb integriert werden“ können.

Dennoch macht man sich in der DFB-Zentrale nichts vor: „Viele Menschen kommen mit einer Begeisterung für den Fußball im Gepäck nach Deutschland. Im besten Fall regen sie Veränderungen, neue Ideen und Aktivitäten an. Im schlimmsten Fall können sie aber auch zu Ausgrenzung, Vorurteilen, Diskriminierung und Rassismus führen.“ Die ganze Bandbreite zwischen Cacau und Özil sozusagen.

Jedes fünfte Mitglied im DFB hat einen Migrationshintergrund

Die Vision des DFB ist ein „Fußball für alle“. Die guten Worte will der Verband mit Leben erfüllen. Cacau diskutierte deshalb mit 270 Vertreter:innen von Vereinen und Landesverbänden sowie Fachleuten in fünf regionalen Dialogforen in Hamburg, Saarbrücken, Frankfurt, Kamen und Leipzig über die Förderung von Vielfalt und Integration im Fußball. Es wurde sogar eine Projektgruppe gegründet. Denn fast jedes fünfte Mitglied im DFB hat einen Migrationshintergrund – deutlich mehr als im gesamten Sport, für den der Anteil bei unter zehn Prozent liegt. Cacau hat längst festgestellt. In Sachen Integration sei „in unserer multiethnischen und multikonfessionellen Gesellschaft“ die „einfache Antwort selten die richtige“.

Goretzka kontra Afd

Nationalspieler Leon Goretzka hat sich klar gegen die AfD positioniert „Speziell durch die Corona-Krise wurde noch offensichtlicher, welche Partei das ist“, sagte der 25-Jährige der „Welt am Sonntag“. „Für mich ist es keine Alternative, sondern eine Schande für Deutschland.“ Für seine klare Haltung sei er von AfD-Unterstützern angefeindet worden. „Das habe ich auch zum Teil öffentlich gemacht, um den Menschen zu zeigen: Stopp, hier gibt es Contra“, sagte der Bayernprofi. Gegen solche Widerstände müsse man ankämpfen. „Wir müssen den Leuten klar vor Augen führen, dass wir in einer Demokratie leben, die durch nichts und niemanden kaputtgemacht werden kann.“

Fußball und Integration: Viele Geflüchtete geben fast unbemerkt wieder auf

Der Autor Dietrich Schulze-Marmeling, einer der profundesten Fußballkenner im Land, beschreibt die Probleme konkret anhand der Erfahrungen im Amateurverein: Es kommen Flüchtlinge aus Syrien an. Die Gemeinde fragt den Sportverein, ob er sich um kickwillige Jugendliche kümmern könnte. Die typische Reaktion des Jugendtrainers einer Leistungsmannschaft: „Wenn da ein richtig Guter dabei ist, will ich ihn wohl haben.“

Die Trainer der restlichen Juniorenteams reagieren meist eher ablehnend: „Mein Kader ist schon sehr voll. Ich habe ohnehin schon einige Problembären im Kader. Ich kann mich nicht auch noch um die Flüchtlinge kümmern.“ Der Trainer der ersten Seniorenmannschaft fühlt sich in der Regel in den Abläufen gestört. Ergo, so Schulze-Marmeling: „90 Prozent der Flüchtlinge enden in der unteren Mannschaft, die Fußball als wirklich reinen Freizeitsport betreibt.“ Viele geben fast unbemerkt wieder auf.

Fußballkulturen kommen nicht zusammen

Auch der Autor dieses Textes hat es im eigenen Verein ähnlich erlebt. Es gab einige Bemühungen, eine Verbindung zu den ganz in der Nähe des Sportplatzes beherbergten Geflüchteten aufzubauen. Man traf sich zum Kicken, man organisierte mit Hilfe der Stadt und des DFB Fußballschuhe und Trikots, schließlich wurde im April 2016 ein Fußballspiel organisiert. Die Stimmung war bestens.

Als dann aber die Anzahl der Gastspieler in den Trainingseinheiten der „Alten Herren“ wuchs, begann ein Murren der Alteingesessenen. Sie wollten ihren Fußball zurück. Es war spürbar geworden, wie unterschiedlich die Spielweisen sind, es gab wenig Grundverständnis über Laufwege, Abwehrverhalten, Dribblings. Die Fußballkulturen kamen nicht zusammen. Die Flüchtlinge spürten die Widerstände. Manche zogen weg. Die Wege trennten sich wieder.

Integration und Fußball: Ein Engagement, das viele überfordert

Es ist die Geschichte eines Scheiterns. Einerseits. Es ist aber auch die Geschichte eines Ankommens, das der Verein geraume Zeit mitgestaltet hat, ehe es ihm zu viel wurde. Manchmal trifft man im Ort noch die im Flüchtlingswohnheim sesshaft gewordenen Trainingspartner von einst. Dann leuchten die Augen. Aber es ist wenig zusammengewachsen, es sind nur flüchtige Momente, Erinnerungen an ein kurzes Miteinander. Immerhin.

Dietrich Schulze-Marmeling erklärt: „Tatsächlich ist es mit der Integration ähnlich wie mit der Demokratie. Sie ist mitunter herausfordernd und anstrengend.“ Man bekomme „schon manchmal den Eindruck, dass der Migrant das schwächste Glied in der Kette ist. Der Spieler, der am ehesten herausfällt.“ Viele im Verein sähen in Integrationsbemühungen „ein zusätzliches Engagement, das sie überfordert“. Oder dass sie aus eigener Überzeugung gar nicht vorleben wollen.

Die Integration im Profifußball läuft ganz anders ab

Bei den Profis sei es in der Regel leichter. Sie kommen nicht ungefragt, sondern werden gezielt transferiert „und haben einen ganz anderen gesellschaftlichen (und auch finanziellen) Status“. Sie kommen als potenzieller Leistungsträger, nicht als lästige Zusatzbelastung einer gewachsenen Fußballgruppe.

Und doch bleibe auch dort der multikulturelle Austausch, den der Fußball in der Regel sicher fördere, eine „fragile Angelegenheit“. Das, was eine vermeintliche Vorzeigemannschaft der Integration, der WM-Dritte 2010 und Weltmeister 2014, rund um die WM 2018 erlebte und was alle Beteiligten überforderte, legt dafür Zeugnis ab.

DFB hat Verleihung des Integrationspreises mittlerweile wieder abgeschafft

Der Deutsche Fußball-Bund hat die Verleihung eines Integrationspreises, den er seit 2007 durch Cacau alljährlich an Amateurvereine, Fanprojekte oder Integrations-NGOs übergab, inzwischen wieder abgeschafft. Sami Khedira, Jerome Boateng und Ilkay Gündogan waren 2012 Ehrengäste der Preisgala, 2011 hielt sogar die Bundeskanzlerin eine Ansprache. Der Preis war vom langjährigen Generalsponsor Mercedes unterstützt worden. Als es 2019 zum Wechsel zu Volkswagen kam, endete auch die Verleihung des Integrationspreises.

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