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Mit Ball und auf dem Platz fühlen sich Ilkay Gündogan (li.) und Mesut Özil sichtbar wohler als im politischen Diskurs.

DFB-Medientag

Mesut Özil schweigt

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Drei Wochen nach dem Treff mit Präsident Erdogan: Özil bleibt dem DFB-Medientag fern, Gündogan äußert sich.

Vor jedem großen Turnier pflegt der Deutsche Fußball-Bund die mitgereisten Presseleute zum sogenannten Medientag in sein Teamhotel einzuladen. Seit 2006 existiert dieses schöne Angebot. Beim Medientag gibt es – vergleichbar dem Speed-Dating – eine Stunde lang die Möglichkeit, mit allen Spielern zu sprechen. Die sitzen verteilt an Tischen unter Sonnenschirmen, die Reporter wechseln von einem Tisch zum anderen, fragen mal hier und mal dort, um sich so mit Informationen zu versorgen. 

In diesem Jahr gab es ein Novum: Nicht alle deutschen Spieler standen allen Journalisten in Südtirol zur Verfügung. Mesut Özil erschien am Dienstag gar nicht im Garten des Teamhotels, um dort Antworten auf drängende Fragen nach seinem Termin Mitte Mai mit Präsident Recep Tayyip Erdogan zu geben, Ilkay Gündogan war immerhin lediglich bereit, mit den TV-Sendern ARD und ZDF sowie mit den Agenturen dpa und sid zu sprechen. Er sagte unter anderem: „Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen. Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss“ und ergänzte selbstbewusst: „In den letzten Jahren haben wir viel dazu beigetragen, die Integration in Deutschland zu fördern.“ 

Özil blieb bei seinem Schweigen. Der Deutsche Fußball-Bund scheint nicht glücklich mit Özils Totalverweigerung, sich zu stellen. Offen sagt das allerdings kein DFB-Vertreter, was nachvollziehbar ist, weil man den Spieler nicht von Verbandsseite aus bloßstellen will. Pressesprecher Jens Grittner sagte, man habe Özils Entscheidung zur Kenntnis genommen und ergänzte: „Mesut bittet um Verständnis, dass er in seiner Wahrnehmung alles gesagt hat.“ 

Kein Wort von Özil

Die Wahrheit ist allerdings: Özil hat sich bisher mit keinem einzigen Wort öffentlich zu seinem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan in einem Londoner Hotel geäußert. Deshalb bleibt nach wie vor im Dunkeln, wie der Mittelfeldspieler zu dem Foto mit dem Despoten steht, welche Motivation dahintersteckte, ob er es eventuell bedauert (vermutlich eher nicht), und welche Rückschlüsse er auf die teils heftigen Reaktionen aus Deutschland zieht, die oft die Messlatte an Mindestniveau noch weit unterschritten haben.

Immerhin: Der Bebraer Stadtrat Bernd Holzhauser (SPD), der die beiden Fußballer via Facebook als „Ziegenficker“ verunglimpft hatte, ist Anfang der Woche zurückgetreten, nicht ohne sein Bedauern über die Entgleisung zu äußern. 

Gündogan, der Erdogan wie Özil ebenfalls ein Trikot seines Premier-League-Klubs überreicht und gar noch mit dem Satz „Mit Respekt für meinen Präsidenten“ signiert hatte, betonte am Dienstag, es sei nie das Thema gewesen, „ein politisches Statement zu setzen“. Einen Graben hat die Aktion gleichwohl dennoch aufgerissen. Denselben Graben, den die deutsche „Multi-Kulti-Mannschaft“ mit dem überragenden Mesut Özil an der Spitze bei der WM 2010 in Südafrika zugeschüttet zu haben glaubte. 

Die von der Erdogan-Seite veröffentlichten Fotos der beiden türkischstämmigen Fußballprofis, die beide nur den deutschen und keinen türkischen Pass besitzen, hatten für große Aufregung gesorgt. DFB-Präsident Reinhard Grindel bezeichnete den Auftritt mit dem türkischen Despoten als unvereinbar mit den Werten des Deutschen Fußball-Bundes. 

Eiliges Krisenmanagement

Zum DFB-Pokalfinale unterbrachen Gündogan und Özil ihren Urlaub, um den DFB-Chef sowie die ebenfalls alarmierten Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw in Berlin zu treffen, zudem den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Das eilige Krisenmanagement sorgte allerdings nicht dafür, dass beim Länderspiel in Klagenfurt am vergangenen Samstag Pfiffe gegen die beiden in Gelsenkirchen geborenen Profis ausblieben. 

Bereits in der dritten Frage am ersten Tag des DFB-Trainingslagers vor knapp zwei Wochen war Bundestrainer Joachim Löw mit dem Thema konfrontiert worden und hatte verlautbart: „Es war die Idee von Ilkay, den Bundespräsidenten zu besuchen. Mit dem Wochenende in Berlin war das Thema für mich erledigt. Jetzt werden die sportlichen Dinge in den Mittelpunkt gerückt.“

Im Folgenden war Özil indirekt für nachlässige Trainingsarbeit von Co-Trainer Thomas Schneider gerügt worden, Löw hatte die Kritik am Spieler später abgeschwächt. Am Dienstag sah man Özil einsam im Fitnesszelt, derweil die Kameraden auf dem Platz umherliefen. Auf dem am Morgen aufgenommenen Mannschaftsfoto sah Özil, anders als Gündogan, unglücklich aus.

Der DFB möchte das unangenehme Thema am liebsten umgehend abmoderieren, wohlwissend, dass dauernde öffentliche Debatten und gellende Pfiffe für die als sensibel geltenden Spieler alles andere als leistungsfördernd sind. Das nächste Länderspiel findet am Freitag (19. 30 Uhr, ARD) in Leverkusen gegen Saudi-Arabien statt. Auch die Mitspieler stellen sich verbal schützend vor Özil und Gündogan. Thomas Müller sagte der „Welt“, beide Spieler hätten „im Kreis der Mannschaft Stellung bezogen“, er könne „nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die das Treffen nicht gut fanden. Wir stehen absolut hinter den beiden. Für uns ist das Thema abgehakt.“ Mats Hummels sagte am Dienstag, er habe „nicht das Verlangen, das Thema noch einmal mit den beiden anzusprechen“. Er gab zu bedenken, in anderen Ländern existiere womöglich „ein anderes Bild von Erdogan“ als in Deutschland. Das Thema werde ohnehin „schnell verebben“. Kapitän Manuel Neuer kommentierte die Pfiffe von Klagenfurt lapidar: „Die habe ich natürlich auch gehört, aber als Mesut dann ein Tor geschossen hat, haben alle gejubelt.“

Özil war in den vergangenen Jahren wiederholt vom DFB zum Vorzeigespieler für eine gelungene Integration präsentiert worden, eine Rolle, die er ohne sichtbare Begeisterung ausfüllte und die ihn wohl auch überforderte. Im Oktober 2010 hatte der inzwischen 29-Jährige beim 3:0-Sieg der deutschen Mannschaft gegen die Türkei heftige Missfallenskundgebungen des türkischstämmigen Publikums im Berliner Olympiastadion ertragen müssen, weil er sich gegen die türkische Nationalmannschaft entschieden hatte.

Die Partie war von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Erdogan gemeinsam von der Ehrentribüne aus verfolgt worden. Erdogan hatte einen deutsch-türkischen Fanschal getragen. Nach dem deutschen Sieg, zu dem Özil ein Tor beitrug, war Merkel unvermittelt mitsamt eines Fotografen in der deutschen Kabine aufgetaucht und hatte dem überrumpelten Mesut Özil freudig die Hand gereicht. Ein politisches Statement. Das Foto mit der Kanzlerin zeigt den Spieler mit freiem Oberkörper und sorgte für beträchtliche Schlagzeilen. Recep Tayyip Erdogan trug danach nie wieder einen deutsch-türkischen Fanschal. 

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