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Kommentar Mesut Özil

Hochzeit mit Erdogan

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Im März 2019 kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass sich auch Mesut Özil sehr bewusst über die Macht der Bilder geworden ist.

Als Mesut Özil Mitte Mai 2018 beim türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan in einem Londoner Hotel weilte, hätte man bei naiver Betrachtungsweise zunächst meinen können, bei dem Treffen mitsamt Übergabe eines signierten Arsenaltrikots habe es sich um eine übliche Privataudienz gehandelt. War der damalige deutsche Nationalspieler seinem Präsidenten in die Abseitsfalle gelaufen – oder hatte er (womöglich auf Drängen seiner Berater?) im bewussten Angriffsmodus einige der monumentalen Folgen nach der baldigen Veröffentlichung der Bilder durch die Erdogan-Partei AKP in Kauf genommen?

Unser Bericht: Ein Özil kommt selten allein

Die Özil-Seite hat das im Nachgang nie aufgeklärt, und am Ende hat die Angelegenheit nur düpierte Verlierer hervorgebracht: Deutschland als kolossal scheiternde Fußballnation, deren führende Verbandsvertreter einem pöbelnden Mob gegen den Spieler (und seinen Kollegen Ilkay Gündogan) nicht ausreichend die Stirn geboten hätten; Deutschland als Gesellschaft, durch die sich ein Riss zieht, der noch viel tiefer und schärfer aussah als zuvor selbst von Skeptikern schlimmstenfalls befürchtet; ein DFB-Präsident Reinhard Grindel, der in einem Angriffszug über drei Stationen vom halbrechten Konservativen zum Rassisten gebrandmarkt wurde; Teammanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw, die Thema und Personalie wie einen mit Wackersteinen gefüllten Rucksack mit nach Russland schleppten und auch dort nie loswurden; Mesut Özil selbst, der sich nach der WM selbst zum Ex-Nationalspieler degradierte und sogar mit dem konsternierten Bundestrainer brach; und am Ende auch Erdogan, dem der Europäische Fußballverband Uefa den erhofften Zuschlag zur EM 2024 verwehrte – ausgerechnet zugunsten Deutschlands. Wenn die Bilder mit Özil und der später sorgsam inszenierte Rückzug also eine listige Intrige gewesen sein sollten, wie manche im Deutschen Fußball-Bund im Wahlkampf um die EM-Vergabe vermuteten, dann war sie jedenfalls gescheitert.

Mesut Özil: Offenbar soll Erdogan Trauzeuge werden

Im März 2019 nun kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass sich auch Mesut Özil sehr bewusst über die Macht der Bilder geworden ist. Dass er und seine künftige Gattin den türkischen Machthaber in einer flugs vom Parteifotografen festgehaltenen Geste der Ergebenheit zu ihrer in diesem Sommer stattfindenden Hochzeit einladen und ihm offenbar gar das Ehrenamt des Trauzeugen andienen, zeugt vom hohen Maß an Verbundenheit zu Erdogan über das Persönliche hinaus. Und damit natürlich auch zu dessen machtvollem politischen Kurs weg von einer Demokratie und hin zu einem Präsidialsystem, in dem rechtsstaatliche Standards sich allenfalls auf Fifa-Niveau bewegen. Özil, so viel steht wohl leider fest, hat nicht nur mit dem DFB gebrochen, sondern auch mit dem Land, in dem er geboren wurde und sich nur dann akzeptiert fühlte, wenn er auf der Siegerseite stand.

Mit seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft hat sich der 30-Jährige die Freiheit erworben, dass die aktuelle Macht des Bildes nicht mehr von einer links wie rechts aus ganz unterschiedlichen Beweggründen aufgebrachten Öffentlichkeit als Abziehbild für kollektive Empörung taugt. Man nimmt es zur Kenntnis und wundert sich nicht.

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