Der bislang vorletzte Abgang: Trainer Arteta wechselt Özil beim Spiel gegen den FC Everton Ende Februar aus.
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Der bislang vorletzte Abgang: Trainer Arteta wechselt Özil beim Spiel gegen den FC Everton Ende Februar aus.

Premier League

Mesut Özil: Die Geschichte eines Sitzenbleibers

  • vonHendrik Buchheister
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Der deutsche Ex-Nationalspieler schafft es seit der Corona-Pause nur noch selten in den Kader und gar nicht mehr auf den Platz beim FC Arsenal.

Mesut Özil wurde neulich mit einem Schirm gesichtet. Diesen nutzte er als Schutz gegen die Sonne beim 2:0-Erfolg seines FC Arsenal gegen den FC Southampton. Der 31-Jährige saß als Ersatzmann auf der Tribüne, die Stutzen herunterzogen, die Füße auf die Lehne des Sitzes vor ihm gestellt. Ein bisschen sah es aus, als würde er Urlaub machen. Der Anblick löste amüsierte Reaktionen in den Sozialen Netzwerken aus und diente einigen Fachleuten als Bestätigung für ihre steile These, dass der bestbezahlte Profi der Gunners (angeblich 350 000 Pfund pro Woche) am liebsten nichts tut für sein Geld.

Seit dem Neustart der Premier League ist Özil wieder einmal außen vor, wie schon zu Beginn der Saison. Beim 1:1 des FC Arsenal am Dienstag gegen Leicester City war schon zum dritten Mal nacheinander kein Platz im Kader. Der seit Dezember amtierende Trainer Mikel Arteta gibt verschiedene Gründe an. Mal argumentiert er mit taktischen Erwägungen, dann appelliert er an dessen Einstellung. Aktuell leidet der Deutsche nach offiziellen Angaben mal wieder unter Rückenproblemen. Allerdings wirkt es verdächtig so, als sei für den Spielmacher insgesamt kein Platz mehr bei Arsenal.

Damals, als es noch schön war: Özil feiert im Jahr 2013 mit Mitspieler Arteta.

Der Klub befindet sich nach dem Weggang von Trainer-Ikone Arsène Wenger vor zwei Jahren im Neuaufbau. Der einstige Arsenal-Kapitän Arteta, der zu seiner aktiven Zeit sogar noch mit Özil zusammen gespielt hat, ist schon der dritte Übungsleiter der neuen Zeitrechnung bei den Nordlondonern nach dem glücklosen Unai Emery und Interims-Coach Freddie Ljungberg. Im Moment ist endlich mal eine Perspektive erkennbar. Vor dem Remis gegen Leicester hatte Arsenal dreimal nacheinander gewonnen, und das sogar jeweils zu Null. Arsenal spielt um den Einzug in die Europa League mit. Das muss schon als Erfolg gewertet werden, nachdem die Mannschaft zu Beginn des Jahres bis auf den zwölften Platz abgerutscht war.

Arteta, der sich in dreieinhalb Jahren als Co-Trainer von Pep Guardiola bei Manchester City auf seinen ersten Chefposten vorbereitet hat, legt Wert auf Disziplin. Özil brachte seinen Arbeitgeber gegen sich auf, als er im Dezember die Behandlung der muslimischen Uiguren-Minderheit in China kritisierte, und war angeblich einer von drei Arsenal-Profis, die sich in der Corona-Pause einem Gehaltsverzicht widersetzten. Zwar bestreitet Arteta ein Zerwürfnis mit Özil, doch der Deutsche wirkt zunehmend isoliert.

Erschwerend hinzu kommt, dass der Trainer auf eine Formation setzt, in der für einen klassischen Spielmacher kein Platz ist. Angeblich will ihn der Klub im Sommer loswerden, ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags. Doch das dürfte schwierig werden. Özil gedenkt offenbar nicht, sich vorzeitig aus London zu verabschieden.

Beim DFB war das anders. In seiner lesenswerten Biografie „Die Magie des Spiels“ aus dem Jahr 2017 beschreibt Özil schon weit vor der Eskalation ein Jahr später, er habe nie den Anspruch gehabt, „ein Eisbrecher“ zu sein und zum „deutsch-türkischen Streitobjekt“ zu werden. Und er ergänzt: „Ich denke deutsch, aber ich fühle türkisch.“ Es ist diese emotionale Situation der Zerrissenheit, die den gebürtigen Gelsenkirchener und den Deutschen Fußball-Bund im trüben WM-Sommer 2018 gemeinsam punktgenau im sportlichen und gesellschaftlichen Niemandsland landen lassen sollten. Zwei Verlierer, die sich persönlich nichts mehr zu sagen hatten,

Es ist erst knapp zwei Jahre her und scheint doch eine Ewigkeit, als Özil sich nach 92 Länderspielen über den Tag verteilt in drei Kapiteln sorgsam orchestriert und inszeniert über die Sozialen Netzwerke für immer aus der Nationalmannschaft verabschiedete, unter anderem mit dem fundamentalen Vorwurf: „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ Nur wenige Woche zuvor, nach dem 0:2-Aus in Kasan gegen Südkorea, war Özil von deutschen Fans am Spielfeldrand beleidigt worden. Aus der Verbandsentourage war ihm niemand öffentlich zur Seite gekommen, sicher auch aus Frust und Verärgerung darüber, weil er sich nach der „Erdogan-Affäre“ sowohl öffentlich als auch intern zunehmend isoliert hatte und entsprechend Mitverantwortung für das kolossale Scheitern trug.

Seitdem, betrübliche Begleiterscheinung, haben sein großer Förderer Joachim Löw und Özil kein Wort mehr miteinander gewechselt. Löws Kontaktversuche landeten im Nirwana. Die „FAZ“ schrieb dieser Tage in einem beachtenswerten Artikel: „Mesut Özil, einer der größten Fußballer, den Deutschland hervorgebracht hat, wurde in diesem Land zum Vergessenen. Es ist, als ob Özil nie dagewesen wäre.“

Das Blatt kritisierte gleichsam den Deutschen Fußball-Bund und den Spieler: Seine eigene Rolle im „Fall Özil“ habe der DFB „nie kritisch reflektiert. Genauso wenig wie Özil, der in seiner Rücktrittserklärung bloß all denen die Verantwortung für seinen Rückzug zuschob, die ihn rassistisch beleidigten und respektlos behandelten. Und denjenigen, die ihn nicht davor beschützt hatten. Aber eigene Fehler? Fehlanzeige. Seine eigene Haltung? Kein Kommentar. So liegt über dem „Fall Özil“ nur Schweigen, bis heute.“ Ein bleiernes Schweigen zwischen zwei Parteien, die sich unverstanden fühlen, das bleibt.

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