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Mesut Özil: Mangelnde Selbstkritik.

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Mesut Özil: Bloß keine Selbstkritik üben

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Der Fall Erdogan war ein Puzzlestück im deutschen Scheitern bei der WM. Daran trägt Mesut Özil zumindest eine Mitverantwortung. Ein Kommentar.

Mesut Özil hat sein Schweigen gebrochen und klagt an. Niemand in der deutschen Nationalmannschaft habe sich vor ihn gestellt, damals, nachdem der Mittelfeldspieler und dessen DFB-Kollege Ilkay Gündogan mit gemeinsamen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan auffällig geworden waren.

Ja, Özil hat sicher recht, wenn er jetzt im Interview mit dem Sportportal „The Athletic“ darauf hinweist, dass sich der gärende Rassismus in Deutschland nach dem Foto mit Erdogan bei vielen Menschen Bahn gebrochen hat – gegen ihn und gegen Gündogan. Aber was Özil dabei unterschlägt: Auch viele liberal denkende Menschen hierzulande waren enttäuscht, dass sich zwei deutsche Nationalspieler freudig erregt mit dem türkischen Despoten zeigen. Der Druck auf Özil und Gündogan, aber auch auf den DFB und seinen Präsidenten Reinhard Grindel, kam also aus zwei ganz unterschiedlichen Richtungen. Das machte es so schwer, damit umzugehen.

Özil und Gündogan wurden angefeindet, wie wohl nie zuvor Fußballer angefeindet worden sind in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht nur in den gnadenlosen Sozialen Netzwerken. So erbarmungslos waren die Pfiffe, dass Gündogan nach dem letzten Test vor der WM weinend in der Kabine in Leverkusen hockte. Özil war zuvor beim Länderspiel in Österreich von einem nicht kleinen Teil deutscher Fans ausgepfiffen worden. Das muss furchtbar wehgetan haben, gerade für einen, der vorher als vermeintliches Vorbild für gelungene Integration sogar bis hoch zur Bundeskanzlerin vereinnahmt wurde und sich dabei nie ganz wohlgefühlt hat.

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Er habe sich, sagt Özil, nach dem Foto nicht mehr geschützt, nicht mehr respektiert gefühlt. Das ist, mit Verlaub, kühn formuliert. DFB-Manager Oliver Bierhoff hat sich nicht nur in Leverkusen vor die beiden Spieler gestellt, auch Bundestrainer Joachim Löw stellte ebendort mit Worten und Gesten klar, dass er die Missfallensbekundungen für die türkischstämmigen Spieler in dieser Form nicht akzeptieren kann.

Der DFB sorgte zudem dafür, dass beide Spieler sich mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue trafen, auch um zu dokumentieren, dass sie zu Deutschland gehören. Özil soll diesen Termin im Gegensatz zu Gündogan nur sehr ungern wahrgenommen haben. Seine Körpersprache auf dem veröffentlichen Bild mit Steinmeier dürfte das bestätigen. Offenbar fühlte er sich bei Erdogan wohler, wohlgemerkt: einem Mann, der Andersdenkende in Kerker werfen lässt.

Puzzleteil des Scheiterns

Zudem: Viel mehr Rückendeckung als der Bundestrainer Özil gegeben hat, dürfte ein herkömmlicher Spieler sich kaum wünschen können. Löw sah gemeinsam mit Bierhoff unter anderem darüber hinweg, dass Özil sichtlich schlecht gelaunt durchs Trainingslager in Südtirol lief und dass er es rundheraus ablehnte, sich dort beim Medientag zu stellen. Zudem ließ Löw nie einen Zweifel, dass beide Spieler unbedingt zum deutschen WM-Kader in Russland gehören müssten. Sie haben dort dann - sicher auch aufgrund der besonderen Umstände – bei weitem nicht ihr Potenzial abgerufen. Der Fall Erdogan war ein Puzzlestück im deutschen Scheitern. Daran trägt Mesut Özil zumindest eine Mitverantwortung. Mit dem Foto und mit seinem Verhalten danach.

Der Spieler hat sich nie mehr bei Löw gemeldet. Versuche von dessen Seite, Kontakt mit seinem ehemaligen Lieblingsschüler aufzunehmen, scheiterten mehrfach. Das sagt auch einiges über den Charakter des Profis. Özils Abschied wurde im Sommer 2018 zur medialen Inszenierung und eiskalt kalkulierten Abrechnung, die nie und nimmer aus seinem Kopf allein gewachsen sein kann. Man hätte sich mit mehr als einem Jahr Abstand ein paar selbstkritischere und verbindlichere Töne von Özil gewünscht – zudem einen glaubwürdigeren Kampf gegen Rassismus als nur den im eigenen Sinne. Aber erwarten konnte man das nicht.

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