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Messi, Ronaldo und Co.: Größer als die Mannschaft

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Von: Günter Klein

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Stars auf einen Blick - im deutschen Dress wird Toni Kroos angepriesen, längst kein Nationalspieler mehr, bezeichnend.
Stars auf einen Blick - im deutschen Dress wird Toni Kroos angepriesen, längst kein Nationalspieler mehr, bezeichnend. © Imago

Messi, Ronaldo, Mbappé und Co. definieren den Begriff des Fußball-Superstars neu.

Ein großartiges Bild, Zeugnis einer Verrücktheit: Hunderte Fotografen standen an der Seitenlinie des Lusail Stadium, als die Nationalhymnen gespielt wurden, doch keine Linse richtete sich auf die zur Startelf aufgereihten portugiesischen Spieler. Denen wurde der Rücken zugekehrt. Das Motiv stand vor der Bank, ihm galt alle Aufmerksamkeit: Cristiano Ronaldo. Die Geschichte war: Da ist der Superstar, der wohl bekannteste Fußballer der Welt – und er ist nur Ersatzmann. Später wurde „CR7“ eingewechselt. Als er sich zum Warmlaufprogramm erhob, ging ein Raunen der Begeisterung durch die vollbesetzten Ränge.

Cristiano Ronaldo mit Portugal, Lionel Messi mit Argentinien, Neymar mit Brasilien, ein wenig auch Luka Modric mit Kroatien und – schon ausgeschieden – Robert Lewandowski mit Polen, es ist das Turnier der großen Namen des Weltfußballs; es fehlten eigentlich nur Sadio Mané, der seiner Heimat Senegal nicht helfen konnte, weil er sich kurz vor der WM verletzte, ebenso wie Frankreichs Karim Benzema, und Mo Salah, da sich Ägypten nicht qualifizierte. Dafür spielt sich ein junger Stürmer nun endgültig in die Reihen der Super-Promis: Frankreichs Kylian Mbappé. Die WM ist gut besetzt wie selten – allerdings hat der Fußball auch noch nie so gewirkt, als wäre er eine Einzelsportart.

Werbung mit Einzelsportlern

Erscheint in den Stadien das Gesicht eines Großen auf der Videowand, werden seine Nummer und der Name angesagt, sind die Reaktionen auf den Rängen ekstatisch. Am ausgeprägtesten ist es bei Lionel Messi, auch arabische Fans tragen Argentinien-Trikots mit seinem Namenszug. Messi, 35, und der zwei Jahre ältere Cristiano Ronaldo sind größer als ihre Vereins- und Nationalmannschaften. Sie haben den Begriff des Fußballstars neu definiert, durch sie schenkte die Welt der Auszeichnung „Ballon d’Or“ Beachtung, als wäre er der bedeutendste Wettbewerb des Sports. Gefördert hat diese Individualisierung auch die Sportartikelindustrie. Adidas begann vor 15 Jahren, aus dem klassischen Vereinssponsoring auszusteigen (es blieb nur der FC Bayern), die Herzogenauracher merkten, dass ein millionenfach verkauftes Replica-Trikot mit Messi-Flock einträglicher ist als der Verkauf von Trikotsätzen in die Amateurkickerszene. Nike hat Ronaldo unter Vertrag.

Cristiano Ronaldo, bei dem die Leistungskraft nachlässt, ist dabei, seinen Status als Spieler im Zentrum seines Teams zu verlieren – bei den anderen Megastars ordnet sich der Trainer unter. Lionel Scaloni, der Chefanweiser Argentiniens, sagt über Messi: „Ich würde ihn nie auswechseln.“ Dabei hätte er Argumente dafür: Im letzten Spiel betrug die Laufleistung von Messi 8,6 Kilometer – die schwächste unter allen WM-Akteuren. An der Defensivarbeit beteiligt er sich auch nicht. Bei den Brasilianern ist Neymar der Augapfel von Trainer Tite: „Er ist der Unterschied, unser Wettbewerbsvorteil.“ Weil Tite weiß, dass sich die Berichterstattung vor allem um den 30-jährigen Neymar dreht, bringt er zu den Pressekonferenzen Co-Trainer und Teamarzt oder Physiotherapeut mit, die die taktische Rolle und die gesundheitliche Befindlichkeit des Spielmachers beschreiben.

Bei Polen hat Robert Lewandowski als zweimaliger Weltfußballer eine Reputation erreicht, mit der er als Einzelspieler wahrgenommen wird. Als Argentinien und Polen am letzten Vorrundenspieltag aufeinandertrafen, fand die knifflige Situation Polens und das glückliche Weiterkommen bei den internationalen Medien keine Beachtung, Hauptgeschichte war eine Konfrontation der beiden Granden kurz vor Schluss. In der Interviewzone wurde Lewandowski gejagt. Alle wollten wissen: Was habt ihr gesprochen?

Deutscher Star? Toni Kroos!

Polens Trainer Czeslaw Michniewicz musste öfter erklären, warum sein Weltfußballer in der Nationalmannschaft nicht so spektakulär spielt wie bei Bayern oder Barcelona. Um Lewandowski zu schützen, musste Michniewicz dessen Mitspieler kleinreden. Sie könnten ihren Kapitän gegen Mexiko, Argentinien und Frankreich nicht so bedienen „wie gegen Andorra oder San Marino“.

„Wenn Trainer sagen, sie würden alle Spieler gleich behandeln, ist das eine Lüge“, sagt Walid Regregui, der aufsteigende Trainerstar des Turniers, der mit Marokko das Viertelfinale erreicht hat. Auch er hat einen Spieler, den er über die anderen stellt: Hakim Ziyech, der in England (FC Chelsea) als Trainerfresser gilt. „Er ist wie Neymar und Mbappé“, sagt Regregui, „nicht wie andere Spieler. Die Fans wollen ihn sehen. Er muss geliebt werden, und ich liebe ihn.“

Aktuelle deutsche Fußballer sind beim Trend zum ihre Teams überstrahlenden Topstar außen vor. Wer wäre momentan überhaupt das deutsche Fußballgesicht für die Welt? Die Auflösung findet sich in Doha, in der Kunstgalerie des Souk Waqif. Dort wurde pro Nation ein Spieler als Gemälde verewigt (Preis 465 US-Dollar): Es ist Toni Kroos – aus dem DFB-Team zurückgetreten vor eineinhalb Jahren.

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