+
Ausgelassen Weihnachtsparty: die Dortmunder Profis lassen sich von ihren Fans feiern.

BVB

Meisterklänge voller Demut

  • schließen

In Dortmund üben sich Trainer Lucien Favre und die Bosse trotz der Wintermeisterschaft in Zurückhaltung.

Es war ein wildes Musikgemisch, das in der Nacht auf Samstag durch die warme Dortmunder Dezemberluft hämmerte. Der DJ auf der großen Fan-Party vor dem schwarz-gelben Fußballtempel wechselte munter zwischen „Hey Jude“ von den Beatles, der Discoversion von Reinhard Meys „Über den Wolken“ und den weltberühmten Sirtaki-Klängen von „Zorbas The Greek“. Im Inneren der Arena lief, deutlich leiser, ebenfalls Musik. Und Lucien Favre blieb dort nach dem 2:1 über Borussia Mönchengladbach extra stehen, um einem der melodischen Songs der schottischen Sängerin Amy Macdonald zu lauschen.

Die Weihnachtspause verbringt Dortmunds Trainer in seiner Schweizer Heimat. Womöglich kommt dem 61-Jährigen dort auch in den Sinn, wie er vor zwei Jahren mit OGC Nizza Herbstmeister wurde, bis zum Saisonende aber auf Platz drei zurückfiel. Auch mit dem BVB überwintert er nun – mit komfortablem Vorsprung – auf Rang eins, Verfolger Gladbach etwa hinkt jetzt wieder neun Punkte hinterher, die Bayern weiterhin sechs Zähler. Favre vermeidet trotzdem selbst den zartesten Anflug von Euphorie. „Wir arbeiten seriös weiter, um kleine Fortschritte zu machen. Am 19. Januar ist das nächste Spiel, gegen Leipzig“, verabschiedete er sich in die kurze Auszeit.

Die eiserne Gewissenshaftigkeit ihres Übungsleiters ist ein Dortmunder Trumpf auf dem Weg Richtung neunte Meisterschaft. Beim letzten BVB-Titel im Mai 2012 trainierte Favre noch die Gladbacher, damals unter anderem mit Marco Reus. „Lucien Favre hat sich seitdem auch weiterentwickelt“, verglich der Nationalspieler, die schwarze Kapuze seines Pullis tief ins Gesicht gezogen, die gemeinsamen Zeiten bei den beiden Borussias. Anschließend führte er einige Details an: Wie man Zwei-gegen-eins-Situationen auf den Außenbahnen kreiert, den Gegner zustellt – oder dessen Flanken verhindert. „Das sind Kleinigkeiten, die uns nach vorne gebracht haben. Dafür hat er ein Auge – und auch die perfekten Spieler“, sagt Reus.

Das große Plus des BVB in dieser Saison, die siegbringenden Einwechselkräfte, ist schon jetzt Legende. Der Spanier Paco Alcacer, als Startspieler diesmal nach einer guten halben Stunde verletzt ausgewechselt, besticht als fleischgewordene Torfabrik von der Reservebank. Zudem ist da Jungstar Jadon Sancho, der gegen Gladbach aus spitzem Winkel zum 1:0 traf – und über den Reus sagt: „Er ist schon ein richtig guter Zocker. Manchmal glaube ich es nicht, dass er erst 18 ist.“ Die Westfalen konnten in diesem Herbst auf ein gutes Dutzend an Leistungsträgern zurückgreifen, am allerwichtigsten aber waren der 29-jährige Reus auf seiner Lieblingsposition als hängende Spitze – und Mittelfeldstratege Axel Witsel, ebenfalls 29.

„Wir haben ein positives Ende gefunden“

Der belgische Neuzugang überzeugte vom Start weg, ist mit seiner positiven, ruhigen Art vor allem für die vielen jungen Spieler im Kader ein wichtiger Orientierungspunkt. Obwohl er als zuverlässiger Mann vor der Abwehr in der Sommervorbereitung, wie Reus betonte, keine einzige Trainingseinheit mitgemacht hat.

„Er spielt genaue Pässe, verliert kaum einen Ball. Das hat uns in den vergangenen Jahren gefehlt“, analysiert der BVB-Kapitän. Wobei Reus selbst, Schütze von elf der 44 Dortmunder Tore, in der Form seines Lebens und auch außerhalb des Platzes zu einer echten Persönlichkeit gereift ist. „Er hat eine super Hinrunde gemacht“, lobt Trainer Favre – der sich die Daumen drücken wird, dass speziell Witsel und der verletzungsanfällige Reus nun auch unversehrt durchs Frühjahr kommen.

Nach der ersten Saisonniederlage bei Aufsteiger Düsseldorf am Dienstag direkt wieder die Kurve bekommen zu haben, ist für die Grundstimmung in Dortmund von enormem Wert. „Wir haben ein positives Ende gefunden, das war wichtig“, sagte der für Alcacer eingewechselte Mario Götze, Passgeber bei beiden Toren der Gastgeber. Wobei Reus, kurz nach der Pause zum 2:1 erfolgreich, an wichtige Spiele erinnerte, die der BVB in zurückliegenden Jahren in den Monaten November und Dezember verlor. „Das war diesmal nicht so“, goutierte der gebürtige Dortmunder. „Das kann uns viel Kraft geben für den Rest der Saison.“

Ähnliches prophezeit auch Sebastian Kehl. Der frühere Kapitän des BVB ist beim Spitzenreiter seit Juni Leiter der Lizenzspielerabteilung, nach dem Sieg gegen Gladbach kündigte er an: „Wir bleiben gierig, greifen auch im neuen Jahr wieder an.“ Und fügte als gelehriger Mitarbeiter von Monsieur Favre hinzu: „Wir werden unsere Beständigkeit und Demut beibehalten – denn das hat uns stark gemacht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion