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Wiedersehen in Leipzig: Ibrahima Konate (rechts) trifft auf den Dortmunder Marco Reus.

Borussia Dortmund

Meister im Understatement

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Der verbale Flachpass ist wichtiges Stilmittel bei Borussia Dortmund im Titelkampf ? Favre muss sich da nicht verstellen.

Sebastian Kehl hat kürzlich eine weitere Aufgabe angenommen. Neuerdings gehört der ehemalige Nationalspieler dem Kuratorium der DFL-Stiftung an, und seine Ernennungsurkunde erhielt der 38-Jährige am vergangenen Dienstag auf ausgeleuchteter Bühne in einer Frankfurter Eventlocation beim DFL-Neujahrsempfang. Er sei selbst früh Vater geworden, erklärte Kehl, deshalb wisse er, wie wichtig es sei, sich für die Integration junger Menschen am gesellschaftlichen Leben einzusetzen. 

Nichts von dem, was der langjährige Bundesligaspieler von Borussia Dortmund sagte, klang aufgesetzt. Einen zurückhaltenden Tonfall pflegte der Leiter der Lizenzspielerabteilung zudem, als er auf die Rückrunde der Fußball-Bundesliga angesprochen wurde. Die Meisterschaft sei „ein harter Kampf, sechs Punkte sind nicht so viel.“ Klar: Die Saat sei „viel schneller aufgegangen als erwartet“. Aber: „Es gibt noch eine Menge zu tun – gerade in Leipzig. Abwarten, was am Wochenende passiert.“ 

Schon die erste Aufgabe in Leipzig (Samstag 18.30 Uhr) gilt als Lackmustest. Zwei Wochen später gastieren die Westfalen bei Eintracht Frankfurt. Und auch in München und Mönchengladbach wird der BVB noch vorstellig. Überheblichkeit scheint eingedenk dieser Konstellation wirklich fehl am Platze. Immerhin: Im Topspiel stehen die Torgaranten Marco Reus und Paco Alcacer wieder zur Verfügung, was BVB-Trainer Lucien Favre sehr erfreut, der ansonsten kaum Einblicke ins Innenleben gestattet.

Der Fußballlehrer mit dem frankophonen Zungenschlag versteckt sich hinter derselben Fassade, um die Aufgeregtheiten auszublenden: In einer Endlosschleife wiederholt der Schweizer sein Mantra fast so häufig wie taktische Übungen. „Weiter arbeiten. Spiel für Spiel. Das wird sich nicht ändern. Sehr gut und hart trainieren“, zählt Favre im Stakkato auf, wer ihn zur Zielsetzung befragt. 

Der 61-Jährige betätigt sich als verschmitzter Tiefstapler, der sich nicht zu einer konkreten Vereinbarung verleiten lässt. Seine von Demut geprägte Philosophie hat bereits das Dortmunder Gebilde überzogen wie Feinstaub die Häuserwände nach dem Silvesterfeuerwerk. 

Der verbale Flachpass ist zum Stilmittel bei den Schwarz-Gelben geworden. Vorstandschef Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc bedienen diese Sprachregelung und heben weiterhin den FC Bayern München aufs Favoritenschild. „Wer sich wirtschaftlich in solchen Größenordnungen bewegt, der muss auch damit leben, immer die Favoritenrolle zu haben“, beschied BVB-Boss Watzke zuletzt. 

Der FC Bayern vermeldete jüngst einen Rekordumsatz von 657 Millionen Euro, beim BVB waren es 536 Millionen Euro. Darin flossen allerdings 222 Millionen an Transfererlösen ein, daher besteht beim Gehaltsetat noch eine Differenz von rund 60 Millionen.

Von wirtschaftlichen Nachteilen ist beim sportlichen Quervergleich indes in dieser Saison nichts zu sehen, doch dafür klopfen sich die Verantwortungsträger nicht selbst auf die Schulter. „Für Träumereien bekommen wir keinen Sieg, keinen Punkt, nicht mal einen Einwurf“, beteuerte Zorc. Was das Scouting und die Entwicklung internationaler Talente angeht, haben Dortmund und vielleicht sogar Leipzig bereits einen Vorsprung vor den zu lange mit dem Umbruch wartenden Bayern. 

Das wichtigste Faustpfand für den Tanz auf drei Hochzeiten: Das BVB-Team kommt wieder als Einheit daher. Kehl spielt eine Schlüsselrolle beim Zusammenhalt, weil er das Ohr als ehemaliger Aktiver eng an den Akteuren hat. Seine Rolle beschrieb der smarte Ex-Profi einmal so: „Was ich mit den Spielern bespreche, bleibt unter uns. Ich will Vertrauen aufbauen und eine Bindung schaffen, die geprägt ist von Offenheit, Ehrlichkeit und Kommunikation.“ Gleichzeitig sei er aber derjenige, der immer an die Eigenverantwortung appellieren wird. Fördern und fordern. 

Der Mittler Kehl entlastet damit Trainerstab und Management. Zorc, 56, kann sich um die Kaderplanung, Watzke, 59, um die Gesamtstrategie kümmern – und Matthias Sammer besitzt als Berater eine externe Beobachterposition, die mit vielen Freiheiten versehen ist. 

So musste der ehemalige Bayern-Sportdirektor auch seinen Job als Fernsehexperte nicht aufgeben. Das bayrische Oberhaupt Uli Hoeneß merkte allerdings spitzzüngig an, Borussia Dortmund brauche für seine ganzen Berater wohl einen Gelenkbus. Watzke reagierte gelassen: „Einer meiner guten Entscheidungen war es, solche Kommentare aus München nicht ständig zu kommentieren. Ich stelle fest, dass sich die Bayern inzwischen wieder mit dem BVB beschäftigen.“ Mit dem Klub, der bereits Meister im Understatement ist.

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