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Mehr als nur ein Augenzwinkern

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Von: Frank Hellmann

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Ein Leben für den Fußball: Rudi Völler springt mal wieder ein, um dem DFB und der Nationalelf auf die Beine zu helfen. dpa
Ein Leben für den Fußball: Rudi Völler springt mal wieder ein, um dem DFB und der Nationalelf auf die Beine zu helfen. dpa © dpa

Rudi Völler tritt mit der bekannten Mixtur aus Optimismus und Pragmatismus seinen Job als Sportdirektor der deutschen Nationalmannschaft an.

Es konnte niemand verwundern, dass Rudi Völler seiner Vorstellungsrunde noch das eine oder andere Augenzwinkern voranstellte. Schließlich blickte der künftige Sportdirektor der deutschen A-Nationalmannschaft und U21-Auswahl im Pressekonferenzraum auf dem DFB-Campus am Freitag in einige bekannte Gesichter, die ihm schon in seiner Zeit als Teamchef begleitet haben. Zwei Jahrzehnte später hat sich „Tante Käthe“ schon wieder überreden lassen, um den Verband aus einer tiefen Vertrauenskrise zu führen. Die Mission käme ihm schon wie ein „kleines Déjà-vu“ vor, erzählte der gebürtige Hanauer, dessen hohen Sympathiewerte der DFB so nötig hat wie ein Durstiger einen Schluck Wasser in der Wüste. Völler nippte zwischendrin lieber an seiner Kaffeetasse.

Der 62-Jährige hat eine aufregende Woche hinter sich, in der er beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) einen Ehrenpreis empfing und tags darauf auf dem Bieberer Berg eine Trauerrede für seinen einstigen Förderer und sein Idol Hermann Nuber von den Offenbacher Kickers hielt. Solche Rollenwechsel wird es auch brauchen, wenn er mehr als eine Gute-Laune-Lösung auf Zeit sein will. Auch wenn er weniger mit strategischen Aufgaben betraut ist, sondern zuvorderst wieder eine bessere Atmosphäre um das Aushängeschild der Männer herstellen muss, will Völler mit „viel Elan und Freude“ vorangehen – und natürlich seine Erfahrung einbringen.

Die auf allen Ebenen vermasselten WM in Katar hat auch den Weltmeister von 1990 getroffen. „Beim Teamspirit, Teamgeist: Da haben ein paar Prozent gefehlt.“ Deutschland dürfe sich ruhig ein Beispiel an den erfolgreichen Teams wie Kroatien, Marokko und nicht zuletzt Argentinien nehmen. Deren Kader seien vom Personal gewiss nicht stärker („Argentinien ist nicht besser als wir“), aber die Leidenschaft und der Willen, jeden Ball zu verteidigen, seien vorbildlich gewesen. Deutschland aber müsse sich fürs Heimturnier auch nicht zu sehr sorgen: „Ich bin überzeugt, dass wir eine Mannschaft haben, die in anderthalb Jahren um den Titel mitspielen kann.“

Spitze gegen Nancy Faeser

Er sprach ungefragt das „Theater um die Binde“ an, „es wäre besser gewesen, wenn das einen Tag vor dem Spiel kein Thema mehr gewesen wäre. Und auch unsere Innenministerin hätte das eine oder andere besser gelassen.“ Eine kleine Spitze gegen die ihm gut bekannte Nancy Faeser. Beim gerne rückwärtsgewandten Völler ist sportliche Erfolg immer noch die Basis für alles: „Wir müssen die Fans zurückgewinnen und guten Fußball spielen.“

Zudem sei es wichtig, wieder „eine gewisse Nähe“ zu gewähren. Der mitunter vage formulierende Sportdirektor wollte jedoch keine öffentlichen Trainingseinheiten versprechen, um Bundestrainer Hansi Flick nicht ohne Absprache in die Bredouille zu bringen: Ein längeres Telefonat der beiden gab es schon, ein Treffen soll kommende Woche auf dem DFB-Gelände soll folgen, wobei Völler ankündigte, „so oft es geht vor Ort zu sein“.

Sein größter Antrieb ist es, mit der Heim-EM ein Sommermärchen 2.0 zu kreieren. Ohne ein eigenes Nationalteam, hinter dem sich alles versammeln, wird es laut Völler schwer. Dass bis dahin nur Freundschaftsspiele anstehen – offenbar Ende März zuerst gegen Peru in Mainz, dann gegen Belgien in Köln – macht den herbeigesehnten Schulterschluss nicht einfacher. Aber wenn die Verbindung mit den Fans jemand schafft, dann der alterslose Volksheld mit grauem Haar, der bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in neuer Rolle wieder mit einer Mischung aus Optimismus und Pragmatismus gefiel.

Der erste Vorschlag zu seiner Ernennung kam übrigens vom Liga-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke („Rudi, das wäre doch das was für dich!“). Dessen erste Reaktion fiel zwar verhalten aus („Ich war nicht so richtig überzeugt. Gibt es keinen anderen?“), doch Watzke und Co. leisteten offenbar rasch Überzeugungsarbeit. Am Donnerstagabend erteilte der Aufsichtsrat der DFB GmbH, der weitgehend aus Präsidiumsmitgliedern besteht, grünes Licht für die prominente Personalie. Gelöst wird gleichwohl nur ein kleiner Teilbereich der vielschichtigen Probleme. Langfristig sind strukturelle Reformen innerhalb der mit dem Fußball betrauten Direktion unausweichlich, in der Oliver Bierhoff einen viel zu großen Aufgabenbereich verantwortete.

Innerhalb einer Arbeitsgruppe unter Generalsekretärin Heike Ullrich, aber auch unter Einbindung der nicht aufgelösten Task-Force soll geklärt werden, wie die Zukunftsthemen wie Nachwuchsförderung, Trainerausbildung oder Akademie bearbeitet werden. Völler hat damit nichts zu tun. „Ich bin nicht berufen, die Ausbildung auf dem Campus zu verändern.“ Problematisch werde es aus seiner Sicht in sechs, acht oder zehn Jahre: „Die nächsten Jahre werden wir noch eine wunderbare Mannschaft haben, aber dann mache ich mir Sorgen.“ Seine Tätigkeit aber soll im Sommer 2024 beendet sein. „Das ist wirklich der Plan“, sagte er – und zwinkerte nicht mal.

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