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Mehr als Neymar

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Von: Thomas Kilchenstein

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Eckt mit seiner Nähe zum rechten Politiker Bolsonaro auch innerhalb des Teams an: Superstar Neymar.
Eckt mit seiner Nähe zum rechten Politiker Bolsonaro auch innerhalb des Teams an: Superstar Neymar. © Nelson Almeida/afp

Der ewige Titelfavorit Brasilien hat ein sportlich nahezu perfekt austariertes Team zusammen

Auf Reisen im Ausland pflegt Tite, der Coach der brasilianischen Nationalmannschaft, einen religiösen Ort aufzusuchen, um zu beten. In Doha hat er das auch getan, im Trainingsanzug ging der Christ in eine Moschee und hielt Zwiesprache mit dem Herrn. Sieht es so arg aus um die Selecão, dass die sportliche Führung um Beistand bei himmlischen Mächten bitten muss?

Das wäre tatsächlich eine ziemlich gewagte Aussage.

Das Gegenteil ist der Fall. Brasilien, der ewige Favorit auf einen WM-Titel, geht sportlich so gefestigt und perfekt austariert in ein großes Turnier wie lange nicht mehr. Die 22. Teilnahme an einer Weltmeisterschaft soll natürlich mit dem sechsten Stern gekrönt werden, so wie immer eigentlich, wenn Brasilianer um den höchsten Pokal spielen, den sie zuletzt 2002 gewonnen hatten. Diesen Druck kennen sie, damit können sie meist umgehen, es sei denn, es steht in Belo Horizonte ein WM-Halbfinale gegen Deutschland an. Dieses „sete a um“ nagte lange an der brasilianischen Seele, es hat eine Weile gedauert, ehe das landestypische Selbstbewusstsein zurückgekehrt war. Zuletzt hat Raphinha, Stürmer beim FC Barcelona, ganz ungeniert ausgeplaudert, man habe zehn verschiedene Torjubel einstudiert. Muss man erwähnen, dass sich Neymar bereits den sechsten Stern virtuell auf die Hose getackert hat?

Politisches in der Selacão

Neymar also, an ihm führt kein Weg vorbei. Dieser Tage hat Romario, der 1994 beim vorletzten Titelgewinn in den USA mit fünf Toren glänzte, dem Superstar einen Offenen Brief geschrieben, der vor Pathos triefte: „Niemand verdient es mehr als du, diesen sechsten WM-Titel nach Hause zu bringen. Der Moment kommt. Ich vertraue dir. Oder besser gesagt: Brasilien vertraut dir.“

Auch das ist ein bisschen gewagt. Neymar mag der primus inter pares sein in der Selecão, aber er ist einer, an dem sich die Nation reibt. Seine Parteinahme, ja Nähe zum rechtsradikalen Ex-Präsidenten Jair Bolsonario hat ihm nicht nur Freunde gemacht. Neymar, inzwischen 30, verkörpert wie kaum ein Zweiter die Zerrissenheit des mit etwa 210 Millionen Einwohner größten Landes Südamerikas, die einen lieben ihn wegen all der unglaublichen Dinge, die er mit dem Ball anstellt, die anderen verachten ihn wegen seiner politischen Aussagen, seinem Hang zu Schauspielerei und Theatralik. Sogar sein erstes WM-Tor wollte er Bolsonaro widmen, hatte Neymar damals angekündigt. Die Spaltung des Landes ist auch an der Selecão nicht spurlos vorbeigegangen, in Tites Team gibt es glühende Anhänger des gemäßigten Linken Lula, der die Präsidentenstichwahl Ende Oktober knapp gewonnen hat. Der Brief des Bolsonario-Parteigängers Romario wird kritisch gesehen, Neymar polarisiert weiterhin.

Dabei ist die Kreativkraft aktuell in Form wie lange nicht mehr, körperlich topfit. Bei Paris St. Germain glänzt er mit dem besten Saisonstart seiner Karriere, 15 Tore und zwölf Vorlagen gelangen ihm in 20 Pflichtspielen. Er ist vor der Saison früher aus dem Urlaub zurückgekehrt, hat hart trainiert, hat sogar, so gut es ging, soziale Events gemieden und sich – bis auf die Wahlen - auf Fußball fokussiert. Er sei „der emotionale Leader“, sagte sein früherer Trainer Mauricio Pocchettino der „Süddeutschen Zeitung“. Seine Stärke sei, „sich nicht zu schämen, wenn er den Ball verliert“, er probiere es gleich erneut. Er finde „Zufriedenheit im Schwierigen“. In 121 Länderspielen hat er 75 Tore erzielt.

Vielleicht ist aber das größte Plus dieses brasilianischen Starensembles: Sie ist nicht mehr allein abhängig von Neymar. Es stehen so viele überragende Spieler im Kader, die Spiele zur Not alleine entscheiden können. Tite, der das Team 2016 übernahm, konsolidierte und von den letzten 50 Spielen 37 gewonnen und drei verloren hat, unter anderem das Copa-Finale 2021 gegen Argentinien, hat die Ausweitung des Aufgebots auf 26 Spieler dazu genutzt, noch ein paar Stürmer mehr in den Kader zu holen. Brasilien hat neun Angreifer aufgeboten, so viele wie keine andere der 32 Mannschaften. Nebenbei steht die Abwehr um Thiago Silva stabil, in den letzten 76 Spielen gab es lediglich 27 Gegentore.

Doch Brasilien hat keine leichte Gruppe. Kamerun, Schweiz, Serbien mit dem Ex-Frankfurter Filip Kostic, heute Abend (20 Uhr) erster Gegner, sind nicht zu unterschätzen.

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