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Mehr als eine Prise Patriotismus

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Von: Frank Hellmann

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Duell der kleinen Giganten: Luka Modric gegen Lionel Messi.
Duell der kleinen Giganten: Luka Modric gegen Lionel Messi. © afp

Die Mission eines Lionel Messi gegen die Passion eines Luka Modric: In dem WM-Halbfinale zwischen Argentinien und Kroatien spiegelt sich die Haltungen der Kapitäne wider.

Eine gewisse Aufregung ist in Doha schon überall zu spüren. Erste Vorbereitungen werden getroffen und allerlei Veranstaltungen angekündigt. Der 18. Dezember ist Katars Nationalfeiertag. Und zufällig auch Endspieltag dieser WM. Es heißt, dass viele Einheimische kommenden Sonntag wirklich aus sich herauskommen – auch aus ihren gesicherten Häusern. Es könnte gut sein, dass sich dann alles miteinander vermengt: der feiernde Gastgeber mit fröhlichen Finalisten. Stimmungsvoll wird es bereits wieder, wenn Argentinien gegen Kroatien das erste Halbfinale (Dienstag 20 Uhr/ARD) bestreitet.

Anhänger der „Albiceleste“ werden zuvor wieder die Metropole und die Metro Richtung Lusail beschallen. Von Al Wakra, der Einstiegsstation im Süden, dauert es bis zur Endstation im Norden dauert ungefähr die Halbzeit eines Fußballspiels, und dort ist es oft schon lauter als später im goldenen Tempel. Durch ein Lied, das nicht nur vom Fußball handelt: Mit dem Land von Diego (Maradona) und Lionel (Messi) werden auch die „Jungs von Las Malvinas“ gesungen, die Soldaten der Falklandinseln, die Anfang der 80er Jahre bei dem Konflikt ihr Leben verloren. Dann geht’s um die Leiden, die der Fußball über Argentinien nach den Weltmeistertiteln 1978 und 1986 gebracht hat: 28 Jahre ohne Titel lagen zwischen dem Gewinn der Copa América 1993 und 2021.

Messi erklärte 2016 sogar frustriert seinen Rücktritt. Er kam schnell wieder – und war bei der WM 2018 die Symbolfigur der Lustlosigkeit. Zum Tiefpunkt geriet ein 0:3 im zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien. Das Aus im Achtelfinale gegen den Weltmeister Frankreich kam folgerichtig. Heute ist der 35-Jährige nahezu berauscht, seiner Karriere einen weltmeisterlichen Anstrich zu geben, der alles überstrahlen würde. Der in 170 Länderspielen 95 Mal erfolgreiche Kapitän befindet sich bei seiner fünften WM auf einer Mission.

Der Weltstar wirkt so fokussiert und engagiert wie nie zuvor im Nationaltrikot. Er wartet schon im Kabinengang, um diese Auswahl als Erster zum Aufwärmen aufs Feld zu führen. Die bereits im Stadion befindlichen Himmelblauen, fast alle mit der Zehn auf dem Rücken, veranstalten einen Heidenlärm. Es steigert sich zum Inferno, wenn Messi wirklich losdribbelt. Man folgt seinen Pässen, seinen Gesten – und neuerdings seinen Worten. Trainer Lionel Scaloni hat es geschafft, Messi und Mitspieler zu einer Einheit zu verschweißen, aber erreicht ist bis jetzt noch nichts. „Wir wissen, dass ein ganzes Land uns unterstützt. Aber es ist immer noch ein langer Weg“, sagt der 44-Jährige. Seine Kicker sind Idole, die für die Sehnsucht ihres Volkers mit mehr als einer Prise Patriotismus antreten, sonst hätten sie nicht im Viertelfinale gegen die Niederlande so oft die Grenzen des Erlaubten überschritten. Aber ist es nicht beim Gegner genauso?

Kroatien konnte nur so weit kommen, weil ein Land mit knapp vier Millionen Einwohnern – Argentinien hat mehr als zehnmal so viele – seine natürliche Unterlegenheit durch Geschlossenheit und einen Stolz wettmacht, der bis zum Himmel reiche, wie Nationaltrainer Zlatko Dalic nach dem Viertelfinale gegen Brasilien betonte. „Es ist großartiger Erfolg für Kroatien, das wir wieder unter den besten Vier einer WM stehen. Aber wir wollen mehr“, lautet seine Devise fürs Halbfinale, in dem sich zwei Brüder im Geiste begegnen würden: „Beide Mannschaften spielen mit viel Emotionen, mit der Leidenschaft der Fans. Wir haben nicht so viele im Stadion, aber wir haben dieselben Gefühle für das Spiel.“ Der 56-Jährige ist keiner, der sich gegen mitunter nationalistische Töne im „kleinen Kroatien“ wehrt. Im Gegenteil: „So lange ich Trainer bin, wird die Nationalmannschaft ein Ort des Patriotismus, des Zusammenhalts, der sportlichen Qualität und der kroatischen Flagge sein.“

Sein Anführer heißt noch immer Luka Modric, der als Kind mitten in die Kriegswirren geriet. Der Fußball vermittelte dem unverwüstlichen Strategen in schweren Zeiten die meiste Orientierung, und vielleicht erklärt das seine Passion. Beim 37-Jährigen landet nicht nur jeder Ball vor einem Angriff, sondern beim 150-fachen Nationalspieler fließt die Liebe zum Land und zum Spiel zusammen. Nach dem WM-Finale 2018 gegen Frankreich (2:4) kam der geknickte Kapitän an Fifa-Präsident Gianni Infantino, Russlands Staatspräsident Wladimir Putin und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron vorbei, ehe ihn die damalige Staatpräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic tröstete, die sich ein kariertes Kostüm in den Landesfarben angezogen hatte. In der Kabine sangen alle gemeinsam.

Den Nationalstolz solle niemand falsch verstehen, erklärte Andrej Kramaric in einem Interview mit „11Freunde“: „Für Außenstehende ist das schwer zu begreifen. Aber wir alle sind Kinder der Kriegsgeneration und aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass Bekannte oder Verwandte für die Unabhängigkeit unseres Landes ihr Blut vergossen haben, damit wir heute in Frieden leben können.“ Man habe von den Eltern mitbekommen, so der Stürmer der TSG Hoffenheim, „für das Land durchs Feuer zu gehen.“ Das Nationalteam wird „Vatreni“ genannt, die Feurigen, die mit ihrer Hingabe für jede Topnation als Vorbild taugen. Am Montag kam mit Ivan Perisic einer ihrer Wortführer ins Virtual Stadium des Mediencenters. Der 33-Jährige hat dort am Tag vor dem Showdown im Lusail Stadium keine Weltneuheiten verkündet: „Messi will die Trophäe gewinnen, aber wir werden auch alles abrufen. Dann wird der Bessere gewinnen.“ Von Aufregung keine Spur.

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