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Meditieren mit Gianni

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Von: Günter Klein

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Im vertrauten Gespräch: Gianni Infantino und der Emir Tamim bin Hamad Al Thani.
Im vertrauten Gespräch: Gianni Infantino und der Emir Tamim bin Hamad Al Thani. © imago

Gianni Infantino, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, forciert eine App für „Schlaf, Meditation und Entspannung“. Sie heißt „Calm“ - das wirkt beruhigend für alle WM-Fahrer.

Man muss über die Fifa auch mal etwas Gutes sagen. Nämlich: Sie ist der größte Gesundheitsapostel der Welt. Ja, wir haben das jahrelang beobachtet. Vor der WM 2006 propagierte der damalige Präsident Sepp Blatter den Vertrieb einer DVD mit Aufwärmübungen für Fußballspieler aller Klasse, um Verletzungen zu reduzieren. Leider macht ab und zu noch ein Muskel zu und reißt ein Kreuzband, weil nicht ausreichend auf die Fifa gehört wird. 2010 in Südafrika begann der Fußball-Weltverband mit seinem Kampf für Hygiene, Straßen, die durch Townships führen, wurden beflaggt mit Hinweisen, man solle sich regelmäßig die Hände waschen. Und was geschieht 2022 in der Fifa-Gesundheitspolitik? Eine Revolution: Gianni Infantino, der jetzige Big Boss, forciert eine App für „Schlaf, Meditation und Entspannung“. Sie heißt „Calm“ (was wir mit „ruuuuhig“ übersetzen würden), wer mit der WM in Katar als Spieler, Volunteer oder sonst wie zu tun hat, bekommt sie gratis.

Das scheint eine feine Sache zu sein – etwa für den zweiten, dritten und vierten Torhüter im deutschen Kader. Sie können nun den Ärger wegsummen, dass sie ein paar Wochen (oder auch nur Tage) in der Wüste hocken müssen ohne Aussicht auf einen Spieleinsatz. „Calm“ dürfte auch zur Hektik neigenden Innenverteidigern präventiv dienlich sein – und fahrigen Stürmern.

Doch machen wir uns nichts vor: Die Spieler werden die App nicht nutzen. Schneidersitz nehmen sie höchstens ein, wenn es an die Spielkonsole geht, und da in Katar mit seinen Nahdistanzen allenfalls mal ein halbes Stündchen Bus gefahren werden muss, bleibt viel Zeit fürs Zocken. Diese Gelegenheit wird kein junger Fußballer sich damit nehmen, dass er versucht, seine Mitte zu finden.

„Calm“ ist vor allem gedacht für uns Reporter. Wir greifen zu, wenn etwas umsonst ist – und lassen uns einlullen. Wir werden brav über Sport schreiben und keine ausgebeuteten Arbeiter kontaktieren – ommm! Wir werden auf die 32 Länderflaggen achten und nicht nach dem Regenbogen suchen – ommm! Wir werden mit Aktivieren der App vergessen, dass der katarische WM-Botschafter Khalid Salman im ZDF Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnet hat – ommm! Die Stadien sind super, nie gab es eine nachhaltigere WM – ommm! Und nach dem 18. Dezember interessiert uns Katar nicht mehr – ommm! Infantinos App – teuflisch genial.

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