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Mbappé und der ausgebliebene Fluch

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Von: Frank Hellmann

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Auf Kylian Mbappé ist immer Verlass. Foto: AFP
Auf Kylian Mbappé ist immer Verlass. Foto: AFP © AFP

Gruppe A Scheinbar mühelos saust Frankreich durch die Gruppenphase und bastelt an der Titelverteidigung.

Es sind oft kleine Gesten, die das große Ganze am besten beschreiben. Gerade hatte sich Kylian Mbappé in der Nachspielzeit noch eine Trinkflasche reichen lassen und einen Schluck genommen, als am Spielfeldrand die Tafel mit der Nummer sieben aufleuchtete. Sofort ging Frankreichs Wunderstürmer einige Schritte zur Mittellinie und streckte die Hand in Richtung Antoine Griezmann aus, weshalb auch der Ausgewechselte einen letzten Umweg einbaute. Dann klatschten sich zwei Stars ab, deren kongeniale Koproduktion auf der Zielgeraden ein mitreißendes WM-Spiel entschieden hatte.

Um das sehr aufmüpfige Dänemark, zuletzt zweimal in der Nations League Bezwinger der Franzosen, mit 2:1 zu besiegen, musste die Equipe Tricolore im Stadium 974 – die Vorwahl für Katar – nicht nur an ihre Grenzen gehen, sondern auch die Qualitäten ihrer Nummer zehn nutzen: Wie Mbappé das 1:0 erzielte, als er mit Linksverteidiger Theo Hernandez Doppelpass spielte (61.), war genauso klasse anzusehen wie das 2:1, als der 23-Jährige den Ball mit dem Oberschenkel im Sprung über die Linie drückte (86.). Auch Nationaltrainer Didier Deschamps hüpfte von seiner Trainerbank, ballte die Fäuste und schrie seine Erlösung heraus.

Der Weltmeister hat also das Achtelfinalticket gelöst, das letzte Gruppenspiel gegen Tunesien ist nur Schaulaufen. Vom Fluch der Weltmeister kann niemand mehr reden, nachdem Italien (2010), Spanien (2014) und zuletzt Deutschland (2018) in der Vorrunde die Biege machten. Aber was, bitte, habe Frankreich damit zu tun, fragte sich Monsieur Deschamps immer. Diesmal rollte der 54-Jährige mit den Augen, wie es früher nur der Komiker Louis de Funès konnte. „Ich war nie in Angst, die Statistik hat mich nicht interessiert.“

Wie einst Zidane

Tapfere Dänen hatten zwischenzeitlich durch einen Kopfball von Andreas Christensen (68.) ausgeglichen, aber die besseren Individualisten führten „Les Bleus“ trotz ihrer vielen Ausfälle im Repertoire. Es muss für dieses Turnier gar kein Nachteil sein, dass in Didier Pogba, N’Golo Kanté, Presnel Kimpembe und zuletzt Lucas Hernandez wichtige Stützen von der WM 2018 weggebrochen sind. Und die Abreise ihres Torjägers Karim Benzema bedeutet zwar sportlich einen Nachteil, könnte aber atmosphärisch ein Vorteil werden, selbst wenn dessen früher artikulierte Geringschätzung gegenüber Olivier Giroud oder sein fortwährender Neid auf Mbappé längst kein Thema mehr ist. Zudem sind die Lektionen beim Achtelfinalaus gegen die Schweiz bei der EM im vergangenen Jahr noch präsent. Die damals von Pogba personifizierte Überheblichkeit bei einer 3:1-Führung wird sich in Doha und Umgebung niemand mehr erlauben.

Bei der Neustrukturierung ist offenkundig, dass Mbappé mehr Mitsprache einfordert, was ihn zu erheblichem Tatendrang animiert. „Kylian ist ein Leader. Auf seine Weise. Er ist nicht der Typ, der die lauten Kommandos gibt, aber er geht in dieser Mannschaft vorneweg“, versicherte Deschamps. Und „ein Ausnahmespieler, der fürs uns immer den Unterschied machen kann“, so der „General“, ist er ohnehin. Wenn Mbappé antritt, sieht das ungefähr so aus, als wenn reiche Kataris mit ihren Geländewagen durch die Sandwüste cruisen. Niemand kann diesen Wirbelsturm bei seiner Rekordjagd aufhalten: Mit sieben WM-Toren hat er Thierry Henry überholt und mit 31 Länderspieltoren steht er schon jetzt auf einer Stufe mit Zinedine Zidane. Wohin stürmt dieser Fußballer noch?

Klar, dass ihn Paris St. Germain vergangenen Sommer nicht abgeben wollte, wobei sie ihn ja nur vom verabredeten Wechsel zu Real Madrid abbringen konnten, indem absurde Summen an Handgeld und Gehalt, für Werbe- und Bildrechte – über letzteren Punkt stritt Mbappé kürzlich erbittert mit dem französischen Verband – flossen. Gemunkelt wird von einem Paket von fast einer halben Milliarde Euro, das letztlich der katarische Staatsfonds als PSG-Eigner schnürte. Dass der Superstar nun in eben jenem Wüstenemirat die Superreichen verzückte, die sich recht zahlreich unter das bunte Publikum in dem durchaus charmanten Container-Bau gemischt hatten, passte irgendwie.

Dänische Ruhe

Beinahe aber hätten die Dänen die Show unterbunden. Kasper Hjulmand hielt sich nach der Partie, in der sein Team vor allem in der zweiten Halbzeit einiges zum Unterhaltungswert beigetragen hatten, nicht lange mit der Niederlage auf. „Wir waren nahe dran, ein tolles Resultat zu machen, aber wir werden zurückkommen“, versprach der Nationaltrainer für das entscheidende Gruppenspiel gegen Australien am Mittwoch. Flugs erinnerte der 50-Jährige an die Situation bei der EM, als der Schock über den Herzstillstand bei Christian Eriksen die Welt berührte und den Dänen einen Fehlstart einbrachte. „Letztes Jahr hatten wir nach zwei Spielen noch keinen Punkt und mussten auch gewinnen. Wir haben es noch selbst in der Hand.“ Nach einem Sieg würde es bei den Dänen bei einem Handschlag vermutlich nicht bleiben.

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