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Maximal unter Druck

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Von: Jan Christian Müller

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Muss jetzt Lösungen finden, für vorne und hinten: Bundestrainer Hansi Flick.
Muss jetzt Lösungen finden, für vorne und hinten: Bundestrainer Hansi Flick. © dpa

Die deutsche Mannschaft ringt nach der WM-Niederlage gegen Japan mit sich selbst und muss schnell Lösungen finden. Denn am Sonntag gegen Spanien hilft eigentlich nur ein Sieg.

Am Tag nach dem heftigen Niederschlag gegen Japan wurde Hansi Flick Punkt zwölf Uhr mittags aus dem Mannschaftsquartier vom Nordrand der Wüste zum Videocall mit deutschen Medien geschaltet. Er saß da sehr aufrecht, braun gebrannt von der unbarmherzigen Sonne Katars, im schwarzen Shirt mit goldenem Verbandsabzeichen vor der Werbewand. Aber der Gemütslage entsprach dieser äußerliche Eindruck nicht. Natürlich nicht. Flicks Zündschnur ist merklich geschrumpft.

Dass sich der Bundestrainer am Tag nach einem Spiel noch einmal öffentlich stellt, war früher üblich, wurde aber seit der Übernahme durch Jürgen Klinsmann im Jahr 2004 vom Deutschen Fußball-Bund nicht mehr angeboten. Flick hat die Praxis jetzt pünktlich zur Weltmeisterschaft wiederbelebt. Nach einer Mütze Schlaf lassen sich manche Dinge besser erläutern als unmittelbar nach Schlusspfiff in einem unruhigen Pressezentrum, binnen sieben Minuten geleitet von einem Press Officer der Fifa, mit Kopfhörer am Ohr und Simultanübersetzung für die internationalen Medien.

Aber auch diesmal gab es Störgeräusche, die den Bundestrainer nervten. Weil einzelne der zugeschalteten Medien ihre Mikrofone wiederholt nicht stumm geschaltet hatten, kam es bei Flick auf dem Ohr zu lauten Rückkopplungen. Vielleicht auch deshalb blieb der Vortrag so oberflächlich. Kaum Mehrwert aus dem Gespräch, das auf weniger als eine Viertelstunde beschränkt wurde. Man musste schon sehr genau hinhören, um Schlüsse zu ziehen, was den Bundestrainer umtreibt vor dem nicht ganz unwichtigen Spiel am Sonntag (20 Uhr, ZDF) gegen Spanien. Es ist tunlichst geboten, dass Flick gegenüber den Spielern mehr in die Tiefe geht nach dem missratenen Start in diese missratene WM. Das wird er zweifellos auch tun.

Am frühen Abend zuvor hatte vor allem Ilkay Gündogan sich getraut, den Finger in die gerade klaffend aufgerissene Wunde zu legen. Der von Flick zu früh ausgewechselte Mittelfeldspieler machte seinem Kummer Luft. Seine Analysen trafen den Punkt; er wies darauf hin, dass sie es den Japanern viel zu leicht gemacht hätten, zwei Tore zu erzielen; er fragte sich verärgert, „ob bei einer WM schon mal ein einfacheres Tor erzielt wurde als das 2:1“, und er wiederholte seine Fundamentalkritik vom 0:1 gegen Ungarn neulich in Leipzig: „Man hatte das Gefühl, dass nicht jeder den Ball unbedingt haben wollte.“ Jedenfalls dann nicht mehr, als es kompliziert wurde. Gündogans Anmerkungen wurden in manchen Medien zur Kollegenschelte reduziert, was einer eher schlichten Auslegung des Gesagten gleichkommt. Flick jedenfalls unterstützt seinen derzeit besten Spieler: „Ilkays Meinung ist okay. Jeder Einzelne muss besser am Spiel teilnehmen.“

Dass das nun schon zum wiederholten Mal nicht der Fall gewesen ist – weshalb Flick von seinen letzten neun Spielen als verantwortlicher Bundestrainer nur zwei gewonnen hat –, erscheint in der Tat bemerkenswert. Und verwunderlich. Denn der Bundestrainer macht zu Recht darauf aufmerksam, dass alle elf Startspieler aktuell mit ihren Klubs in der Champions League beschäftigt sind. Die Widerstandskraft und Erfahrung sollte also vorhanden sein. Ist sie aber nicht. „Bild“ will bereits Risse in der Mannschaft identifiziert haben.

Zwei weitere offenkundige Probleme plagen das deutsche Team: Es betreibt vorne Chancenwucher in einer Dimension, die einen Trainer in seiner Coachingzone in die Nähe des Wahnsinns treibt. Kein Japaner hätte sich beschweren dürfen, wenn Deutschland bis zur 70. Minute mindestens 3:0 geführt hätte. Allein Serge Gnabry hätte zum gefeierten Helden werden können. Leon Goretzka, nach seiner Einwechslung fahrig, fasste zusammen: „Du führst 1:0, hast das Spiel im Griff, machst das zweite Tor nicht. Und dann spielt man bei so einer WM ja auch nicht gegen Vollblinde, und die machen dann 1:1 und dann das 2:1. Und dann hat man auf einmal verloren.“ Manuel Neuer schob Maximalfrust: „Es hätte nicht schlimmer kommen können.“

Weil das Toreschießen nur vom Elfmeterpunkt aus funktionierte, wäre es unerlässlich gewesen, die Konterabsicherung maximal zu konkretisieren. Das geschah aber nicht. „Jeder muss die Gier haben, das Tor zu verteidigen“, ärgerte sich Flick. Hinzu kamen offenkundige Abstimmungsfehler in der unter Flick stets sehr hoch stehenden letzten Kette, die im entscheidenden Moment vor dem 1:2 nicht auf einer Höhe agierte, weil Niklas Süle zwei Meter tiefer unterwegs war als seine Nebenmänner Antonio Rüdiger und der zu spät reagierende Nico Schlotterbeck. Verhaltensweisen eines doppelten Sekundenschlafs von Süle und Schlotterbeck, die selbst ein Trainer auf Kreisliganiveau als Kritikpunkt ausmachen würde. Flick nannte entgegen seiner Gewohnheit konkret Süle als denjenigen, der in diesem Moment seinen Job nicht gemacht hatte.

Mit dem Blick in die nahe Zukunft und auf die Größe des Angstgegners Spanien, gegen den der letzte Versuch vor zwei Jahren mit 0:6 in die Hose ging, macht all das wenig Hoffnung. Der Bundestrainer fordert nun „Charakter, um es anders anzugehen: trotzdem mutig, entschlossen und mit der Aggressivität, die man braucht bei einer Weltmeisterschaft“, denn: „Wir haben keinen Schuss mehr frei.“ Als Stimmungsaufheller durften die Spielerfrauen aus ihrem 30 Kilometer entfernten Resort ins Mannschaftsquartier kommen. Das war vorher so vereinbart gewesen und nicht dem betrüblichen Resultat geschuldet. Ein Trost in Zeiten der Ungewissheit, der den Druck des Gewinnenmüssens aber nicht schmälert. Schon am Sonntag könnte alles vorbei sein.

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