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Max Eberl 

Max Eberl

„Fußball darf nicht zu klinisch werden“

Max Eberl, Manager von Borussia Mönchengladbach, über das Heimspiel gegen den FC Bayern und seine Hoffnung, dass Dortmund die Meisterschaft holt. 

Herr Eberl, vor dem Hinspiel attestierten Sie den Bayern fehlende Leichtigkeit und fuhren danach mit einem 3:0-Sieg im Gepäck nach Gladbach. Wie steht es vor dem Heimspiel am Samstag (18.30 Uhr) um Ihr Gefühl?
Die Bayern haben in Liverpool herausragend verteidigt und dadurch ihre Chancen in der Champions League gewahrt. In der Bundesliga agieren sie zwar nicht ganz so souverän, gewinnen ihre Spiele aber dennoch. Die Bayern wissen einfach, wie sie mit solchen Situation umgehen müssen, und werden auch am Samstag hochkonzentriert auftreten.

In der Hinrunde hatten Sie bereits davor gewarnt, Bayern zu früh von der Meisterschaft abzuschreiben. 
Ohne den US-Sport zu hoch hängen zu wollen, aber die Bayern kennen sich nun. Und jetzt ist es nun mal so, dass Dortmund etwas zu verlieren und Bayern etwas zu gewinnen hat. Bislang war es meistens umgekehrt, deswegen bin auch ich gespannt, was die nächsten Wochen so passiert. Fakt ist aber: Borussia Mönchengladbach wird auf diesen Zweikampf wenig Rücksicht nehmen. Wir wollen für uns erfolgreich sein.

Der Trend ist nach zwei Heimpleiten nacheinander nicht positiv. Konnte die Mannschaft nicht damit umgehen, dass sie plötzlich als Titelanwärter gehandelt wurde? 
Erst einmal ist das ein Ritterschlag. Es bedeutet, dass man in Tabellenregionen steht, die für uns außergewöhnlich sind. Dass so etwas die Mannschaft kaltlässt, ist natürlich auszuschließen. Dennoch können wir das alles sehr realistisch einschätzen. Wenn sich eine außergewöhnliche Chance ergibt, werden wir versuchen, sie zu nutzen. Jetzt müssen wir kämpfen, um uns unsere Wünsche von Europa zu erfüllen.

An der Tabellenspitze ist es spannend wie lange nicht. Hat die Bundesliga das gebraucht? 
Vereine wie Leipzig, Frankfurt oder wir haben in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet. Bayern wiederum hat diese Saison stärkere Schwankungen drin als die Jahre zuvor. Und: Der Mut der Liga gegenüber Bayern ist endlich ein anderer. Zum Glück versucht mittlerweile jede Mannschaft, Bayern in jedem Spiel zu ärgern. All das hat dazu geführt, dass es spannend ist. Das tut der Bundesliga gut. Ob am Ende wieder Bayern Meister wird, kann ich nicht sagen – mittlerweile lässt es sich auch nicht mehr ausschließen. Der Bundesliga täte es gut, wenn Dortmund das Rennen macht, aber allein diese Saison zeigt, dass man den Bayern mit guter Arbeit Paroli bieten kann. 

Die Gladbacher um Alassane Plea (r., gegen Niklas Süle) setzten sich in München mit 3:0 durch.

Die Münchner wollen sich das nicht bieten lassen und werden wohl im Sommer über 200 Millionen Euro für Stars ausgeben. 
Und warum? Weil sie es können. Schöpft Bayern seine finanziellen Möglichkeiten aus, kann ihnen keine andere deutsche Mannschaft die Stirn bieten. Ausgehend von den nackten Zahlen müssten sie daher jedes Jahr Meister werden, aber im Sport geschehen immer wieder unvorhersehbare Dinge. Bayern kann mal ein schwaches Jahr erwischen, andere Mannschaften ein starkes – und schon ist es wieder spannend.

Apropos nackte Zahlen: Befindet sich der Fußball angesichts aberwitziger Transfersummen, Plänen von eine Superleague und der Champions League im Pay-TV noch auf dem richtigen Weg? 
Der Volkssport Fußball muss begreifbar bleiben, und dazu müssen wir alle unseren Teil beitragen – auch wenn die Übertragung der Königsklasse im Pay-TV kein Merkmal mehr dafür ist, dass sich der Fußball von der Basis distanziert. Das ist mir zu einfach. Es stimmt, dass viel Geld im Spiel ist. Dass wir mittlerweile mit absurden Ablösesummen und Gehältern konfrontiert werden, stimmt auch. Dass wir es mit irrationalen Ideen wie der von der Superleague zu tun bekommen, stimmt ebenso. Davon müssen wir uns aber alle klar distanzieren, wenn wir den Volkssport Fußball so erhalten wollen.

Erklären Sie das doch bitte mal genauer. 
Für die Basis ist es nicht mehr verständlich. Wir müssen aufpassen, dass wir diesen Sport nicht schlechter machen, dass er für die Leute begreifbar und schön bleibt. Damit das Spiel wieder im Vordergrund steht und eine Pleite wieder zu Trauer und ein Sieg zu Freude führt, müssen alle ihren Teil beitragen. Aktuell stehen immer mehr Ablösesummen, Gehälter und Skandale im Mittelpunkt. Wir sind alle gefragt, mit dem Gut Fußball behutsam umzugehen.

Welche Konsequenzen befürchten Sie? 
Dass der Fußball zu klinisch wird und sich von der Basis löst. Dass die Leute nicht mehr ins Stadion gehen und auch kein Pay-TV mehr kaufen. Alle glauben, dass sich die Schraube immer noch ein Stück weiter anziehen lässt, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine emotionale Krise fallen und die Menschen dem Fußball den Rücken zukehren.

Der Weg der Gladbacher Borussia bleibt also bodenständig? 
Wir haben natürlich auch unser Budget gesteigert, mal in Europa spielen dürfen und uns wieder in spannenden Tabellenregionen etabliert. Gleichzeitig muss man sich aber auch unsere Transferbilanz des vergangenen Sommers vor Augen führen: Wir haben 35 Millionen eingenommen und 35 Millionen ausgegeben. Wir können nur mit dem Geld hantieren, das wir einnehmen. Transfererlöse bedeuten aber gleichzeitig, dass wir einen guten Spieler verlieren und ersetzen müssen, um stark zu bleiben. Wir müssen junge Spieler finden, die wir entwickeln, um mit ihnen erfolgreich sein zu können – bei denen allerdings auch die Gefahr besteht, dass Europas Topklubs sie uns wegkaufen. Das ist unser Los.

Man entdeckt ein Talent, bildet es aus – dann kommt ein Großer, und man muss wieder von vorn anfangen. Klingt nach einem Hamsterrad. 
Ober sticht Unter - so ist es beim Schafkopf und beim Fußball auch. Oftmals habe ich aber das Gefühl, Borussia Mönchengladbach wird als Ausbildungsverein tituliert. Davon distanziere ich mich. Ich mache das, um Erfolg zu haben – um Europapokal zu spielen und Titel zu holen.

Ihr Vertrag läuft bis 2022. Liebäugeln Sie mit neuen Aufgaben? 
Ich bin seit zehn Jahren Sportdirektor und seit über 20 im Verein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich hier in 20 Jahren in Rente gehe, ist eher gering. Es ist durchaus möglich, dass ich irgendwann einen neuen Schritt gehe, aber das ist alles hypothetisch. Aktuelle Gedanken sind das nicht.

Jüngst kamen wieder Gerüchte über ein Engagement beim FC Bayern auf, worauf Uli Hoeneß sagte, dass Sie in den Überlegungen „überhaupt keine Rolle“ spielen würden. 
Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Uli Hoeneß hat das gesagt, und mich hat niemand gefragt. Das sind zwei Fakten, die härter nicht sein können.

Sie stehen weiter regelmäßig in Kontakt mit Bayern-Präsident Hoeneß? 
Tatsächlich ist es so, dass ich Uli Hoeneß – so wie es sich gehört – zum Geburtstag gratuliere und er einer der Menschen ist, die ich anrufe, wenn ich den Rat eines Topmanagers benötige. Man müsste mich ja eigentlich bestrafen, wenn ich es nicht täte.

Ihre Nähe zu den Bayern ist bekannt. Einer der wenigen Klubs, bei denen sie schwach würden? 
Bayern München ist mein Jugendverein. Ich bin 13 Jahre dort gewesen und meine Ausbildung zum Mensch und zur Persönlichkeit habe ich neben meinen Eltern vor allem diesem Klub zu verdanken. Es ist ein Verein meines Herzens. Mittlerweile bin ich aber auch 20 Jahre in Gladbach. Daran sieht man, dass ich schon einer bin, der Vereinstreue lebt.

Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge bereiten mittlerweile in München ihren Rückzug vor. Sind die Bayern ohne die beiden Alphatiere überhaupt vorstellbar? 
Der FC Bayern ist ihr Lebenswerk. Wenn sie eines Tages nicht mehr an der Kommandobrücke stehen, wird der FC Bayern anders sein. Hoffentlich wird Bayern nicht zum zweiten Manchester United, das ist das mahnende Beispiel. Alex Ferguson hat den Klub 25 Jahre lang an die Weltspitze geführt – und dann geht innerhalb von drei Jahren alles verloren, was dieser Klub je verkörpert hat.

Interview: José Carlos Menzel López

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