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Max Eberl kann nicht mehr: „Ich will einfach raus“

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Von: Ingo Durstewitz

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Braucht Abstand vom Fußball: Max Eberl.
Braucht Abstand vom Fußball: Max Eberl. © Christian Verheyen/dpa

Geschäftsführer Max Eberl nimmt nach 23 Jahren überraschend Abschied von Borussia Mönchengladbach - müde und zermürbt vom Geschäft: „Die Kraft ist weg.“

Mönchengladbach - Am Freitagmittag hat Max Eberl ein letztes Mal all seinen Mut zusammengekratzt und den vielleicht schwersten Gang seines Lebens angetreten, den an die Öffentlichkeit und vor die Fernsehkameras, um seinen Rücktritt nach 23 Jahren bei Borussia Mönchengladbach bekannt zugeben. Aber was heißt Rücktritt? Jene Pressekonferenz aus dem Keller des Borussia-Parks wird in die Geschichte eingehen, es war ein außergewöhnlicher, emotionaler Auftritt eines Menschen, der psychisch in eine Sackgasse geraten ist und nur noch einen Ausweg kennt: Schluss mit allem. „Ich will einfach raus, ich will mit Fußball nichts zu tun haben. Ich will Max Eberl sein“, sagte Max Eberl, der Mensch, nicht der Manager, der sich keine Schwächen zugestand.

Max Eberl aus Niederbayern offenbarte in bewundernswerter Offenheit einen Blick in seine Seele. Es war ein Hilfeschrei und auch eine kleine Abrechnung mit dem Geschäft, das er so sehr liebt und das ihn so krank gemacht hat. „Ich bin einfach müde und erschöpft. Und deshalb beende ich das, was mein Leben war“, sagte er mit brüchiger Stimme und unter Tränen. Die Hände schlug er vors Gesicht. Immer wieder.

Max Eberl: „Ich habe gespürt, dass es in die falsche Richtung geht.“

Max Eberl, seit fast zweieinhalb Jahrzehnten am Niederrhein und seit 13 Jahren Sportdirektor, hat es sich nicht leicht gemacht. Schon länger spürte er, dass etwas nicht stimmte, dass er vieles nicht mehr ertrug und er nicht mehr das bewältigen konnte, was er doch immer bewältigt hatte. „Ich habe gespürt, dass es in die falsche Richtung geht.“

Auch deshalb hat er schon vor einem Jahr die weiße Fahne gehisst, zur Hälfte nur, und sich eine vierwöchige Auszeit genehmigt – nach zwei Wochen war er intern schon wieder da. Er, Eberl, der Feuerwehrmann, weil er löschen musste: Einer seiner Spieler war während der Corona-Hochzeit übers Dach vor der Polizei geflohen und hatte sich in einer Badewanne versteckt. Eberl steckte wieder voll drin im Fußballalltag mit all seinen Extravaganzen und Überdrehtheiten. „Ich bin sehr hart in der Realität aufgeprallt.“

Max Eberl: „Ich muss einen Schlussstrich ziehen“

Und so nahm dieser Prozess Fahrt auf, verstärkte sich dieses fortwährende Gefühl, das alles nicht mehr stemmen zu können und vor allem: nicht mehr stemmen zu wollen. „Ich muss einen Schlussstrich ziehen“, sagte der 48-Jährige. „Ich muss auf meine Gesundheit achten. Ich habe mich mit aller Kraft, die ich hatte, um die Borussia gekümmert wie um ein Kind. Jetzt ist die Kraft weg.“ Er werde auch nicht, wie vorschnell spekuliert, bei einem anderen Verein anheuern. Das war das einzige Mal, dass er ein vor Absurdität strotzendes Lächeln zustande brachte und die Stimme hob. Wer ernsthaft glaube, er wolle irgendwo anders einfach weitermachen, dem sei nicht mehr zu helfen. „Ich muss raus aus der Mühle“, wiederholte er. „Ich will Spaß haben und die Welt sehen. Ich werde mir Zeit nehmen und wie Hape Kerkeling einfach mal weg sein.“

Neben Eberl saßen Präsident Rolf Königs und Vize Rainer Bonhof, sichtbar mitgenommen und konsterniert. Gerade Boss Königs schien mit der Entwicklung so gar nicht einverstanden. „Wir haben das respektiert, nicht akzeptiert“, sagte er. Dass da einer mental am Rande seiner Belastungsgrenze angekommen oder gar darüberhinaus war, schien der 80-Jährige nicht zu realisieren.

Der Kommentar

Borussia Mönchengladbach: Mit Max Eberl verlieren die Fohlen ihr Gesicht

Vielleicht konnte er es auch nicht. Sagt jedenfalls Max Eberl. „Der Klub konnte nichts merken. Ich habe nie signalisiert, wie es mir wirklich geht, ich habe meinen Job gemacht.“ Da kann man mal sehen, wie massiv und undurchdringlich die Fassade ist, die so ein Fußballmanager um sich herum aufbaut.

Eberl selbst kann sich sogar erklären, wie es so weit kommen konnte. Er sei direkt nach seinem Karriereende als Profi in die Jugendakademie gewechselt, „habe dort von acht bis acht gearbeitet, sieben Tage die Woche“. Bis er vor 13 Jahren befördert wurde in die Geschäftsführung, „da wurde es dann noch mehr.“ Er war sich nie zu schade für irgendetwas, hat immer vollen Einsatz gegeben. „Ich war als Spieler nicht von Talent getragen, das habe ich mit Arbeit und Fleiß wettgemacht. Alles, was ich mache, mache ich mit 100 Prozent.“ So hat er sein Leben bestritten, so hat er sich an den Rand des Burnouts malocht.

Die Branche widerte Max Eberl zunehmend an

Auch die Branche mit den Wichtigtuern, das mediale Brennglas, die Sozialen Kanäle – all das widerte ihn fast schon an. „Ich wünsche mir, dass man den Menschen respektiert, dass das Spiel im Mittelpunkt steht und nicht die Geschichten drumherum.“ Er werde die Rastlosigkeit und Schnelllebigkeit der Zunft und der Welt nicht ändern können, aber jeder könne in seinem Mikrokosmos etwas dafür tun. „Ich habe es für mich getan.“

Spätestens nach seinem konfusen Auftritt in einer Pressekonferenz vor wenigen Wochen, als er Trainer Adi Hütter zweimal mit Dieter ansprach, erschrak er vor sich selbst. Da war ihm klar, dass es vorbei ist, auch wenn der Zeitpunkt unglücklich ist. Er könne angesichts der sportlichen Krise „die Menschen verstehen, die sagen, wie kann er jetzt gehen. Aber es geht nicht um Fußball, es geht um mich. Das erste Mal in meinem Leben denke ich nur an mich“, sagte Max Eberl, der Ex-Manager. (Ingo Durstewitz)

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