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Wortgewaltig: Matthias Sammer, Fußballexperte.

Matthias Sammer

Der Düsentrieb des deutschen Fußballs

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Matthias Sammer liest dem DFB und den Profiklubs die Leviten.

Es ist nicht immer ganz einfach, Matthias Sammer zu folgen. Der 51-Jährige pflegt seine Sätze bisweilen ins Seitenaus laufen zu lassen. Der Mann, der schon Profi war, erst Nationalspieler der DDR, dann bester Mann des Europameisters 1996, der Meistertrainer war, DFB-Sportdirektor war, Bayern-Sportchef war, TV-Experte und Berater von Borussia Dortmund ist, hat sich es noch nicht ganz abgewöhnt, so kompliziert zu denken und zu sprechen, dass mittelmäßig intellektuelle Menschen ihm bald nicht mehr folgen können. Aber er garniert seine Ergüsse dankenswerterweise mit knappen Sätzen, die sitzen wie Dropkicks im Torwinkel.

Beim Sportbusiness-Kongress Spobis waren die Herren Christian Heidel (Schalke), Michael Preetz (Berlin) und Fredi Bobic (Frankfurt) gerade runter von der großen Bühne, da kam Sammer rauf. Heidel, Preetz und Bobic hatten ihre Lobbyarbeit als Bundesligamanager routiniert absolviert und unter anderem leicht säuerlich wissen lassen, dass das Produkt Profifußball in Deutschland „chronisch schlechtgeredet“ würde. Und dann folgte der fast schon vollständig zum Fußball-Philosophen ausgewachsene Fachmann Sammer und ließ sich nicht beirren.

Er habe, bekundete der Düsentrieb des deutschen Fußballs, „zwischenzeitlich das Gefühl gehabt, dass der deutsche Fußball seine Identität verloren hat“. Man laufe hierzulande „aktuell der Musik hinterher, sowohl in der Nationalmannschaft als zum Teil auch bei den Klubs“. Es brauche dringlich „den Mut, heute schon an übermorgen zu denken“, genau das scheine „in Deutschland etwas abhandengekommen“ zu sein. Der Ex-Feuerkopf vermisst mal wieder „Siegermentalität und Persönlichkeit“ im deutschen Fußball, der „aufgrund seiner Tradition verpflichtet“ sei, „in der Weltspitze zu agieren“. Der Einfluss von Pep Guardiola habe zu gewissen Kopiereffekten geführt, nur: „Wir haben das Fundament gar nicht und nicht den Verstand“.

Matthias Sammer sieht noch erhebliches „Potenzial zur Verbesserung“. Es mangelt ihm an sportlicher Kompetenz in den Klubs, und vor allem auch im DFB und der Deutschen Fußball-Liga. Der deutsche Fußball sei an einem Punkt angekommen, „an dem wir viel diskutieren, aber nicht richtig vorangekommen sind“. Der Eurosport-Experte wähnt sich „in einer egomanischen Zeit, auch, was die Positionen der Verantwortlichen in einem Verein angeht“. Ergo: „Du musst Topleute holen, die das Ganze sehen“. Der ehemalige Weltklassespieler plädiert für Pragmatismus, und er führt wortgewaltig aus: „Aktionismus ist die Verrücktheit der Wilden, die dich wahnsinnig macht“.

Trainer „zu sehr hofiert“

In der Talentförderung sieht er Optimierungsbedarf: „Die Menschenlogik sagt, dass du bei Geburt noch nicht alt bist“. Woraus Sammer messerscharf folgert: „Wer die Nachwuchsarbeit aufgibt, wird als Fußballland pleitegehen“. Für die neue, 150 Millionen Euro teure DFB-Akademie, die 2021 in Frankfurt fertiggestellt sein soll, zeigt er offenbar wenig Enthusiasmus: „Du kannst eine wunderbare Akademie mit den falschen Schwerpunkten bauen, dann bringt das gar nichts“. Konkret wurde der Mann, der den DFB von 2006 bis 2012 als Sportdirektor mitverantwortlich in Richtung WM-Titel 2014 führte, allerdings nicht.

Kritisch sieht er auch den Umgang mit Trainern in vielen Klubs: Mancher Trainer würde „so sehr hofiert, dass er denkt, er sei der liebe Gott“. Jeder Trainer benötige „ein Äquivalent im Verein“. Sonst laufe der Klub Gefahr, dass der Trainer „nach einem Jahr die Nase voll hat und einen Saustall hinterlässt“. Er selber, so Multimann Sammer, habe derzeit nur eine Planung für seine berufliche Laufbahn: „Ich liebe den Fußball“ und möchte deshalb sicherstellen, „dass der Fußball mir nicht davonläuft“. Derzeit sieht es wahrlich nicht danach aus.

Der von Sammer beratene Tabellenführer Borussia Dortmund holte übrigens zu Saisonbeginn sechs Ausländer und den Deutschen Marius Wolf von Eintracht Frankfurt. Der sitzt meistens auf der Bank oder der Tribüne. Sammer weiß, wovon er spricht.

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