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Matthias Sammer - Experte ohne Meinung.

Kommentar TV-Experten

Befangener Experte

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Bei der Partie 1. FC Nürnberg gegen Borussia Dortmund schien es, als habe jemand beim Experten Matthias Sammer den Stecker gezogen.

Das Expertentum des deutschen Profifußballs ist vielleicht die Boombranche schlechthin. Weil die Vereine immer nach ständig steigenden Medienerlösen lechzen und die Kartellwächter keine Monopolstellungen mehr dulden, hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) die Übertragungsrechte auf allen Ebenen gesplittet. Und so teilen sich die Live-Übertragungen drei Sender. Der dominante Pay-TV-Anbieter Sky, die öffentlich-rechtliche Anstalt ZDF und der Spartensender Eurosport, der sich bei Fans der wohl geringsten Beliebtheit erfreut, weil sein Streaming-Angebot zugleich das technisch anspruchvollste und damit auch störungsanfälligste darstellst.

Am Montagabend bei der Partie 1. FC Nürnberg gegen Borussia Dortmund (0:0) schien es, als habe jemand beim Experten Matthias Sammer den Stecker gezogen. Warum stockte ihm so oft die Sprache? Der Medienprofi stand in seinem gläsernen Studio gewiss nicht unter dem Eindruck jener Nürnberger Eindringlinge, die auf den Wochenanfang verschobene Bundesligaspiele so erfreulich finden wie den nächsten Abstieg des „Club“.

Sammer fiel es alleine schwer, zwei Herren zu dienen. Einerseits sollte er messerscharfe Analyse aufstellen, warum der Spitzenreiter gegen das Schlusslicht nicht über eine Nullnummer herausgekommen war. Andererseits spürte er, dass er als externer Berater bei Borussia Dortmund diesmal nicht Klartext reden konnte. Was aber nicht zu einem Fachmann passt, von dem genau das erwartet wird. Der gebürtige Sachse, einst mit voller Haarpracht noch als Feuerkopf bekannt, hatte bei seinem Einsatz vor anderthalb Wochen in Hannover noch einen ehemaligen Ost-Kumpel Thomas Doll bemitleidet, weil er zu dem Begriff Himmelfahrtskommando keine Steigerung fand – so schlimm fand er damals die 96-Darbietung.

Nun aber beim gruselig einfallslosen Dortmunder Auftritt fiel ihm die Schelte auf einmal schwer. Typischer Fall von Interessenskonflikt: Wer in regelmäßigen Abständen mit Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Sebastian Kehl über die richtige Ausrichtung streitet, will nicht öffentlich ins Hoheitsgebiet der Führungstroika hineinreden. Der Spagat im Max-Morlock-Stadion musste misslingen. So formulierte der 51-Jährige eigenartig umständlich, fast schon im Stile jener Politiker, die sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen.

ARD handelt konsequent

Sammer kam nicht mal über die Lippen, wie hilf- und ratlos der westfälische Meisterschaftsanwärter gegen das Bollwerk des fränkischen Abstiegskandidaten angerannt war. Irgendwann schien er froh, dass die eigentlichen Protagonisten, die Dortmunder Profis, Klartext redeten. Endlich konnte er beipflichten. Für den seit dieser Saison auf der Bundesliga-Bühne präsenten Player Eurosport kann es eigentlich nur eine Konsequenz geben: Entweder wird mit Sammer offen gesprochen – sollte doch bei seinem Charakter kein Problem sein -, dass diese Befangenheit nicht wieder vorkommt.

Oder aber der Chefkritiker sagt ebenfalls ehrlich, dass es bei BVB-Beteiligung einen anderen Fachmann benötigt, mit dem der Studiomoderator Jan Henkel den Doppelpass spielt. Die ARD hat am Dienstag in einem ähnlichen Fall sehr konsequent gehandelt: Thomas Hitzlsperger tritt ab sofort nicht mehr als Fernsehexperte in Erscheinung, weil er in seiner Funktion als Sportdirektor des VfB Stuttgart nicht in Situationen geraten möchte, die für alle Beteiligten – und vor allem den Fernsehkonsumenten – höchst unerfreulich sind. Schlechte Experten, die keine Ahnung haben, sind ein Ärgernis. Gute Experten, die nicht sagen dürfen, was sie denken, aber auch.

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