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Martina Voss-Tecklenburg: Titelreife Trainerin

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Von: Frank Hellmann

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Daumen hoch, weil es bislang in England gut läuft: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.
Daumen hoch, weil es bislang in England gut läuft: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. © afp

Die deutsche Bundestrainerin spricht vor dem EM-Viertelfinale gegen Österreich über einen Wandlungsprozess, der das DFB-Team noch weit bringen soll.

Erst kürzlich, das erzählt Martina Voss-Tecklenburg fast am Ende des Gesprächs, war sie wieder unendlich stolz. Auf sechs Nationalspielerinnen, die spontan zum Zeugwart Steve Smith gingen, der im Quartier im Syon Park von Brentford in seiner Kammer einen Berg schmutziger Wäsche vor sich liegen hatte. Der gewichtige US-Amerikaner gilt als die gute Seele der deutschen Delegation. Gemeinsam war der riesige Haufen in Windeseile wegsortiert.

Es sind kleine Dinge, die bei Fußball-Turnieren etwas Großes wachsen lassen. Und wenn alle gemeinsam anpacken, dann wird Deutschlands Frauen-Nationalteam auch das EM-Viertelfinale gegen Österreich (Donnerstag 21 Uhr/ARD) meistern. Davon ist die Bundestrainerin überzeugt, die erstmals abseits der offiziellen Pflichttermine in England ausführlich über ihre Arbeit und ihre Person gesprochen hat. Der Wandlungsprozess ist offenkundig.

Die 54-Jährige ist jetzt viel mehr Anker als bei der WM 2019, die mit dem Viertelfinalaus gegen die bis dahin als Lieblingsgegner geltenden Schwedinnen (1:2) an jener Stelle endete, an der der achtfache Europameister und zweifache Weltmeister jetzt wieder steht. Im langen Vorlauf auf jenes K.o.-Duell im französischen Rennes verzettelte sich auch Voss-Tecklenburg, die eine überraschende Aufstellung wählte. Nach einem plötzlichen Rückstand war ihr Ensemble mittellos. Und die Trainerbank ratlos. Woran es gelegen hat? Die Kenntnis über Stärken und Schwächen jeder Einzelnen, gerade in Drucksituationen, sei damals noch nicht vorhanden gewesen: „Wir hatten Spielerinnen, die nur bemüht waren, die Rollen anzunehmen, die das aber nicht erfüllen konnten“. Quintessenz: „Wir waren 2019 in vielen Bereichen noch nicht so weit.“ Experimente wie damals wird es nicht mehr geben. Der Respekt vor den Österreicherinnen ist groß, aber sie sagt auch: „Wenn wir scheitern, scheitern wir an uns. Aber das kann ich mir im Moment nicht vorstellen.“

Es ist kein Geheimnis, dass auch Voss-Tecklenburg und ihr Team in Frankreich noch nicht titelreif waren. Auch zwischenmenschlich hakte es. Die vom DFB ausgewählte, inzwischen eng an sie gebundene Assistentin Britta Carlson, der aus der Zeit von Horst Hrubesch übernommene Thomas Nörenberg, der aus der Schweiz mitgebrachte Patrik Grolimund, brachten unterschiedliche Charaktere, Ansichten und Herangehensweisen mit.

Beim allerersten Lehrgang im Winter 2019 in Marbella hätten alle wild durcheinander etwas hineingerufen. Heute schmunzelt die Bundestrainerin drüber. Das konnte nicht gutgehen. Der Findungsprozess war mühsam - und Voss-Tecklenburg eine Treiberin. Treffen im Schwarzwald, Teamevent auf einer Hütte oder auch ein Gin-Testing halfen, um sich besser kennenzulernen. Und: „Einmal im Jahr lade ich alle nach Straelen zu mir nach Hause ein.“ Ihr Ziel: belastbare Beziehungen schaffen. Ihr Credo: „Wir brauchen erst Klarheit bei uns, bevor wir Klarheit bei den Spielerinnen verlangen.“

Zum Spiel

Deutschland: Frohms – Gwinn, Hendrich, Hegering, Rauch – Oberdorf – Däbritz, Magull – Huth, Popp, Bühl.

Österreich: Zinsberger – Wienroither, Wenninger, Schnaderbeck, Hanshaw – Puntigam – Dunst, Feiersinger, Zadrazil, Hickelsberger-Füller – Billa.

Es gibt viele Indizien, die darauf hindeuten, dass die DFB-Fußballerinnen diesmal nicht über die Hürde ins Halbfinale der Frauen-EM 2022 stolpern. Dass der Weg auch in Milton Keynes, wo es nächsten Mittwoch zum Halbfinale gegen Frankreich oder die Niederlande kommen könnte, auch noch nicht vorbei ist. In genau einem Jahr beginnt bereits die WM 2023 in Australien und Neuseeland. Ein riesiges Turnier, erstmals 32 Teilnehmer, mit riesigen Entfernungen und Herausforderungen. Den noch nicht endgültig qualifizierten DFB-Frauen gehört auch nächsten Sommer die große Bühne. Und so sagt die Trainerin: „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen.“ Da wo ihr Team jetzt stehe, „das ist nicht außergewöhnlich, das ist der Anspruch“.

Eine Fußballlehrerin erspäht immer Steigerungspotenzial. Wo bitte? „Wenn wir das nächste Mal gegen Spanien spielen, möchte ich nicht nur 30 Prozent Ballbesitz haben.“ Das von ihr mitentworfene Playbook bis runter zu den U15-Juniorinnen umfasst 100 Seiten. Vom Spielaufbau über Pressingverhalten bis zum Angriffsspiel.

Voss-Tecklenburg hat gebraucht, um ihre Rolle als DFB-Trainerin für sich zu fassen; in einem Verband, der nicht in einer Woche, einem Monat und auch noch nicht in einem Jahr zu verstehen ist. „In der Schweiz war ich mit meinem Co-Trainer lange ganz allein.“ Ihr kam das eigentlich vom Typ zugute. „Ich war immer sehr dominant. Ich wollte am liebsten von vorne bis hinten als Trainerin alles alleine machen.“ Heute kann sie delegieren. Sehr viel sogar.

Und sie hat es sich abgewöhnt, mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen. Als 125-fache Nationalspielerin hat sie es zwar nicht anders kennengelernt, dass von Trainerseite vorgegeben wird, was gemacht wird, aber heutzutage wollen die Spielerinnen mehr Feedback haben. Der Perspektivwechsel, erklärt sie, schaffe Vertrauen.

Nur überall kann sie sich nicht ändern. Mag sie gerade entspannt rüberkommen, werden ihre Emotionen doch stets Teil von ihr bleiben. Wenn sie am Spielfeldrand schreie, sei das keine konstruktive Hilfe, „die Anweisungen müssen klar und sauber sein“. Auch da wähnt sich eine fast rastlose Persönlichkeit weiter. Nur muss selbst eine lebensbejahende Powerfrau vom Niederrhein mal runterfahren – oder zumindest etwas machen, was nichts mit Fußball zu tun hat.

Nach dem Aufstehen gegen 6.45 Uhr geht sie im Teamhotel gleich morgens eine halbe Stunde Schwimmen, „dann ist der Pool noch ganz leer“. Die erste Sitzung nach dem Frühstück startet um 9.15 Uhr. Abends, das bringt ein Turnier mit sich, „wird dann wieder oft Fußball geschaut“. Sie geht meist als eine der Letzten ins Bett, weil sie gerne Karten spielt, mit Leuten aus dem Staff redet. In die Gruppe hineinhorchen, für die sie nach außen spricht.

Kürzlich am freien Tag hat sie tatsächlich mal zwei Stunden in der Hängematte gelegen. Und ein Buch zu Ende gelesen. Der zweite Teil von Susanne Abel „Was ich nie gesagt habe: Gretchens Schicksalsfamilie.“ Ein Bestseller, der Themen wie Demenz, Rassismus, Ausgrenzung und Flucht zu Zeiten des Nationalsozialismus behandelt. Kann sie nur jedem empfehlen.

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