+
Dialog in Kassel; Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mit Joachim Löw.

Martina Voss-Tecklenburg

Die Wagemutige auf neuen Wegen

  • schließen

Die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg beschreitet zur Premiere mit den DFB-Frauen in Frankreich gleich ganz neue Wege.

Doppelpass in dieser Form hatten Joachim Löw und Martina Voss-Tecklenburg noch nie gespielt. Klar, der Bundestrainer und die Bundestrainerin versicherten sich schon häufiger ihrer gegenseitigen Wertschätzung, aber eine gemeinsame Talkrunde mit den Verantwortlichen für Männer- und Frauen-Nationalmannschaft gab es noch nicht. Insofern sorgte der Amateurfußball-Kongress des DFB in Kassel für eine Premiere. Während Löw über seine Jugendzeit im idyllischen Örtchen Schönau plauderte („Mein Vater und meine drei Brüder sind jeden Tag zum Fußballplatz“) oder von seiner Schweizer Erfahrung als Spielertrainer beim SC Frauenfeld („Meine schönste Zeit als Trainer“) berichtete, verriet Voss-Tecklenburg, dass sie schon mal für zwölf Wochen bei der zweiten Herren des SV Straelen ausgeholfen habe, um eine führungslose Hobbytruppe am Niederrhein vor dem Abstieg zu bewahren.

„Beim ersten Training waren nur sechs, beim zweiten schon zwölf Spieler da. Es hat sich herumgesprochen: ‚Die Martina trainiert uns.’“ Am Ende stand der Klassenerhalt. SV Straelen ist der Heimatverein ihres Ehemannes Hermann Tecklenburg, ein erfolgreicher Bauunternehmer, der als Mäzen und Präsident die erste Mannschaft gerade bis in die Regionalliga West gehievt hat. „Er lebt mit einer Frau, die mit dem Fußball verheiratet ist“, erzählte die 51-Jährige den Vereinsvertretern in Kassel.Voss-Tecklenburg hatte an einem arbeitsreichen Wochenende bereits eine Stippvisite in der Frauen-Bundesliga und einen abendlichen Besuch auf dem Mainzer Lerchenberg im ZDF-Sportstudio hinter sich. Sonntagabend folgte eine letzte Besprechung mit ihrem Trainerstab in Frankfurt. Denn am Montag ist das deutsche Frauen-Nationalteam nach Frankreich gejettet, um sich auf das erste Länderspiel des Jahres beim WM-Gastgeber (Donnerstag 21 Uhr/Eurosport) vorzubereiten.

Birgit Prinz soll helfen

Das Stadion in der Kleinstadt Laval ist ausverkauft, in Frankreich sei die Vorfreude auf die Frauen-WM (7. Juni bis 7. Juli) bereits vielerorts zu spüren, findet Voss-Tecklenburg. Der Gegner sei überdies in einer beeindruckenden Frühform, „sie bieten extremes Tempo auf und haben große Fortschritte gemacht“. Bezeugt übrigens durch ein 3:1 zu Jahresanfang gegen den überrumpelten Weltmeister USA.

Die deutsche Trainerin braucht also Abwehrmaßnahmen und hat ins Quartier in Rennes – Schauplatz des ersten WM-Gruppenspiels gegen China (8. Juni) – etwas überraschend Birgit Prinz mitgenommen. Die 214-fache Nationalspielerin begleitet die DFB-Frauen für dieses und das nächste Länderspiel in Schweden (6. April) als Sportpsychologin, nachdem sie seit 2012 diesen Bereich bei der TSG Hoffenheim mit abdeckt. Da sich die 41-Jährige jedoch öffentlich extrem zurücknimmt, war es um die Rekordtorjägerin eher still geworden. Kürzlich beim Treffen zum 20-jährigen Bestehen des 1. FFC Frankfurt im Römer wirkte die gebürtige Frankfurterin fast scheu.

Sie sei gespannt auf die Aufgabe, wolle ihre Erfahrung einbringen und neue dazugewinnen, teilte Prinz mit. „Birgit hat auf ebenso beeindruckende Weise ihre zweite Karriere verfolgt“, erklärte Voss-Tecklenburg die Erweiterung ihres Betreuerstabs. Dass sich die 125-fache Nationalspielerin an die vielleicht bekannteste deutsche Fußballerin erinnert, spricht für ihren offenen Horizont. Einige verletzungsbedingte Absagen und der drohenden Ausfall der neuen Kapitänin Alexandra Popp (Oberschenkelblessur) können ihre positive Grundstimmung vor ihrer Premiere nicht schmälern. Die Bundestrainerin möchte mit dem Härtetest erfahren: „Welche Ansprachen, welcher Rahmen braucht das Team?“ Für Freitag ist die Rückreise nach Deutschland und noch ein geheimes Testspiel gegen ein männliches Juniorenteam geplant, ehe in München zwei Marketingtage die Maßnahmen abrunden. Am Ende will Voss-Tecklenburg zuvorderst „die Menschen hinter den Spielerinnen“ besser kennengelernt haben.

Sie selbst rennt mit ihrer authentischen, fast mitreißenden Art offene Türen ein und befindet sich auf bestem Wege, zum Gesicht des deutschen Frauenfußballs zu werden. „Unsere Fußballerinnen verdienen, dass ihren Leistungen Respekt gezollt wird“, findet die gebürtige Duisburgerin. Sie verkörpert Fleiß und Erfahrung, steht für Hingabe und Leidenschaft. Und sie scheut sich nicht, eingefahrene Strukturen zu hinterfragen. Mit großem Interesse hat sie jetzt das Debüt von der ehemaligen Bundesligaspielerin Imke Wübbenhorst auf der Trainerbank beim Männer-Fünftligisten BV Cloppenburg verfolgt. Hätte Voss-Tecklenburg nicht den DFB-Job bekommen, wäre sie nach eigener Aussage vielleicht diejenige gewesen, die Initiativbewerbungen an so manchen Dritt- oder Viertligisten geschrieben hätte. Ihr Urteil: „Die Frauen sind dafür bereit, die Männer nicht.“ Man traue sich nicht, solch eine Entscheidung zu treffen, weil man „sich vielleicht auch nie damit auseinandergesetzt hat“. Dabei gebe es genügend Frauen.

Der Kampf um Gleichbehandlung ist noch längst nicht in allen Bereichen gewonnen. Da hilft auch nicht darüber hinweg, dass Joachim Löw in ihrem Beisein artig die Fortschritte ehemaliger Spielerinnen des SC Freiburg gelobt hat, die in seiner wöchentlichen Freizeitrunde mitkicken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion